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18. Juli 2019
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Bargeld bietet im Zahlungsverkehr einen hohen Grad an Privatsphäre und trägt so dazu bei, den Anstieg der Informationsasymmetrie zwischen Verbrauchern und Unternehmen sowie zwischen Bürgern und staatlichen Institutionen zu verlangsamen. Da Wissen über die Gegenseite Macht ist, spielt die Privatsphäre für den Einzelnen eine entscheidende Rolle, wenn es um den Schutz der eigenen Position geht im Umgang mit Organisationen, die mächtiger sind als das Individuum. [mehr]
PROD0000000000496405 1   |    18. Juli 2019Aktueller Kommentar 18. Juli 2019 Bargeld sorgt für besseren Daten­ schutz – und stärkt so den Einzel­ nen Autor www.dbresearch.de Deutsche Bank Research Management Stefan Schneider Heike Mai +49(69)910-31444 heike.mai@db.com Bargeld bietet im Zahlungsverkehr einen hohen Grad an Privatsphäre und trägt so dazu bei, den Anstieg der Informationsasymmetrie zwischen Verbrauchern und Unternehmen sowie zwischen Bürgern und staatlichen Institutionen zu ver­ langsamen. Da Wissen über die Gegenseite Macht ist, spielt die Privatsphäre für den Einzelnen eine entscheidende Rolle, wenn es um den Schutz der eige­ nen Position geht im Umgang mit Organisationen, die mächtiger sind als das In­ dividuum. Bargeld schützt die Privatsphäre Bargeld hinterlässt im Gegensatz zu unbaren Guthaben und Zahlungen kaum Spuren. Früher wurden die Details einer elektronischen Zahlung lediglich für die Abwicklung verwendet, inzwischen sind die Zahlungsdetails jedoch selbst zu ei­ nem wertvollen Produkt geworden. Aus Zahlungen gewonnene personenbezo­ gene Daten können durch Informationen aus anderen Quellen ergänzt werden, z.B. aus datengenerierenden Anwendungen wie Marktplätzen oder sozialen Medien. Mit Hilfe moderner Datenanalyseverfahren lassen sich daraus Informa­ tionen zu einem identifizierbaren Nutzer extrahieren und sammeln. Der Daten­ verwender kann sich dann gezielt an eine Person wenden und ihr Angebote und Informationen vorlegen, die auf die jeweiligen (vermuteten) Bedürfnisse abge­ stimmt sind. Unternehmen möchten mit Hilfe zielgenauer Werbung ihren Um­ satz steigern. Politische Parteien können Botschaften an ihre Wähler senden, denen diese wahrscheinlich zustimmen. Wer auch immer auf persönliche Da­ tenprofile zugreifen und sie analysieren kann, vermag weitreichende Erkennt­ nisse über eine Person zu gewinnen. Die Bürger haben jedoch ein Recht auf den Schutz ihrer Privatsphäre. Bei Bar­ geld werden weder dessen Besitzer noch die damit getätigten Transaktionen aufgezeichnet. Wenn mit Scheinen und Münzen gezahlt wird, wissen nur der Käufer und der Verkäufer über die Einzelheiten des Geschäfts Bescheid: Was wurde in welcher Menge wann, wo, von wem und zu welchem Preis gekauft? All dies liefert wertvolle Informationen über eine Person und ihre Gewohnheiten. Aber selbst Bargeldtransaktionen sind nicht in vollem Umfang anonym. Die Di­ gitalisierung schreitet immer weiter fort und auch wenn Barkäufe nicht aufge­ zeichnet werden, kann der Käufer zahlreiche Datenpunkte hinterlassen haben. Vielleicht hat er sich vor dem Kauf im Internet über das Produkt informiert oder den Kauf in sozialen Medien kommentiert. Zum einen lassen sich also bewuss­ 1 Bargeld sorgt für besseren Datenschutz – und stärkt so den Einzelnen 2   |    18. Juli 2019Aktueller Kommentar       te Online­Aktivitäten des Käufers nachverfolgen. Zum anderen werden mögli­ cherweise auch offline Daten generiert, z.B. durch die Logins seines Smartpho­ nes oder die Sicherheitskameras eines Geschäfts. Nichtsdestoweniger reduzieren Scheine und Münzen den digitalen Fußabdruck. Im Gegensatz zu einer elektronischen Zahlung werden durch die Bartransaktion selbst keine digitalen Daten erzeugt, und die Transaktionsdaten werden nicht automatisch an einen Dritten (z.B. einen Zahlungsverkehrsdienstleister) über­ mittelt. Bargeld trägt also zum Schutz der Privatsphäre bei, auch wenn es ange­ sichts des digitalen Umfelds keinen vollständigen Datenschutz bietet. „Ich habe nichts zu verbergen?