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10. Juni 2011
Carbon Capture and Storage (CCS) ist nur eine Säule in der internationalen Klimaschutzpolitik, allerdings eine wichtige. Derzeit sieht es jedoch nicht so aus, als könne diese Säule in den kommenden zwei Dekaden die ihr zugedachte Last tragen. Ohne CCS ist das 2°C-Ziel aber noch mehr in Gefahr, als dies ohnehin der Fall ist. Daher müssten dem grundsätzlichen Bekenntnis der Politik zu CCS und der Erkenntnis, dass CCS für den Klimaschutz einen Beitrag leisten kann, auch Taten folgen: Die Erforschung der Technologie steht dabei an erster Stelle, für die Implementierung bräuchte es dann vor allem Preissignale für CO2. In jedem Fall erscheint es lohnenswert, die Forschung auch im Bereich Carbon Capture and Usage zu intensivieren. [mehr]
CCS für den Klimaschutz: wichtig, mühsam, teuer Research Briefing Wirtschaft & Politik Autor Eric Heymann +49 69 910 - 31730 eric.heymann@db.com Editor Tobias Just Publikationsassistenz Sabine Berger Deutsche Bank Research Frankfurt am Main Deutschland Internet: www.dbresearch.de E-Mail: marketing.dbr@db.com Fax: +49 69 910-31877 DB Research Management Thomas Mayer Energienachfrage und CO 2 -Emissionen steigen Die Internationale Energieagentur (IEA) hat kürzlich berichtet, dass der globale CO 2 -Ausstoß im Jahr 2010 um 5% gg. Vj. gestiegen ist und damit ein neues Rekordniveau erreicht hat. Dies ist durch den rasanten wirtschaftlichen Aufschwung in weiten Teilen der Welt begründet. Denn die globale Energie- versorgung beruht zu gut 80% auf fossilen Energieträgern. Gerade in den Entwicklungs- und Schwellenländern ist es vor allem die Kohle, die den zusätzlichen Energiehunger stillt. Denn Kohle ist relativ günstig, in vielen Ländern reichlich verfügbar und kann für verschiedene Zwecke eingesetzt werden: zur Strom- und Wärmeerzeugung und nach Umwandlung in Gas oder flüssige Kraftstoffe sogar für Mobilitätszwecke. Laut IEA entfielen 2010 rd. 44% der globalen energiebedingten CO 2 -Emissionen auf die Kohle; 2004 waren es erst 40%. Damit liegt die Kohle klar vor Öl und Gas. Bis 2030 wird der globale Primärenergieverbrauch im Business-as-usual-Szenario der IEA um 1,5% p.a. steigen. Der Anteil der Kohle dürfte um rd. 2%-Punkte auf 29% wachsen. — Der globale Energieverbrauch steigt und beruht noch immer zu rd. 80% auf fossilen Energieträgern. Kohle stillt gerade in den aufstr e benden Volkswirt schaften den zusätzlichen Energiehunger, denn s ie ist güns tig, reichlich vorhanden und flexibel einsetzbar . Der Anteil der Kohle am wachsenden Primärenergieverbrauch nimmt laut IEA - Prognosen bis 2030 weiter zu . D amit geht ein steigender CO 2 - Ausstoß einher. Laut Internationale r Energieagentur (IEA) sind die globalen CO 2 - Emi ssionen allein 2010 um etwa 5% gg. Vj. auf ein neues Rekordniveau ge stiegen . — Angesichts dieser negativen Aussichten für das Klima betonen viele Marktbeobachter die Bedeutung der CCS - Technol o gie (Carbon Capture and Storage, also das Abscheiden und Speichern von CO 2 ). Die IEA schätzt, dass bis zu 20% der zum Erreichen des globalen Klimaziels notwendig en Halbierung der energiebedingten Treibhausgasemissi o- nen durch CCS erreicht werden können. — Die technische Machbarkeit von CCS steht dabei weitgehend außer Frage. Gleichwohl gibt es wichtige Hürden für CCS. In Deutschland sind diese vor allem politischer A rt, denn