1. Research
  2. Produkte & Themen
  3. Publikationsreihen
  4. Ausblick Deutschland
19. Dezember 2019
Im abgelaufenen Jahr haben uns unsere Kunden ungewöhnlich viele Fragen zur deutschen Konjunkturentwicklung, der Zukunft der Groko und natürlich auch zur „Schwarzen Null“ gestellt, aber es kamen auch deutlich mehr grundsätzliche Fragen zu Deutschlands Zukunft vor dem Hintergrund einer wohl dauerhafteren Umkehr des Globalisierungstrends, den Herausforderungen durch die Umweltpolitik, der Zukunft der deutschen Automobilindustrie oder auch, ob Deutschland bei der Digitalisierung und anderen Zukunftstechnologien den Anschluss verloren hat. Wir haben uns deshalb auch mit diesen Themen in dem vorliegenden Bericht beschäftigt. In 2020 könnte sich der Welthandel im Jahresverlauf allmählich stabilisieren und damit könnte auch die Rezession in der deutschen Industrie zu Ende gehen. Die Ausrüstungsinvestitionen dürften im Jahr 2020 sinken. Die Wachstumsmotoren im Inland, privater und staatlicher Konsum und die Bauinvestitionen, sollten sich aber weiterhin solide entwickeln. Allerdings ist die Beschleunigung der Wachstumsrate von 0,5% im Jahr 2019 auf 1% in 2020 eine fragile Angelegenheit, basiert sie doch vor allem auf einer ungewöhnlich hohen Zahl von Arbeitstagen in 2020. [mehr]
Microsoft Word - AD_2019.09_Dez_SA.docx Ausblick Deutschland Im abgelaufenen Jahr haben uns unsere Kunden ungewöhnlich viele Fragen zur deutschen Konjunkturentwicklung, der Zukunft der Groko und natürlich auch zur „Schwarzen Null“ gestellt, aber es kamen auch deutlich mehr grundsätzliche Fragen zu Deutschlands Zukunft vor dem Hintergrund einer wohl dauerhafteren Umkehr des Globalisierungstrends, den Herausforderungen durch die Umwelt- politik, der Zukunft der deutschen Automobilindustrie oder auch, ob Deutschland bei der Digitalisierung und anderen Zukunftstechnologien den Anschluss verlo- ren hat. Die aktuell vorherrschende negative Einschätzung ist wohl ein wichtiger Grund, warum derzeit zwei Drittel der Wähler mit der Regierung unzufrieden sind. Dass gleichzeitig auch zwei Drittel für eine Fortsetzung der Groko sind, muss wohl als Ausdruck einer gewissen Orientierungslosigkeit interpretiert wer- den. Auf diese strukturellen Fragen gibt es keine einfachen oder eindeutigen Antwor- ten. Angesichts zum Teil völlig neuer Herausforderungen dürften wohl Lehren aus der Vergangenheit nur wenig helfen. Allerdings ist das Land schon durch ähnliche Phasen gegangen, in denen nicht zuletzt im Ausland die Zukunft des Landes in dunklen Farben gemalt wurde („Der kranke Mann Europas“) und die ohnehin eher selbstkritischen Deutschen sich dieser Einschätzung – wenn auch widerwillig – anschlossen. Diese Erfahrungen erklären vielleicht unsere etwas optimistischere Grundeinstellung in der Diskussion dieser Themen in dem Ihnen vorliegenden Ausblick. Mit Blick auf die Konjunkturentwicklung im Jahr 2020 kann etwas Optimismus ebenfalls nicht schaden. Jüngste Äußerungen nach dem Sieg der Konservati- ven bei den britischen Parlamentswahlen haben eindringlich vor Augen geführt, dass die Brexit-Unsicherheiten keineswegs vom Tisch sind. Auch dürfte die Ei- nigung auf ein Phase I-Abkommen im amerikanisch-chinesischen Handelskon- flikt wohl nur eine temporäre Entspannung bedeuten und wohl kaum die massiv gestiegene handelspolitische Unsicherheit gänzlich aus dem Weg räumen. Au- ßerdem hat die US-Administration angedeutet, dass von dem Abkommen kein Signal für eine wohlwollendere Haltung in den schwelenden Handelskonflikten mit der EU ausgehe. Der Welthandel könnte sich im Jahresverlauf allmählich stabilisieren und damit könnte auch die Rezession in der deutschen Industrie zu Ende gehen. Da aber die „Animal spirits“ in vielen Unternehmen deutlich gelitten haben, dürften die Ausrüstungsinvestitionen in 2020 sinken. Die Wachstumsmotoren im Inland, pri- vater und staatlicher Konsum und die Bauinvestitionen, sollten sich aber weiter- hin solide entwickeln. Die expansive Fiskalpolitik und nicht zuletzt die insgesamt weiterhin robuste Verfassung des deutschen Arbeitsmarktes werden, trotz der Rezession im Verarbeitenden Gewerbe, dazu beitragen. Allerdings ist die Be- schleunigung der Wachstumsrate von 0,5% im Jahr 2019 auf 1% in 2020 eine fragile Angelegenheit, basiert sie doch vor allem auf einer ungewöhnlich hohen Zahl von Arbeitstagen in 2020. Autoren Stefan Schneider und Team Economic Research, Büro Frankfurt Editor Stefan Schneider +49 69 910-31790 stefan-b.schneider@db.com Deutsche Bank AG Deutsche Bank Research Frankfurt am Main Deutschland E-Mail: marketing.dbr@db.com Fax: +49 69 910-31877 www.dbresearch.de DB Research Management Stefan Schneider Inhaltsverzeichnis Seite Prognosen ................................................... 