“ – Wissen ist Macht! Warum ist der Schutz der Privatsphäre so wichtig? Als gesetzestreuer Bürger könnte man meinen: „Ich habe nichts zu verbergen.“ Das ist jedoch ein Trug­ schluss. Bei Diskussionen, Verhandlungen oder im Wettbewerb ist es ein Vor­ teil, die Position der Gegenpartei zu kennen. Dies erhöht die eigenen Chancen, das gewünschte Ergebnis zu erzielen. Insofern liegt es in jedermanns Interesse, seine Privatsphäre zu schützen und so die eigene Verhandlungsposition zu stärken. Mit Hilfe der Datenindustrie können jedoch interessierte Parteien Er­ kenntnisse über die persönliche und finanzielle Situation einer bestimmten Per­ son gewinnen. Dies kann dem Einzelnen durchaus schaden. Seit jeher werden Daten zu einzelnen Personen gesammelt, sei es aus wirt­ schaftlichen Gründen (z.B. Schuldnerregister, Telefonbücher) oder für amtliche Zwecke (z.B. Grundbücher). Durch die Digitalisierung hat sich der Umfang der generierten Daten jedoch vervielfacht, und ihre Verarbeitung und Analyse ist einfacher geworden, so dass umfangreiche personenbezogene Profile erstellt werden können. Diese finden Datennutzer offensichtlich so hilfreich, dass sie dafür Geld ausgeben. Die Nachfrage nach aussagekräftigen Daten über poten­ zielle Kunden, Wähler usw. treibt die Datenindustrie an. Ein Punkt ist dabei viel­ leicht überraschend: Die von großen Online­Plattformen gewonnenen Daten rei­ chen nicht unbedingt aus. Um von einer bestimmten Person ein so vollständi­ ges Bild wie möglich zu bekommen, kaufen und kombinieren entsprechend spe­ zialisierte Unternehmen („Datenmakler“) Daten aus verschiedenen Online­ und Offline-Quellen und liefern ihren Kunden Informationen über genau definierte Zielgruppen. In Europa wurden die Vorgaben für die Nutzung personenbezogener Daten (al­ so Daten, die sich auf eine identifizierte oder identifizierbare lebende Person beziehen) mit der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) strikter gestaltet. Al­ lerdings ist die Nutzung personenbezogener Daten für definierte Zwecke zuläs­ sig, z.B. zur Erfüllung eines Vertrags oder einer rechtlichen Verpflichtung, und auch wenn die betroffene Person zugestimmt hat. Im Internet wird die Zustim­ mung zur Verarbeitung der eigenen personenbezogenen Daten häufig ohne große Überlegung erteilt, nämlich durch Anklicken eines entsprechenden Käst­ chens. Erst danach kann der Kunde auf die Dienste des jeweiligen Anbieters zugreifen. Die Datenhalter behaupten häufig, personenbezogene Daten würden lediglich in anonymisierter Form verwendet. Datenschutzinstitutionen haben jedoch nachgewiesen, dass die Daten zumeist lediglich pseudonymisiert wurden und 2 3 Bargeld sorgt für besseren Datenschutz – und stärkt so den Einzelnen 3   |    18. Juli 2019Aktueller Kommentar einzelne Personen leicht identifiziert werden können. Forscher konnten 90% von 1,1 Millionen Kreditkarteninhabern allein anhand ihrer „anonymisierten“ Kartentransaktionen im Zeitraum von drei Monaten korrekt identifizieren. Dabei griffen sie auf Tag und Ort des Einkaufs zurück, nicht jedoch auf personenbezo­ gene Daten wie Namen oder Kartennummern. Ganz gleich, ob digitale Zahlungen online oder offline erfolgen – sie sind eine reichhaltige Datenquelle, die aufschlussreiche Erkenntnisse über die Konsum­ gewohnheiten, den Alltag und die finanzielle Situation einer Person liefern kann. Trotz der umfangreichen