angesichts drohender Bürgerpr o- teste scheint CCS hierzulande derzeit keine echte Chance zu haben. — Außerhalb Deutschlands und der EU sind es vor allem fehlende Prei s- signale für CO 2 , die den Einsatz von CCS erschweren. Dennoch wollen die meisten führ enden Wirtschaftsnationen der Erde die Forschung in diesem Bereich intensivieren; hierfür stehen USD 40 Mrd. bereit. — Für das Erreichen des 2°C - Ziels ist CCS nur eine Säule, die unter den aktuellen und erwarteten Rahmenbedingungen die ihr zugedachte Last ab er wohl nicht tragen kann. Weitere Maßnahmen sind notwendig. Dazu zählen die Steigerung der Energieeffizienz oder der Ausbau e r- neuerbarer Energien. Viele Länder setzen auf die Kernenergie – trotz Fukushima. 10. Juni 2011 CCS für den Klimaschutz: wichtig, mühsam, teuer Research Briefing 2 10. Juni 2011 CCS: Verfahren und Risiken Für die Abscheidung von CO 2 gibt es grun d- sätzlich drei Verfahren: — Pre - Combustion - Verfahren: Hier wird CO 2 vor dem Verbrennungsprozess abgetrennt. So wird Kohle durch einen Vergasungsprozess in einen Mix aus CO 2 und Wasserstoff umgewandelt. Das CO 2 wird dann abgetrennt, der Wasserstoff verbrannt. — Post - Combustion - Verfahren: CO 2 wird erst nach dem Verbrennungsprozess a b- getrennt. Kraftwerke und Industrieanlagen können mit dieser Technologie nachgerü s- tet werden. — Oxyfuel - Verfahren: Die Kohle wird mit r einem Sauerstoff verbrannt, der zuvor hergestellt werden muss. Die Abgase b e- stehen dann weitgehend aus Wasser und CO 2 , das abgetrennt werden kann. Für die Speicherung von CO 2 stehen folge n- de Optionen zur Auswahl: — Saline Aquifere an Land oder unter dem Meer esboden; — Leere Öl - oder Gasfelder bzw. Kohleflöze; — Enhanced Oil/Gas Recovery; — Speicherung in der Tiefsee (zwei Verfa h- ren mit unterschiedlichen Tiefen: minde s- tens 1.000 bzw. mehr als 3.000 Meter Meerestiefe). Falls das anfallende CO 2 nicht dort unteri r- disch abgelagert werden kann, wo es anfällt, muss es zur Lagerstätte transportiert werden. Für den Transport haben sich z.B. bei der Enhanced Oil Recovery Pipelines bewährt. Für die Verbringung im Meer könnten auch Schiffe eingesetzt werden. Als typische R isiken der Technologie gelten: — Falls die Lagerstätten das CO 2 nicht langfristig speichern, ist dem Klima nicht geholfen – im Gegenteil. Zudem bestehen dann gesundheitliche Risiken, wenn CO 2 in der Nähe von Siedlungen in großen Mengen entweichen sollte. — Es werden Beeinträchtigungen des Grundwassers bei Verbringung des CO 2 in salinen Aquiferen befürchtet. — Ferner gilt eine Veränderung des Säur e- grades des Meeres (bei dortiger Ablag e- rung) als Risiko. Die bisherigen Erfahrungen mit der CCS - Technologie zeigen, das s die Risiken grun d- sätzlich beherrschbar sind, wenngleich nicht alle Verfahren erforscht und getestet sind. Berücksichtigt man den geringeren Wirkung s- grad und den Energieverbrauch durch das Verfahren selbst, kann durch CCS eine R e- duktion des CO 2 - Ausstoßes von etwa 80% bis 90% geg enüber herkömmlichen Verfahren erreicht werden. Quellen: Albrecht, Jutta et al. (2011). Kurz zum Klima: Kohlenstoffsequestrierung – lässt sich das Klimaproblem einfach „begraben―? ifo Schnelldienst 6/2011. München. e on (2009). CO 2 - Abtrennung und - Speicherung. CCS – Für den Weg in eine nachhaltige Energiepolitik. Düsseldorf. Für den Klimaschutz wäre diese Entwicklung fatal, denn dann wür- den die jährlichen energiebedingten CO 2 -Emissionen bis 2030 auf rd. 40 Mrd. Tonnen steigen. Um das globale Klimaziel – eine Be- grenzung des Temperaturanstiegs auf der Erde auf maximal 2°C gegenüber dem vorindustriellen Niveau – zu erreichen, dürften bis 2050 jedoch insgesamt „nur noch― etwa 750 Mrd. Tonnen CO 2 aus fossilen Quellen in die Atmosphäre gelangen. 