2 Vorsicht, zerbrechlich! ................................. 3 Höheres Exportwachstum dank US-China- Deal?! .......................................................... 7 Privater Konsum bleibt wichtigster Konjunk- turmotor im Jahr 2020 ............................... 12 Arbeitsmarkt – deutlich nachlassende Dyna- mik ............................................................. 13 Ausrüstungsinvestitionen .......................... 15 Digitalpolitik: Große Worte, kleine Taten ... 22 Wohnungsmarkt: Kein Ende des Booms ... 23 Staatsüberschuss löst sich 2021 in Luft auf ............................................................ 26 Wachstumsschwäche und fallende Energiepreise drücken Inflationsrate Rich- tung 1% ..................................................... 29 Deutsche Industrie: 2020 bleibt schwach – Risiko einer strukturellen Schwäche nimmt zu .............................................................. 32 Deutsche Politik: Groko – interne Querelen, aber keine Trennung ................................. 36 Deutsches Klimaschutzpaket: Begrenzte Wirkung in jeglicher Hinsicht ..................... 40 Eventkalender ........................................... 41 19. Dezember 2019 Ausblick 2020 Vorsicht, zerbrechlich! Vorsicht, zerbrechlich! 2 | 19. Dezember 2019 Ausblick Deutschland Wachstum, Inflation, Leistungsbilanz, Budgetsaldo DX BIP-Wachstum Inflation* Leistungsbilanzsaldo Budgetsaldo in % gg. Vj. in % gg. Vj. in % des BIP in % des BIP 2019 2020P 2021P 2019 2020P 2021P 2019 2020P 2021P 2019 2020P 2021P Euroland 1,2 1,0 1,2 1,2 1,1 1,2 2,5 2,1 1,8 -0,9 -1,1 -1,2 Deutschland 0,5 1,0 1,1 1,4 1,0 1,4 7,2 6,7 6,1 1,2 0,5 0,0 Frankreich 1,3 1,2 1,2 1,3 1,3 1,2 -0,3 -0,2 -0,2 -3,2 -2,4 -2,3 Italien 0,2 0,5 0,6 0,7 0,7 1,0 3,1 2,7 2,7 -2,2 -2,4 -2,3 Spanien 2,0 1,6 1,6 0,8 1,0 1,4 0,6 0,4 0,3 -2,1 -2,4 -2,2 Niederlande 1,7 1,6 1,6 2,7 1,8 1,7 10,0 9,8 9,6 0,7 0,2 0,0 Belgien 1,3 1,1 1,3 1,3 1,3 1,6 -1,0 -1,0 -1,0 -1,5 -2,0 -2,0 Österreich 1,5 1,4 1,4 1,5 1,6 1,6 2,0 1,8 1,8 0,4 0,2 0,3 Finnland 1,6 1,2 1,3 1,2 1,1 1,1 -1,5 -1,5 -1,0 -0,9 -1,1 -1,1 Griechenland 1,4 1,7 2,0 0,4 0,3 1,7 -2,5 -2,0 -1,5 1,2 0,5 0,4 Portugal 1,9 1,5 1,6 0,3 0,5 1,0 -0,2 -0,5 -0,7 -0,3 -0,2 0,2 Irland 5,4 3,0 3,5 0,9 0,9 0,8 3,0 4,0 5,0 0,4 0,0 0,2 Großbritannien 1,2 1,0 1,4 1,8 1,4 1,7 -5,3 -4,7 -4,3 -2,3 -2,8 -2,6 Dänemark 1,9 1,5 1,5 0,9 1,2 1,3 7,0 6,9 6,9 2,0 0,5 0,0 Norwegen 2,5 1,9 1,8 2,3 1,9 2,0 6,8 6,0 6,4 7,5 7,3 7,3 Schweden 1,1 1,1 1,5 1,7 1,6 1,7 3,7 4,0 4,4 0,4 0,1 0,2 Schweiz 0,9 1,9 1,5 0,5 0,5 0,9 10,1 10,2 10,3 1,1 1,1 0,9 Tschech. Rep. 2,5 2,3 2,7 2,8 2,5 2,3 0,9 0,7 0,9 0,8 0,4 0,3 Ungarn 5,0 3,5 3,5 3,3 3,3 3,4 -1,0 -0,8 -0,6 -1,7 -1,2 -1,0 Polen 4,2 3,8 3,6 2,3 2,7 2,8 -0,3 -0,7 -0,6 -1,0 -0,8 -1,1 USA 2,3 1,9 2,1 1,8 2,0 2,0 -3,0 -3,5 -3,5 -4,5 -4,5 -4,5 Japan 1,0 0,1 1,1 0,5 0,5 0,7 3,5 3,9 4,3 -2,6 -2,7 -2,6 China 6,2 6,1 6,0 2,9 3,6 2,0 1,5 1,1 0,9 -4,9 -4,9 -4,4 Welt 3,1 3,3 3,5 3,1 3,1 2,8 *Inflationsdaten für EU-Länder basieren auf harmonisierten Verbraucherpreisindizes außer bei Deutschland. Dies kann zu Diskrepanzen zu anderen DB Publikationen führen. Quellen: Nationale Behörden, Nationale Zentralbanken, Deutsche Bank Prognosen Deutschland: BIP-Wachstum nach Komponenten, % gg.Vq., Jahresdaten % gg.Vj. 2020 2021 2018 2019 2020P 2021P Q1 Q2P Q3P Q4P Q1P Q2P Q3P Q4P BIP 1,5 0,5 1,0 1,1 0,1 0,3 0,3 0,3 0,1 0,2 0,3 0,3 Privater Konsum 1,3 1,5 1,2 1,0 0,2 0,2 0,2 0,2 0,3 0,3 0,3 0,3 Staatsausgaben 1,4 2,0 1,5 1,3 0,3 0,3 0,3 0,3 0,3 0,3 0,3 0,3 Anlageinvestitionen 3,5 2,7 1,9 2,1 0,4 0,4 0,6 0,6 0,3 0,4 0,5 0,5 Ausrüstungen 4,4 0,7 -0,5 1,8 -0,2 0,1 0,5 0,5 0,0 0,3 0,4 0,5 Bau 2,5 4,1 3,7 2,7 0,8 0,7 0,7 0,7 0,6 0,6 0,6 0,6 Lager, %-Punkte 0,3 -0,4 -0,3 -0,4 0,0 0,1 0,0 0,0 -0,1 0,0 0,0 0,0 Exporte 2,1 1,0 2,3 2,1 0,3 0,5 0,7 0,7 0,4 0,4 0,4 0,4 Importe 3,6 2,3 2,9 2,6 0,7 0,7 0,7 0,7 0,6 0,6 0,6 0,6 Nettoexport, %-Punkte -0,4 -0,5 -0,1 -0,1 -0,2 -0,1 0,0 0,0 -0,1 -0,1 -0,1 -0,1 Konsumentenpreise* 1,7 1,4 1,0 1,4 Arbeitslosenquote, % 5,2 5,0 5,1 5,2 Industrieproduktion** 1,1 -4,0 -1,5 1,0 Budgetsaldo, % BIP 1,9 1,2 0,5 0,0 Öffentlicher Schuldenstand, % BIP 61,9 59,1 56,9 55,3 Leistungsbilanzsaldo, % BIP 7,3 7,2 6,7 6,1 Leistungsbilanzsaldo, EUR Mrd. 241,4 245,7 236 220 *Inflationsdaten für Deutschland basieren auf nationaler Abgrenzung. Dies kann zu Diskrepanzen zu anderen DB Publikationen führen. ** Verarbeitendes Gewerbe (NACE C) Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bundesbank, Arbeitsagentur, Deutsche Bank Research Vorsicht, zerbrechlich! 