Daten über die eigenen Nutzer behalf sich die Online- Plattform Google mit einem Zukauf von Offline-Zahlungsdaten von Mastercard, um ihren Werbekunden zu demonstrieren, dass eine Korrelation zwischen den Nutzerklicks auf Onlinewerbung und nachfolgenden Käufen im stationären Han­ del besteht. Beide Unternehmen versichern, dass keine personenbezogenen Daten verwendet wurden. Kräfteverhältnis zwischen dem Einzelnen (Kunde) und einem Unternehmen (Händler) Die Digitalisierung hat die Informationsasymmetrie zwischen Unternehmen und Verbrauchern beträchtlich zum Nachteil Letzterer verschoben. Mit Hilfe digitaler Analysen von internen Kundendaten und gekauften Datenprofilen können ins­ besondere Internethändler sehr viel mehr über die privaten und finanziellen Ge­ wohnheiten ihrer Kunden erfahren als umgekehrt der Einzelne über den Händ­ ler oder dessen Wettbewerber. Kann der Kunde angesichts der gestärkten Ver­ handlungsposition des Händlers noch ein gutes Geschäft machen? Es ist möglich, Werbung gezielt an Kunden zu richten, die angesichts ihrer Da­ tenhistorie ein bestimmtes Produkt oder einen bestimmten Service wahrschein­ lich kaufen werden. Einerseits profitiert der Kunde gegebenenfalls von Wer­ bung, die besser auf ihn abgestimmt ist. Andererseits wird er stärker in Versu­ chung geführt, zu viel zu kaufen. Im Internet können Kunden Preise und Pro­ dukte leicht miteinander vergleichen. Zunehmend gehen Online-Händler jedoch zu einer dynamischen Preisgestaltung über, d.h. sie ändern ihre Preise häufig, um die Markttransparenz zu verringern und den Verbraucher unter Druck zu setzen, damit er kauft, bevor sich die Preise möglicherweise wieder ändern. Die Preise können sogar auf die vermutete Kaufbereitschaft oder die finanziellen Möglichkeiten einer Person abgestimmt werden. So können z.B. die Preise hö­ her sein, wenn Kunden per Tablet statt per PC auf eine Webseite zugreifen oder wenn sie mehrfach auf ein Angebot geklickt haben. Die Verhandlungsmacht des Kunden gegenüber dem Händler liegt vor allem darin, dass er ein attrakti­ veres Angebot eines konkurrierenden Shops nutzen kann. Wenn aber die Preis­ transparenz deutlich beeinträchtigt ist, zahlt der Kunde möglicherweise zu viel. Noch unklarer ist für die Kunden der wirtschaftliche Wert ihrer personenbezoge­ nen Daten. Diese sind zu einem Wirtschaftsgut geworden, für das der „Produ­ zent“ in der Regel nicht bezahlt wird. Angesichts des dynamischen Wachstums von datenbasierten Geschäftsmodellen wäre es interessant zu wissen, wie vor­ teilhaft der Tausch persönlicher Daten gegen Gratis­Onlinedienste für Verbrau­ cher eigentlich ist.   4 5 6 7 Bargeld sorgt für besseren Datenschutz – und stärkt so den Einzelnen 4   |    18. Juli 2019Aktueller Kommentar Kräfteverhältnis zwischen dem Einzelnen (Bürger) und dem Staat Die Bedeutung einer physischen Währung geht allerdings noch über die oben diskutierten wirtschaftlichen Aspekte hinaus. Sie berührt auch die Beziehung zwischen Bürgern und dem Staat. Die Umstellung auf transparente, nachver­ folgbare elektronische Guthaben – und das Fehlen einer einfachen Bezahlopti­ on ohne Digitalspur und Einbindung Dritter – kann Datenmissbrauch und Ein­ griffen in die Bürgerrechte die Tür öffnen. Das Vorhandensein umfangreicher Daten über einen bestimmten Bürger kann sogar eine Überwachung aus politi­ schen Gründen erleichtern. Selbst in einem demokratischen Rechtsstaat sind die Bürger gut beraten, genau darauf zu achten, dass staatliche Behörden ihre Macht nicht missbrauchen. Dies bezieht sich nicht nur auf offensichtliche exekutive Befugnisse wie die Möglichkeit der Gewaltanwendung durch die Polizei. Erkenntnisse über die pri­ vate und finanzielle Situation einzelner Bürger verleihen staatlichen