1 Daher wird die Bedeutung der CO 2 -Abscheidung und -Speicherung (Carbon Capture and Storage, CCS) von vielen Seiten betont, da sie die Nutzung der Kohle (und anderer fossiler Energieträger oder Industrieprozesse) klimafreundlicher machen würde. 2 Sowohl der Stern-Report von 2006 als auch das IPCC weisen darauf hin, dass das 2°C-Ziel ohne CCS nur schwer zu erreichen sei. Die IEA hat in einem Energieszenario für das Jahr 2050, in dem eine Halbierung der globalen energiebedingten Treibhausgasemissionen bis dahin angenommen wird, den Beitrag von CCS auf knapp 20% der ge- samten Reduktion beziffert; damit nimmt CCS in diesem Szenario eine fast genauso wichtige Rolle ein wie die erneubaren Energien. 3 Nach Angaben des Global CCS Institute gibt es weltweit über 200 Projekte, bei der die Technologie erprobt bzw. angewendet wird; darunter nur wenige kommerziell betriebene CCS-Großprojekte. 4 Das bekannteste ist das Sleipner-Gasfeld im norwegischen Teil der Nordsee. Das hier geförderte Gas hat einen relativ hohen CO 2 - Gehalt, der noch auf hoher See abgetrennt und unterirdisch verpresst wird. Der Betreiber kann so die norwegische Steuer auf CO 2 -Emissionen vermeiden. In anderen Fällen wird CO 2 in Öl- oder Gasfelder gepumpt, um die Ausbeute (Fördermenge an Öl oder Gas) zu erhöhen (Enhanced Oil/Gas Recovery). 5 In beiden Fällen gibt es also einen starken ökonomischen Anreiz für die Nutzung von CCS. Klar ist also: Technisch machbar ist CCS, wenngleich es sehr viele verschiedene Verfahren gibt, die einen unterschiedlichen Reifegrad besitzen (siehe Kasten). 6 Ferner sind die geologischen Vorausset- zungen für CCS nicht überall gegeben. Spätestens ab 2020, so die Erwartung und Hoffnung der Experten, soll die Technologie für den Großeinsatz im Kraftwerks- und Industriebereich marktreif sein. Anreize für CCS derzeit nicht ausreichend hoch Die EU, die USA, China und andere Länder wollen die Forschung im Bereich CCS intensivieren, um die Chancen und Risiken der Technologie weiter zu erkunden. Laut Global CCS Institute belaufen sich die staatlichen Zusagen zur Förderung von Demonstrationspro- jekten weltweit auf USD 40 Mrd. In der EU fordert eine Richtlinie aus dem Jahr 2009 die Mitgliedstaaten auf, die entsprechenden gesetz- lichen Rahmenbedingungen hierfür zu schaffen. Auch in den USA läuft ein solches Gesetzgebungsverfahren zu CCS. 7 Auf den ersten Blick spricht also viel dafür, dass der CCS-Techno- logie in den kommenden Jahren der Durchbruch gelingen könnte. Doch bei genauerem Hinsehen sind Zweifel angebracht. So scheint 1 Vgl. WBGU (2011). Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine große Transfor- mation. Berlin. 2 Vgl. Auer, Josef (2007). Technologie macht Kohle fit für die Zeit nach dem Öl. Deutsche Bank Research. Aktuelle Themen 375. Frankfurt am Main. 3 Vgl. IEA (2008). CO 2 capture and storage. A key carbon abatement option. Paris 4 Vgl. Global CCS Institute (2011). The global status of CCS: 2010. Canberra. 5 Das Verfahren führt dann indirekt wieder zu einem Anstieg der CO 2 -Emissionen. 