3 | 19. Dezember 2019 Ausblick Deutschland Reales BIP, % gg.Vj. 2017 2018 2019P 2020P USA 2,4 2,9 2,3 1,9 Japan 2,2 0,3 1,0 0,1 Eurozone 2,7 1,9 1,2 1,0 Deutschland 2,5 1,5 0,5 1,0 Frankreich 2,4 1,7 1,3 1,2 Italien 1,8 0,7 0,2 0,5 Spanien 2,9 2,4 2,0 1,6 Niederlande 2,9 2,6 1,7 1,6 Griechenland 1,4 1,9 1,4 1,7 Portugal 3,5 2,4 1,9 1,5 Irland 8,2 8,3 5,4 3,0 Großbritannien 1,9 1,4 1,2 1,0 Asien ex Japan 6,2 6,2 5,3 5,5 China 6,8 6,6 6,2 6,1 Indien 6,9 7,4 5,1 6,1 Osteuropa 2,7 2,9 2,0 2,9 Lateinamerika 1,0 0,9 1,4 2,4 Welt 3,9 3,8 3,1 3,3 Quellen: IWF, Deutsche Bank Research Vorsicht, zerbrechlich! Im Jahr 2019 konnte die deutsche Wirtschaft eine technische Rezession um Haaresbreite vermeiden. Allerdings blieb das BIP im Quartalsvergleich über das gesamte Jahr hinweg im Durchschnitt unverändert – trotz des nicht zuletzt auf Aufholeffekte zurückzuführenden Anstiegs um 0,5% in Q1. Diese deutliche Wachstumsverlangsamung ist auf den Außenbeitrag zurückzuführen. Die Ex- portaufträge scheinen inzwischen die Talsohle erreicht zu haben, sind aber ge- genüber ihrem Höchststand in Q4 2018 um rund 9% zurückgegangen. Seit Mitte 2018 belief sich das reale Exportwachstum durchschnittlich auf magere 0,1% gg. Vq., sodass der Außenbeitrag das BIP in jedem Quartal im Durchschnitt um 0,2%-Punkte gedämpft hat. Ohne die Kontraktion des Welthandels wäre das deutsche BIP im Jahr 2019 wahrscheinlich um 1 ¾% gewachsen Das globale BIP ist zwar im Jahr 2019 um rund 3% angestiegen, der weltweite Güterhandel ist jedoch um etwa 0,5% geschrumpft. Hauptgründe dafür sind der Handelskonflikt zwischen den USA und China, der Brexit und die weltweite Zu- rückhaltung bei (handelsintensiven) Investitionen. Außerdem deuten Simulatio- nen der Fed darauf hin, dass das weltweite BIP-Wachstum aufgrund dieser Aus- einandersetzungen im Jahr 2019 um knapp 1% geringer ausgefallen ist als es sonst der Fall gewesen wäre. Zwar sind die beiden Faktoren nicht voneinander unabhängig und ergeben sich aus einer Teilanalyse; dennoch kann man wohl die Auffassung vertreten, dass die deutschen Exporte bei einem globalen BIP- Wachstum von rund 4% und einer normaleren Handelselastizität von 1 um zu- sätzliche 4%-Punkte gewachsen wären. Abzüglich der ebenfalls höheren Im- portnachfrage wäre die BIP-Wachstumsrate dementsprechend ceteris paribus um 1 ¼%-Punkte höher ausgefallen als die aktuelle Prognose für 2019 (0,5%). Auch wenn diese Schätzung hochgradig vereinfacht ist, zeigt sie, wie hoch die Wohlstandsverluste sind. Gegenwind vom Export dürfte abklingen Dieses kontrafaktische Szenario macht zudem deutlich, wie bedeutsam die glo- balen Wachstumsannahmen für unsere Prognose für 2020 sind. Dies gilt insbe- sondere für die weitere Entwicklung des Handelskonflikts zwischen den USA und China und eine nach wie vor mögliche Anhebung der US-Zölle auf Autoim- porte. In unserem Basisszenario gehen wir davon aus, dass die USA und China ein „Phase-1“-Abkommen unterzeichnen. Im Vorfeld dieses Abkommens dürften die im Dezember verhängten US-Zölle wieder aufgehoben und möglicherweise auch die im Mai bzw. September und Oktober eingeführten Zölle zum Teil zu- rückgenommen werden. China dürfte seinerseits umfangreichere Importe von Agrargütern sowie Maßnahmen in den Bereichen Technologietransfer und IP- Schutz sowie Transparenz bei Devisenmarktinterventionen zusagen. Wir gehen außerdem nicht davon aus, dass die USA höhere Zölle auf Autoimporte verhän- gen. Globale Wirtschaft 1 -0,3 -0,2 -0,1 0,0 0,1 0,2 0,3 0,4 0,5 0,6 Q1 2018 Q2 2018 Q3 2018 Q4 2018 Q1 2019 Q2 2019 Q3 2019 Q4 2019 Deutsches BIP-Profil 2 % gg. Vq. Quelle: Statistisches Bundesamt -5 -4 -3 -2 -1 0 1 2 3 4 5 Bruttowertschöpfung nach Sektoren 3 Q1-Q3, annualisierte Rate Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Vorsicht, zerbrechlich! 4 | 19. Dezember 2019 Ausblick Deutschland Moderate Aufwärtsrevisionen für wichtige Länder Diese optimistischere Auffassung, die wohl von einer Mehrheit der Marktteilneh- mer geteilt wird, hat bereits dazu geführt, dass die wirtschaftspolitische Unsi- cherheit auf globaler Ebene deutlich geringer eingeschätzt wird. Der Index ist von 336 (Höchststand im August) auf 265,8 im November gesunken. Seit An- fang Oktober äußert sich die US-Regierung in Bezug auf Handelsverhandlun- gen gemäßigter, und der MSCI World-Index hat um rund 7% zugelegt. Im No- vember notierte der globale Einkaufsmanagerindex für das Verarbeitende Ge- werbe zum ersten Mal seit April wieder über 50, nämlich bei 50,3. Der Einkaufs- managerindex für das Verarbeitende Gewerbe in Taiwan, der in der Regel einen Vorlauf von rund 2 Monaten gegenüber dem globalen Index hat, kletterte sogar auf 54,9 – ein Anstieg um 6,9 