Behörden zusätzliche Macht. Selbst bei strikten Datenschutzvorschriften kann ein unrecht­ mäßiger Missbrauch der Informationsasymmetrie nicht ausgeschlossen werden. Wenn umfassende Daten über Einzelpersonen verfügbar sind, besteht die Ver­ suchung, diese aus persönlichen oder politischen Gründen zu missbrauchen – sei es durch einen einzelnen Beamten oder durch in­ oder ausländische Ge­ heimdienste. Wenn Bargeld nicht mehr oder nur unter starken Einschränkungen verwendet werden dürfte, bestünde das Risiko eines ernsthaften Vertrauensverlusts in staatliche Behörden. Ob Bürger bereit sind, für die Behörden ein „offenes Buch“ zu sein, hängt entscheidend davon ab, inwieweit sie darauf vertrauen, dass die Verwaltung ordnungsgemäß funktioniert und ihr Mandat nicht überschreitet. Nimmt man den Bürgern ein einfaches Mittel, um ihre finanzielle Privatsphäre zu schützen, kann sich dies schnell als kontraproduktiv erweisen: Wenn sie sich den staatlichen Behörden ausgeliefert und nicht mehr als Bürger fühlen, würde die Bindung zwischen Bevölkerung und Staat gelockert. Wo Regierungen Bürgerrechte missachten, hilft Bargeld – viel besser als digita­ le Zahlungen – oppositionellen Aktivisten, sich gegen illegitime Übergriffe der Behörden zu schützen, z.B. gegen Überwachung und Einschüchterung. Bargeld stärkt den Einzelnen Bargeld bietet im Zahlungsverkehr einen hohen Grad an Privatsphäre und trägt so dazu bei, den Anstieg der Informationsasymmetrie zwischen Verbrauchern und Unternehmen sowie zwischen Bürgern und staatlichen Institutionen zu ver­ langsamen. Da Wissen über die Gegenseite Macht ist, spielt die Privatsphäre für den Einzelnen eine entscheidende Rolle, wenn es um den Schutz der eige­ nen Position geht im Umgang mit Organisationen, die mächtiger sind als das In­ dividuum. Bargeld sorgt für besseren Datenschutz – und stärkt so den Einzelnen 5   |    18. Juli 2019Aktueller Kommentar Originalversion in Englisch vom 2. Juli 2019: ˮ Cash empowers the individual through data protection ˮ Ich weiß, was Du gestern gekauft hast, Zeit Online, 20. Juni 2018. So hinterlassen Sie jeden Tag eine riesige Datenspur, WirtschaftsWoche, 24. Mai 2018.  Datenschutzgrundverordnung (DSGVO), Verordnung (EU) 2016/679 des Eu­ ropäischen Parlaments und des Rates vom 27. April 2016 (wirksam ab dem 24. Mai 2018).  Data brokers: regulators try to rein in the ‘privacy deathstars’, Financial Times, 8. Januar 2019.  De Montjoye, Yves­Alexandre et al, Unique in the shopping mall: On the rei­ dentifiability of credit card metadata, Science, 30. Januar 2015. Google and Mastercard Cut a Secret Ad Deal to Track Retail Sales. Google found the perfect way to link online ads to store purchases: credit card data, Bloomberg, 31. August 2018. Dynamic Pricing. Warum online jeder einen anderen Preis zahlt, Bayerischer Rundfunk BR 2, 16. April 2019.   1 2 3 4 5 6 7 Bargeld sorgt für besseren Datenschutz – und stärkt so den Einzelnen 6   |    18. Juli 2019Aktueller Kommentar © Copyright 2019. Deutsche Bank AG, Deutsche Bank Research, 60262 Frankfurt am Main, Deutschland. Alle Rechte vor­ behalten. Bei Zitaten wird um Quellenangabe „Deutsche Bank Research“ gebeten. Die vorstehenden Angaben stellen keine Anlage­, Rechts­ oder Steuerberatung dar. Alle Meinungsaussagen geben die ak­ tuelle Einschätzung des Verfassers wieder, die nicht notwendigerweise der Meinung der Deutsche Bank AG oder ihrer as­ soziierten Unternehmen entspricht. Alle Meinungen können ohne vorherige Ankündigung geändert werden. Die Meinungen können von Einschätzungen abweichen, die in anderen von der Deutsche Bank veröffentlichten Dokumenten, einschließ­ lich Research-Veröffentlichungen, vertreten werden. 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