6 Ausführliche Informationen über verschiedene CCS-Verfahren enthält z.B. IPCC (2005). Carbon capture and storage. New York. Außerdem: IEA (2008) a.a.O. 7 Vgl. IEA (2011). Carbon capture and storage. Legal and regulatory review. Paris. CCS für den Klimaschutz: wichtig, mühsam, teuer 10. Juni 2011 3 in Deutschland die Technologie aus politischen Gründen bereits gescheitert zu sein, bevor sie in großem Stile erprobt werden konn- te. Angesichts drohender Bürgerproteste gegen die unterirdische Einlagerung von CO 2 ist derzeit keine politische Partei willens oder in der Lage, die Rahmenbedingungen so zu setzen, dass CCS in Deutschland eine echte Chance eingeräumt würde. Der Gesetzent- wurf der Bundesregierung zur CO 2 -Speicherung überlässt den Bundesländern die Entscheidung, ob sie Lagerstätten bei sich zu- lassen wollen oder nicht; außer Brandenburg, wo sich bereits ein Demonstrationsprojekt befindet, lehnen alle Landesregierungen eine Ablagerung bei sich bisher ab. In den meisten anderen EU-Ländern fehlt der gesetzliche Rahmen für die Erprobung und Anwendung von CCS ebenfalls noch. Dabei sind die wirtschaftlichen Voraussetzun- gen für CCS in Deutschland und der EU eigentlich gut. Denn durch den EU-Emissionshandel erhält CO 2 einen Preis, und eine Redukti- on der CO 2 -Emissionen durch CCS könnte sich ab einem gewissen Zertifikatspreis (etwa ab EUR 35 bis 50 pro Tonne CO 2 ) für die Energieversorger lohnen; dann wäre also wieder ein ökonomischer Anreiz der Treiber für CCS. Aktuell liegt der CO 2 -Preis noch deutlich niedriger (etwa EUR 17 pro Tonne). Fehlende CO 2 -Preise als große Hürde Außerhalb der EU gibt es ebenfalls politische Bekenntnisse für die Technologie. Das größte Hindernis für einen großflächigen Einsatz von CCS dürfte darin liegen, dass CO 2 dort faktisch keinen Preis hat und dass es keine ordnungspolitischen Auflagen gibt, die Technolo- gie einzusetzen. In einem solchen Umfeld hat CCS kaum Chancen. Denn die Ausrüstung von Kraftwerken mit CCS-Technologie ist teu- er; das Global CCS Institute schätzt die zusätzlichen Kosten gegen- über einem „normalen― Kraftwerk auf 40% bis 75%. Ferner sinkt durch den Einsatz der Technologie der Wirkungsgrad etwa von Koh- lekraftwerken je nach CCS-Verfahren um 10% bis 50%, d.h. es muss mehr Kohle eingesetzt werden, um die gleiche Menge an Energie zu erhalten wie zuvor. Warum sollten Unternehmen diese Kosten in Kauf nehmen, wenn es weder einen Preis für CO 2 noch verpflichtende Vorgaben zum Einsatz von CCS gibt? Weder die USA noch China noch andere große Volkswirtschaften haben in den internationalen Klimaverhandlungen bislang verbindli- che Emissionsreduktionsziele formuliert. Und aktuell sieht es nicht danach aus, als würde sich daran in den kommenden Jahren etwas ändern. Gerade China ist trotz aller (erfolgreichen) Bestrebungen, die Energieeffizienz des Landes zu erhöhen 8 , an möglichst großen Mengen preiswerter Energie interessiert, um den Wirtschaftsauf- schwung zu befeuern. CCS ist dabei eher hinderlich. In den USA sind aktuell keine politischen Mehrheiten erkennbar, die die Einfüh- rung des Emissionshandels (und damit eine Preissetzung für CO 2 ) oder einen verpflichtenden Einsatz von CCS fordern würden. Ohne staatliche Vorgaben dürfte CCS hier am ehesten zur besseren Aus- beutung von Öl- und Gasfeldern zum Einsatz kommen. 