Punkte gegenüber dem Tiefstand vom Juli. Auch der Frühindikator der Bundesbank für die globale Industrieproduktion bewegt sich seit Oktober/November allmählich nach oben. Unsere Kollegen haben ihre Prognosen für die USA und für China angehoben. In den USA haben sich die Stimmungsindikatoren erholt, die Lage am Arbeitsmarkt ist deutlich besser als erwartet, und die von den Modellen implizierte Rezessionswahrscheinlichkeit hat sich merklich verringert. Unsere Kollegen rechnen nunmehr damit, dass die US-Konjunktur in Q4 2019 – also ein halbes Jahr früher als zuvor vermutet – die Talsohle erreicht, und haben ihre BIP-Wachstumsprognose für 2020 von 1,5% auf 1,7% angehoben. Ebenso haben unsere Kollegen in Asien die Prognose für China nach oben genommen; sie gehen davon aus, dass das Wachstum bereits in Q3 die Talsohle erreicht haben könnte oder dies frühestens in Q1 2020 tun wird. Allerdings beruht auch diese Prognose in hohem Maße auf unseren han- delspolitischen Annahmen. Gleichzeitig wird sie von der expansiven Fiskal- und Geldpolitik gestützt. Die Wachstumsprognose für das Gesamtjahr wurde von 5,9% im November auf inzwischen 6,1% angehoben. Weiterhin Unterstützung durch die Finanzmärkte Auf beiden Seiten des Atlantiks sollten die Leitzinsen im Jahr 2020 unverändert bleiben. Den Prognosen unserer Strategen zufolge könnten die US-10J- Renditen im Sommer leicht sinken, sollten Ende 2020 aber bei rund 1,9% lie- gen, also in etwa auf dem aktuellen Niveau. Wenn die Wachstumssorgen in Eu- ropa im Jahr 2020 etwas abklingen und Deutschland möglicherweise im Jahr 2021 ein Haushaltsdefizit verzeichnet, könnten sich die 10J-Bund-Renditen bis Ende 2020 auf 0% zubewegen. Da die wirtschaftspolitische Unsicherheit zu- rückgeht und sich das Wachstum in den USA und weltweit im Jahr 2020 stabili- sieren dürfte, erwarten unsere Strategen für 2020 einen leichten Anstieg des -40 -35 -30 -25 -20 -15 -10 -5 0 5 10 -50 -40 -30 -20 -10 0 10 20 30 40 05 07 09 11 13 15 17 19 Verarbeitendes Gewerbe minus Dienstleistungen Dienstleistungen Verarbeitendes Gewerbe ifo: Trotz Bodenbildung im Verarbeitenden Gewerbe weiterhin zweigeteiltes Stimmungsbild 4 Quellen: ifo, Deutsche Bank Research Saldo Differenz 0 500 1000 1500 2000 2500 15 16 17 18 19 Unsicherheit in der US-Handelspolitik 6 Index Quellen: PolicyUncertainty.com, Haver Analytics LP 30 35 40 45 50 55 60 65 70 98 01 04 07 10 13 16 19 Verarbeitendes Gewerbe global Dienstleistungen Index PMI global 5 Quellen: Haver Analytics LP, Deutsche Bank Research Vorsicht, zerbrechlich! 5 | 19. Dezember 2019 Ausblick Deutschland S&P 500 auf 3250. Dabei könnten europäische Aktien angesichts ihres höheren Beta und der niedrigeren Bewertungen im Vergleich zu den USA noch etwas besser abschneiden. Risiken für unsere Schlüsselannahmen Bisher haben sich allerdings vor allem die Stimmungsdaten verbessert, und die Signale sind nach wie vor nicht eindeutig. Die harten monatlichen Daten fallen sehr viel uneinheitlicher aus. Außerdem stützen sich die Verbesserung an den Finanzmärkten und der Anstieg der Umfragen (z.B. ISM, ifo-Index oder Ein- kaufsmanagerindizes) bisher praktisch ausschließlich auf die Hoffnung, dass sich die Lage zwischen den USA und China tatsächlich entspannt. Warum ent- sprechende Hoffnungen aufkommen, ist unmittelbar einleuchtend: Beide Länder bekommen inzwischen die Auswirkungen der höheren Zölle auf die Exporte und die inländischen Investitionsausgaben zu spüren. In einem Wahljahr dürfte ins- besondere Präsident Trump kein Interesse daran haben, wirtschaftliche Risiken einzugehen. Wir Ökonomen dürfen jedoch unsererseits nicht vergessen, dass politische Prognosen, die sich rein auf eine wirtschaftliche Kosten-Nutzen-Ana- lyse stützen, nur in begrenztem Umfang zuverlässig sind. Dies gilt insbesondere bei zeitlichen Inkonsistenzen. So wird ein Handelsabkommen den zugrundelie- genden Konflikt zwischen den USA und China wohl nicht lösen; vielmehr dürfte dieser sich in den kommenden Jahren noch verschärfen. In Q4 könnte das BIP-Wachstum erneut negativ ausfallen Aber selbst wenn sich unser Optimismus als gerechtfertigt herausstellt, könnte die weltwirtschaftliche Dynamik im Jahr 2020 gering bleiben. In zahlreichen Län- dern haben sich die harten Daten noch nicht so deutlich verschlechtert wie es den Stimmungsindikatoren zufolge zu erwarten wäre. Dies gilt vor allem für Deutschland, für das laut Brückenmodellen auf der Grundlage des ifo-Index und der Einkaufsmanagerindizes ein negatives Wachstum von rund ½% in Q3 zu er- warten war. Tatsächlich legte das BIP jedoch um 0,1% zu. Möglicherweise tritt die prognostizierte Konjunkturverlangsamung noch ein und belastet die Wirt- schaft im Winterhalbjahr. Oder (was ähnlich entmutigend wäre) die zaghafte Stimmungsverbesserung ist lediglich als Korrektur nach einem Überschießen anzusehen, schlägt sich aber nicht in den harten Daten nieder. In jedem Fall sind dies keine guten Vorzeichen für das BIP-Wachstum in Q4 und wahrschein- lich im ganzen Winterhalbjahr, für das wir im Grunde kaum mehr als eine Stag- nation erwarten. Angesichts des schwachen Starts (im September gingen so- wohl die Industrieproduktion (-1,7%) als auch die Auftragseingänge (-0,4%) und die Einzelhandelsumsätze (-1,6%) zurück) könnte das BIP in Q4 gegenüber dem Vorquartal erneut etwas schrumpfen. Solide Binnenwirtschaft als Stütze der deutschen Konjunktur Angesichts der strukturellen Engpässe am Arbeitsmarkt (S. 13) sollte das Ein- kommenswachstum auch 2020 solide bleiben und zudem von der Fiskalpolitik unterstützt werden. Die anhaltend expansive Fiskalpolitik sollte zudem den staatlichen Konsum und die staatlichen Investitionen (S. 12 und 15) fördern. Der Immobilienmarkt scheint angesichts des zweistelligen Wachstums der Immobili- enkredite abzuheben; die Bauinvestitionen werden jedoch nach wie vor durch diverse Engpässe gedämpft (S. 23). Die anhaltende Zweiteilung der deutschen Konjunktur schlägt sich in der unterschiedlichen Entwicklung der ifo-Indizes für das Verarbeitende Gewerbe und für den Dienstleistungssektor nieder; nach wie vor ist die Differenz zwischen den beiden Indizes beträchtlich und war nur in der -04 -02 00 02 04 06 08 10 2017 2018 2019 Welthandel, CPB Deutsche Exporte (sb., real) Deutsche Exporte & Welthandel 7 Quellen: CPB, Statistisches Bundesamt gg. Vj. Vorsicht, zerbrechlich! 6 | 19. Dezember 2019 Ausblick Deutschland Krise im Jahr 2009 größer. In den ersten drei Quartalen 2019 verzeichneten alle wichtigen Segmente des Dienstleistungssektors ein positives Wachstum. Aller- dings ist der Ausstoß in denjenigen Segmenten, die in hohem Maße vom Verar- beitenden Gewerbe abhängig sind (z.B. Transport oder Unternehmensdienst- leistungen), seit Q2 im Quartalsvergleich gesunken. Angesichts der bestenfalls moderaten Belebung der Exportnachfrage (S. 7) dürften die Unternehmensinvestitionen auch 2020 weiter schrumpfen. Selbst wenn die handelspolitischen Unsicherheiten weiter abklingen, dürfte die Investi- tionsbereitschaft der Unternehmen (in Deutschland) dadurch gedämpft werden, dass keine Klarheit über die Stoßrichtung und die Auswirkungen der deutschen und europäischen Umweltpolitik vorhanden ist. Insgesamt dürfte sich das BIP-Wachstum in Deutschland von geschätzt 0,5% im Jahr 2019 auf rund 1%% im Jahr 2020 beschleunigen. Die positive Potenziallü- cke der vergangenen Jahre dürfte 2020 praktisch geschlossen werden, sodass der Aufwärtsdruck auf die Kerninflation weiter sinken sollte. Bei sinkenden Ener- giepreisen dürfte sich die Gesamtinflationsrate im Jahr 2020 wieder auf 1% zu- bewegen (S. 29). -1 0 1 2 3 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020 Privater Verbrauch Staatsverbrauch M&A Baugewerbe Sonstige Investitionen Vorräte Netto-Export BIP 2013-2020 Deutschland: BIP-Wachstumsbeiträge 8 % gg. Vj., %-Punkte Quellen: Deutsche Bank Research, Statistisches Bundesamt 0,0 0,2 0,4 0,6 0,8 1,0 61 63 65 67 69 71 73 75 77 79 81 83 85 87 89 91 93 95 97 99 01 03 05 07 09 11 13 15 17 19 Im dritten Quartal Rückgang bei Rezessionsrisiko*, aber nicht vom Tisch 9 *Zur Schätzung der Rezessionswahrscheinlichkeiten verwenden wir ein Wahrscheinlichkeitsmodell. Die abhängige Variable ist ein binärer Indikator, der den Wert 1 für ein negatives qoq BIP- Wachstum annimmt. Schattenzonen sind die Rezessionsschätzungen des Sachverständigenrates. Zur Kontrolle gehören Auftragseingänge, der ifo-Geschäftsklimaindex, die Industrieproduktion (ohne Baugewerbe) sowie die Renditen von Unternehmensanleihen.Die Barwerte sind vier Vierteljahresdurchschnitte der Rezessionswahrscheinlichkeiten. Quellen: ifo, Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research Vorsicht, zerbrechlich! 