8 China möchte den CO 2 -Ausstoß pro erzeugte Einheit BIP bis zum Jahr 2020 um 45% gegenüber 2005 senken. Zudem investiert das Land massiv in Erneuerbare. So ist China bei der installierten Kapazität von Windenergie weltweit führend. Hierbei spielen industrie- und klimapolitische Gründe eine Rolle. Zudem will das Land so die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern reduzieren und die Schad- stoffbelastung gerade in den Städten verringern. Dennoch wird sich die auf Kohle basierende Kraftwerkskapazität bis 2030 laut IEA weit mehr als verdoppeln. 0 10 20 30 40 US Europa CA AU Sonstige CN USA und Europa bei CCS führend Anzahl integrierter CCS - Großprojekte* * Large - scale integrated CCS projects. Es wurden alle Projekte unabhängig vom Projektfortschritt erfasst. Quelle: Global CCS Institute 3 33,1 27,0 21,2 5,8 12,9 Öl Kohle Gas Kernenergie Erneuerbare* Fossile Energieträger dominieren Quelle: IEA * Vor allem Biomasse und Wasserkraft. Globaler Primärenergieverbrauch, Anteile in %, 2008 1 0 20 40 60 Kohle Öl Gas 1973 2010 Kohle größte CO 2 - Quelle Anteil der Energieträger an energie - bedingten CO 2 - Emissionen, % Quelle: IEA 2 Research Briefing 4 10. Juni 2011 Bleibt mit Blick auf den Klimaschutz nur das Prinzip Hoffnung? Ein Zwischenfazit: Der globale Energieverbrauch wächst, der Anteil der Kohle an der Energieversorgung wird langfristig steigen, und die Anreize für den Einsatz von CCS sind allenfalls schwach. Mit Blick auf den Klimawandel sind dies düstere Aussichten, denn in diesem Szenario wird es nicht gelingen, dass der globale Ausstoß von Treibhausgasen bis 2020 seinen Höhepunkt überschreitet, was als eine Voraussetzung für das Erreichen des 2°C-Ziels gilt. Und aus heutiger Sicht kann man skeptisch sein, dass sich die Rahmenbe- dingungen nach 2020, wenn also die technologische Reife von CCS erreicht sein soll, massiv zu Gunsten von CCS ändern. Voraussicht- lich dürften all jene Kraftwerke, die gerade in den Schwellenländern bis dahin neu entstehen, nicht oder nur zu hohen Kosten mit CCS- Technologie nachgerüstet werden. Die IEA hatte kürzlich ohnehin darauf hingewiesen, dass 80% aller Emissionen aus dem Energie- sektor bis 2020 nicht mehr zu vermeiden seien, weil sie aus existie- renden oder im Bau befindlichen Kraftwerken stammen würden. Was aber kann man tun? Sollten die Vorhersagen zum Klimawandel in Grundzügen eintreffen, wären die volkswirtschaftlichen Kosten enorm. Es war schon eine wesentliche Botschaft des Stern-Reports, dass es günstiger ist, die negativen Folgen des Klimawandels zu vermeiden, als sich später an diese anpassen zu müssen. In Europa braucht es mehr politischen Mut und eine bessere Kom- munikation, um der CCS-Technologie im Energie- und Industriesek- tor eine Chance zu geben. Ein Treiber für CCS in Entwicklungs- und Schwellenländern könnte in der Anerkennung von dort realisierten CCS-Vorhaben im Rahmen des Clean Development Mechanism (CDM) liegen: So könnten Staaten oder Unternehmen, die dort CCS-Projekte durchführen, die dadurch generierten Emissionszerti- fikate auf das eigene Reduktionsziel anrechnen. Über diese Option wird auf UN-Ebene seit Jahren diskutiert – bislang ohne konkrete Ergebnisse. Zudem wäre die Finanzierung von CCS-Projekten durch Klimafonds eine Möglichkeit, die Technologie in ärmeren Staaten zu implementieren. Ferner bräuchte es auch außerhalb der EU möglichst bald einen Preis für CO 2 . Dieser sollte idealerweise die begrenzte Aufnahmekapazität der Atmosphäre für das Treib- hausgas widerspiegeln. Ein Emissionshandel, an dem die führenden Wirtschaftsnationen teilnähmen und der einen einheitlichen CO 2 - Preis zur Folge hätte, könnte der CCS-Technologie einen Schub verleihen; er ist derzeit freilich sehr unwahrscheinlich. Weitere Maßnahmen neben CCS für Klimaschutz notwendig CCS ist für den Klimaschutz kein Allheilmittel. Unabhängig davon ist eine weitere Steigerung der Energieeffizienz in allen großen Volks- wirtschaften notwendig, um das globale Klimaziel zu erreichen. Aber auch hier sind das Tempo des Fortschritts derzeit nicht hoch genug und die Preissignale über Steuern oder Zertifikatspreise in vielen Ländern nicht ausreichend stark (z.B. USA, China). Ferner zählt der Ausbau erneuerbarer Energien und Speicher zu den Stellschrauben für den Klimaschutz. Hier ist ein standortgerechter Einsatz ange- zeigt. Gegenüber der günstigen Konkurrenz durch fossile Energie- träger (u.a. fehlender CO 2 -Preis) können die meisten Erneuerbaren aber heute nur durch zum Teil sehr hohe Subventionen bestehen; sie sind dadurch gerade für ärmere Staaten schlicht zu teuer. Durch technischen Fortschritt müssen die Kosten weiter sinken. Die CO 2 - Effizienz der Energieerzeugung kann etwa durch eine Umstellung von Kohle auf Gas gelingen. Viele Länder setzen mit Blick auf die geringen Treibhausgasemissionen zudem weiterhin auf die Kern- 80 120 160 200 240 81 85 89 93 97 01 05 09 Kohle Öl Gas Kohle - und Gasförderung wachsen schnell Mengenmäßige globale Förderung bzw. Produktion, 1981=100 Quelle: BP 4 0 100 200 300 Weich - braunkohle Hartkohle/ Steinkohle Gas Öl Viel Kohle auf der Erde Statische Reichweite* der fossilen Energieträger, Jahre * Verhältnis von aktuellen gesicherten, wirtschaftlich gewinnbaren Reserven zu aktueller Fördermenge. Quelle: BGR 5 CCS für den Klimaschutz: wichtig, mühsam, teuer 10. Juni 2011 5 energie – trotz Fukushima und trotz der ungelösten Endlagerfrage. Jene Länder kommen beim Abwägen des Risikos eines Reaktorun- falls gegenüber dem Risiko des Klimawandels offensichtlich zu ei- nem anderen Ergebnis als Deutschland. Freilich ist beim Ausbau der Kernenergie in vielen Staaten die zusätzliche Versorgungssi- cherheit und weniger der Klimaschutz der wesentliche Treiber. Außerhalb des Energiesektors müssen die Anstrengungen im Be- reich Waldschutz erhöht werden; denn auf die Vernichtung der Wäl- der entfallen rd. 17% der globalen anthropogenen Treibhausgas- emissionen. In den internationalen Klimaverhandlungen ist die hohe Bedeutung der Wälder inzwischen anerkannt. Der Waldschutz soll durch den so genannten REDD-Mechanismus (REDD steht für Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation) belohnt werden. Letztlich geht es darum, den Erhalt der Wälder in Entwicklungs- und Schwellenländern durch Finanztransfers zu ver- güten; viele Detailfragen sind aber auch hier noch ungeklärt. Wer schließlich den Anstieg des Energieverbrauchs auf der Erde redu- zieren möchte, muss auch versuchen, das globale Bevölkerungs- wachstum einzudämmen. Auch dieses Problem ist – wie die Realität zeigt – nicht einfach zu lösen. Letztlich führt ein Blick auf die reine Faktenlage zu einem pessimis- tischen Fazit: dass nämlich das 2°C-Ziel unter den aktuellen Rah- menbedingungen wohl kaum erreicht werden kann. Daran kann auch ein