7 | 19. Dezember 2019 Ausblick Deutschland Rezessionsrisiko noch nicht vorüber Im Jahr 2020 dürfte das BIP-Wachstum durch die ungewöhnlich hohe Anzahl von Arbeitstagen um 0,4%-Punkte höher ausfallen. Daraus ergibt sich, dass die Konjunktur weiterhin sehr anfällig ist. Insbesondere im Autosektor bzw. bei Au- tozulieferern bestehen strukturelle Herausforderungen, und die immer stärker aufklaffende Lücke zwischen klimapolitischen Forderungen bzw. Versprechun- gen der Politik und den bisher überschaubaren Maßnahmen mit begrenzter Wir- kung sorgt für Unsicherheit und lässt die Befürchtung aufkommen, dass die Wirtschaft künftig durch striktere Maßnahmen stärker belastet wird. Insgesamt könnten eine erneute Eskalation des Handelskonflikts zwischen den USA und China, höhere US-Zölle auf europäische Autoimporte oder Probleme bei der Aushandlung eines Handelsabkommens nach dem Brexit ausreichen, um die deutsche Wirtschaft (doch noch) in eine Rezession zu stürzen. Stefan Schneider (+49 69 910-31790, stefan-b.schneider@db.com) Höheres Exportwachstum dank US-China-Deal?! Im Zuge der restriktiven US-Handelspolitik verlor der Welthandel für Güter und Dienstleistungen im Jahr 2019 weiter an Tempo und dürfte um weniger als 1% gewachsen sein. Der Güterhandel schrumpfte sogar. Insbesondere dämpfte die stufenweise Eskalation des Handelsstreits zwischen den USA und China die globale Nachfrage. Aber auch die USA und die EU erhöhten gegenseitig die Zölle für einzelne Produkte. Die latente Gefahr von US-Einfuhrzöllen auf Autos belastete im Jahresverlauf die Stimmung. So fielen die Exportorders im Ein- kaufsmanagerindex des Verarbeitenden Gewerbes auf den tiefsten Stand seit der Finanzkrise. Diese sehr schlechte Stimmung übertrug sich aber nur teil- weise auf die realen Exporte, die immerhin mit rd. 1% gewachsen sein dürften. Wenn im kommenden Jahr tatsächlich – wie von uns im Basisszenario erwartet – eine Deeskalation der Handelsstreits zwischen den USA und China stattfindet, dürfte der Welthandel und ebenso die deutschen Exporte wieder etwas dynami- scher wachsen. In diesem Umfeld dürften der globale Güterhandel um 2 ½% und die deutschen Exporte (Güter und Dienstleistungen) in etwa um 2% zule- gen. Beide Größen würden damit abermals unterdurchschnittlich wachsen. Der globale Handel inklusive Dienstleistungen dürfte wie in den vergangenen Jahren in etwa einen Prozentpunkt kräftiger, also mit 3 ½% wachsen. Exportpreise und Wechselkurse voraussichtlich mit geringem Ein- fluss Die Exportpreise erhöhten sich aufgrund der relativ stabilen Rohstoffpreise im Jahr 2019 um lediglich ½%. Auch im kommenden Jahr erwarten wir für die meisten Rohstoffpreise zumeist eine Seitwärtsbewegung, lediglich für die Rohöl- preise (Brent und WTI) erwarten wir einen kräftigen Rückgang um mehr als 10%. Folglich würden die Exportpreise nach unseren Berechnungen im Jahr 2020 sogar marginal schrumpfen. Die nominalen Exporte würden im Jahr 2020 dann nur mit rd. 1 ¾% zulegen. Unsere Exportprognosen basieren dabei auf seitlich verlaufenden realen und nominalen Wechselkursen. Unterstellt man die von uns geschätzte Exportelastizität von -2/3, könnte eine Euroaufwertung von aktuell EUR/USD 1,10 auf 1,20 (Jahresdurchschnitte) das deutsche Export- wachstum kräftig um rund 6%-Punkte dämpfen. Da eine Euroaufwertung typi- scherweise mit einer Wiederbelebung der globalen Konjunktur einhergeht, wäre dann auch unsere Ausgangsprognose nach oben zu korrigieren. -3 0 3 6 48 50 52 54 12 13 14 15 16 17 18 19 Globaler PMI Welthandel (rechts) Welthandel vs. globaler PMI und US- Einkaufsmanagerindex: ISM 10 linke y-Achse: Index<50 Kontrak., >50 Expansion rechte y-Achse: % gg. Vj. Quellen: IHS Markit , ISM, CPB, Deutsche Bank Research 0 1 2 3 4 2018 2019 2020 DB IMF 2018: 2020: Globales BIP Wachstum 11 % gg. Vj. Quellen: Deutsche Bank Research, IWF Vorsicht, zerbrechlich! 8 | 19. Dezember 2019 Ausblick Deutschland Deeskalation des Handelsstreits könnte Nachholeffekte auslösen Im Jahr 2019 waren, wie in den Vorjahren, Deutschlands fünf wichtigste Export- länder in nominalen Größen: die USA, Frankreich, China, die Niederlande und Großbritannien. Insgesamt entfallen auf diese Länder 37% der deutschen Ex- porte. Die Schwerpunkte der Handelskonflikte haben sich deutlich in der regio- nalen Exportentwicklung niedergeschlagen. Die nominalen Exporte in die USA erhöhten sich leicht überdurchschnittlich um 5%, was auch mit der Aufwertung des US-Dollars im Verlauf des Jahres zu erklären ist. Dagegen war bei den Ex- porten nach China, die in den Vorjahren zweistellige Wachstumsraten aufwie- sen, nur ein Plus von 1,5% zu verzeichnen. Tritt im Jahr 2020 tatsächlich eine Deeskalationsphase ein, könnte es kräftige Nachholeffekte der Exporte nach China geben. Dies gilt umso mehr, da sowohl die Seidenstraßenprojekte als auch die Strategie „Made in China 2025“ bereits die Verkäufe ankurbeln könn- ten. Die durchschnittlichen Wachstumsraten der letzten Jahre von rd. 5% in die USA könnten dann sogar deutlich überschritten werden. Andernfalls droht ins- besondere den Absätzen nach China ein schwaches Jahr, womöglich sogar ein Rückgang. In diesem Fall könnte zudem die Frage diskutiert werden, ob die Ex- porte nach China nicht strukturell an Dynamik einbüßen. Schließlich wird in vie- len Sektoren ein wachsender Anteil der chinesischen Nachfrage nach Erzeug- nissen deutscher Unternehmen von diesen auch lokal produziert. US-Autozölle bleiben Damoklesschwert für den EU-US- Handelsstreit, … Aus deutscher Sicht stehen zwei Themen im Mittelpunkt des Handelsstreits zwi- schen den USA und der EU. Zum einen die unerlaubten Subventionen für die Flugzeugbauer und zum anderen, und von noch größerer Bedeutung, das Ri- siko der Einführung von Autozöllen. Die Exporte von Autos und Autoteilen in die USA hatten im Jahr 2019 ein Volumen von fast EUR 30 Mrd. Der angedrohte Zollsatz von 25% könnte einen Rückgang der Exporte um bis zu EUR 5 Mrd. auslösen. Dabei würden die negativen Zolleffekte dadurch abgemildert, dass die Preiselastizität der Nachfrage bei Fahrzeugen der automobilen Oberklasse recht gering ist. Die Verkäufe europäischer Flugzeuge an die USA haben ein deutlich geringeres Volumen als die Autoexporte. Die WTO hat im Oktober 2019 bereits eine uner- laubte Subventionierung von Airbus festgestellt und könnte, wenn sie denn handlungsfähig ist, im Frühjahr 2020 ein ähnliches Urteil auch für Boeing aus- sprechen. Aufgrund der US-Blockade könnte jedoch eine Ernennung von Rich- -3 0 3 6 9 12 US FR UK CN NL Langfristiges Mittel - Median 2016-2018 2019 Top 5 Länder: Bilaterale Exporte 12 in % Quellen: Deutsche Bank Research, Statistisches Bundesamt Vorsicht, zerbrechlich! 9 | 19. Dezember 2019 Ausblick Deutschland tern für das wichtigste WTO-Gremium für die Streitschlichtung zwischen Län- dern, den „Appellate Body“, ausbleiben. In diesem Fall fänden die Verhandlun- gen zwischen der USA und der EU nur noch auf bilateraler Ebene statt, mit un- gewissem Ausgang. Letztlich dauert der Streit zwischen den USA und der EU über Subventionen in der zivilen Luftfahrtindustrie schon viele Jahre an. … und eine Eskalation könnte weitreichende geopolitische Folgen haben Ein Zollschock insbesondere für die Autoindustrie hätte potenziell auch weitrei- chende Folgen für andere Sektoren. Die deutsche Wirtschaft könnte, um die Zölle zu vermeiden, den Auf- und Ausbau weiterer US-Produktionsstätten pla- nen. Im Zuge einer solchen Entwicklung könnte Frankreich die USA als wich- tigsten Absatzmarkt in wenigen Jahren ablösen – eine Position, die Frankreich in früheren Jahren stets innehatte. Produktion und Konsum wären dann immer stärker kontinental verankert. Das Interesse an einem gemeinsamen regulatori- schen Wirtschaftsraum, wie ihn beispielsweise die vor wenigen Jahren geschei- terten TTIP-Verhandlungen anvisierten, schwände dann zusehends. Langfristig drohte eine weitere transatlantische Entflechtung. Jüngst hat die EU bereits ver- kündet, eine Stärkung des Euros im internationalen Handel, insbesondere im Rohstoffhandel, anzustreben. Ebenso wird laut über die Etablierung eigener, US-unabhängiger Zahlungssysteme nachgedacht. Die Gedankenspiele über die Zukunft der NATO passen ins Bild. Die negativen Auswirkungen dieser potenzi- ellen „tektonischen“ Verschiebungen wären offensichtlich. Eurozone: Güterexporte nach Italien verlieren an Bedeutung Im Jahr 2019 nahmen die Exporte nach Frankreich und in die Niederlande um jeweils rund 2% zu. Relativ zu den Vorjahren stellt dies für Frankreich eine Bele- bung dar, für die Exporte in die Niederlande jedoch ist dies ein unterdurch- schnittliches Wachstum. Dank des Rheins, Deutschlands mit Abstand wichtigs- tem Binnenwasserweg, sind die Niederlande ein Logistikzentrum für deutsche Exporteure. Der schrumpfende globale Handel hat daher auch bei den Exporten seine Spuren hinterlassen. Die Exporte in die Eurozone insgesamt legten nur marginal um rd. ½% zu. Die Ausfuhren in die größten Länder der Eurozone wei- sen, mit Ausnahme von Italien, allesamt ein Plus auf. Schrumpfen im Jahr 2020 die Güterexporte nach Italien erneut, dann ist Österreich drauf und dran, Italien als drittwichtigsten Absatzmarkt in der Eurozone und von Rang 6 aller Export- märkte zu verdrängen. Für das Jahr 2020 erwarten wir abermals ein verhaltenes Wachstum der Ausfuhren, welches wie in den Vorjahren etwas schwächer zu- legt als die Exporte insgesamt. Geringere Unsicherheit und stabileres Pfund positiv für UK- Exporte Die Unsicherheit rund um den Brexit spiegelte sich in den Exporten im Jahres- verlauf 2019 wider. Die Absätze fielen im Frühjahr und Sommer kräftig – also in den Phasen, in denen intensiv über einen harten oder gar chaotischen Brexit diskutiert wurde. Am Anfang und gegen Ende des Jahres 2019 war jedoch eine Erholung zu verzeichnen. Die komfortable Mehrheit der Konservativen bei der Unterhauswahl im Dezember dürfte die Unsicherheit im Jahr 2020 weiter redu- zieren und die Exporte nach Großbritannien unterstützen. Der aktuelle Zeitplan sieht vor, bis zum Ende des Jahres 2020 ein Handelsabkommen zwischen UK und der EU zu schließen. Die potenziell nötigen Grenzkontrollen zwischen Irland und Nordirland sind ein Hauptpunkt der Verhandlungen. Gleiches gilt für die Frage, inwieweit die Freizügigkeit von Gütern, Dienstleistungen, Kapital und Personen in dem neuen Vertrag Berücksichtigung findet. Die Auswirkungen auf Vorsicht, zerbrechlich! 