ambitioniertes Klimaziel Deutschlands oder der EU nichts ändern, denn der Anteil der EU an den globalen Treibhausgasemis- sionen sinkt stetig; für Deutschland liegt der Wert inzwischen unter 3%. Der IEA-Chefökonom, Fatih Birol, hatte das Erreichen des 2°C- Ziels kürzlich als „nette Utopie― bezeichnet. Man sollte natürlich dennoch versuchen, das Ziel zu erreichen, aber der Anpassung an den Klimawandel dürfte in den kommenden Jahren angesichts die- ser Perspektiven wohl mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden als in der Vergangenheit. Fazit: Beitrag von CCS zum Klimaschutz gefährdet CCS ist nur eine Säule in der internationalen Klimaschutzpolitik, allerdings eine wichtige. Derzeit sieht es jedoch nicht so aus, als könne diese Säule in den kommenden zwei Dekaden die ihr zuge- dachte Last tragen. Ohne CCS ist das 2°C-Ziel aber noch mehr in Gefahr, als dies ohnehin der Fall ist. Daher müssten dem grundsätz- lichen Bekenntnis der Politik zu CCS und der Erkenntnis, dass CCS für den Klimaschutz einen Beitrag leisten kann, auch Taten folgen: Die Erforschung der Technologie steht dabei an erster Stelle, für die Implementierung bräuchte es dann vor allem Preissignale für CO 2 . Die für den Klimaschutz „schönste aller Welten― wäre natürlich, wenn es Möglichkeiten gäbe, CO 2 nicht nur zu speichern, sondern zu einem nutzbaren Rohstoff zu machen und stofflich zu verwerten (Carbon Capture and Usage). Auf die verschiedenen chemischen und biologischen Ansätze zur Nutzung von CO 2 soll hier nicht ein- gegangen werden. Aber große Hürden sind zu erwarten, denn die stoffliche Verwertung von CO 2 müsste recht preiswert sein, und es müssten große Mengen abgenommen werden, um einen Beitrag für den Klimaschutz liefern. Letztlich müssten auf Basis des CO 2 Produkte erzeugt werden können, die einen Preis erzielen, was natürlich einen Preis für CO 2 selbst impliziert. Die Forschung auch im Bereich CCU zu intensivieren, erscheint aber in jedem Fall loh- nenswert. Eric Heymann (+49 69 910-31730, eric.heymann@db.com) 0 5 10 15 20 25 30 35 65 70 75 80 85 90 95 00 05 10 DE US CN China hat die USA überholt Anteil an globalen energiebedingten CO 2 - Emissionen, % Quelle: BP 7 0 1 2 3 4 5 6 7 8 80 84 88 92 96 00 04 08 US DE CN China an der Spitze Energiebedingte CO 2 - Emissionen, Mrd. Tonnen Quellen: IEA, BP 6 Research Briefing 6 10. Juni 2011 © Copyright 2011. Deutsche Bank AG, DB Research, D-60262 Frankfurt am Main, Deutschland. Alle Rechte vorbehalten. Bei Zitaten wird um Quellenangabe „Deutsche Bank Research― gebeten. Die vorstehenden Angaben stellen keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung dar. Alle Meinungsaussagen geben die aktuelle Einschätzung des Verfassers wieder, die nicht notwendigerweise der Meinung der Deutsche Bank AG oder ihrer assoziierten Unternehmen entspricht. Alle Meinungen können ohne vorherige Ankündigung geändert werden. Die Meinungen können von Einschätzungen abweichen, die in anderen von der Deutsche Bank veröffentlichten Dokumenten, einschließlich Research-Veröffentlichungen, vertreten werden. Die vorstehenden Angaben werden nur zu Informationszwecken und ohne vertragliche oder sonstige Verpflichtung zur Verfügung gestellt. Für die Richtigkeit, Vollständigkeit oder Angemessenheit der vorstehenden Angaben oder Einschätzungen wird keine Gewähr übernommen. 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