10 | 19. Dezember 2019 Ausblick Deutschland die Exporte nach UK könnten je nach Szenario sehr unterschiedlich sein. Ers- tens würde eine erhöhte Unsicherheit und ein abermaliges Verschieben einer Brexit-Frist wohl erneut negativ wirken. Dieser Effekt könnte jedoch weniger ne- gativ sein als in den Vorjahren. Denn in den letzten Jahren ist bereits eine Reihe von unternehmerischen Entscheidungen gegen das Vereinigte Königreich gefal- len und viele Unternehmen haben Notfallpläne für die Folgen eines harten Brexit erstellt. Zweitens könnte es zu Vorzieheffekten kommen, falls das neue Abkommen höhere Handelshürden vermuten lässt. Am positivsten wäre drittens ein Freihandelsabkommen, welches die bislang enge wirtschaftliche Verbindung beider Wirtschaftsräume bestätigt. In diesem Fall wären, nicht zuletzt wegen der Absatzschwäche vom Jahr 2016 bis 2018, kräftige Nachholeffekte möglich. Emerging Markets, insbesondere Visegrad-Staaten, bleiben eine Stütze Einer der wichtigsten Wachstumsmärkte für die deutschen Exporteure sind die Visegrad-Staaten: Polen, Tschechien, Ungarn und die Slowakei. In Summe ex- portieren wir bereits seit dem Jahr 2007 mehr Güter in diese Staaten als in un- seren größten Absatzmarkt, die USA. Seither haben sie an Bedeutung gewon- nen, auch aufgrund der zunehmenden Wettbewerbsintensität. Wegen der kos- tenseitigen Nachteile der deutschen Produktionsstandorte (z.B. Arbeitskosten, Unternehmenssteuern, Strompreise) dürften diese Verflechtungen eher zuneh- men. Bisher verliefen Importe und Exporte in die Visegrad-Staaten im Gleich- lauf. Bei einer weiteren Produktionsverlagerung könnten komplette Produktions- ketten verstärkt in die Visegrad-Staaten verlagert werden und die Verkäufe der deutschen Automobilindustrie dann teilweise von dort erfolgen. Dies könnte auch die deutschen Exporte in andere Länder dämpfen. Der Trend hin zur Elektromobilität dürfte diese Restrukturierung beschleunigen, denn die erforder- lichen Investitionen erfordern offenkundig Kostensparprogramme. Im Jahr 2020 erwarten wir folglich abermals ein deutliches Wachstumsplus bei den Ausfuhren in diese Länder. Die Exporte in viele andere Emerging Markets verlaufen dagegen recht volatil Die Exporte in die Türkei gingen das vierte Jahr in Folge zurück. In der zweiten Jahreshälfte 2019 zogen sie aber dank der Stabilisierung der türkischen Lira und der wieder besseren Wirtschaftsdaten an. Diese dürfte – zumindest ohne weitere US-Sanktionen und geopolitische Spannungen – im Jahr 2020 eine 0 5 10 15 00 02 04 06 08 10 12 14 16 18 PL HU CZ SK US Bilaterale Exporte: Visegrad-Staaten vs. USA 13 in EUR Mrd. pro Jahr Quellen: Deutsche Bank Research, Statistisches Bundesamt Vorsicht, zerbrechlich! 11 | 19. Dezember 2019 Ausblick Deutschland Fortsetzung finden. Sehr ähnlich verliefen die Absätze nach Russland. Auch hier trugen die Aufwertung des Rubels und die bessere Wirtschaftslage zu einer Belebung in der zweiten Jahreshälfte des Jahres 2019 bei. Ohne erneute geo- politische Spannungen dürften die Exporte nach Russland im Jahr 2020 wiede- rum leicht zulegen. Dies sollte selbst dann gelten, wenn die aktuellen Sanktio- nen am 15. März 2020 erneut verlängert würden. Sollte jedoch der Ölpreis im kommenden Jahr kräftig fallen, würde dies die deutschen Exporte nach Russ- land dämpfen. Perspektivisch, wenn die jüngste Annäherung zwischen der Uk- raine und Russlands den Weg zum Frieden weisen sollte, könnte Russland, ak- tuell auf Platz 14 der wichtigsten deutschen Exportmärkte, für deutsche Exporte wieder an Bedeutung gewinnen. Vor der Einführung der EU-Sanktionen im Jahr 2014 war Russland auf dem Weg unter die „Top Ten“; für den deutschen Ma- schinenbau erreichte das Land sogar zwischenzeitlich den vierten Platz. Wür- den Nachholeffekte tatsächlich eintreten, dürften die Wachstumsraten deutlich über 10% liegen. Die Exporte in viele arabische Staaten verzeichneten im Jahr 2019 kräftige, teilweise zweistellige Einbrüche. Im Jahr 2020 dürfte das Überan- gebot auf den globalen Rohölmärkten erneut die Ausfuhren in diese Länder schmälern. Bestenfalls dürften diese Märkte stagnieren. So exportfreudig Deutschlands Industrie ist, bleiben die Exporte in außereuropäische Emerging Markets von relativ geringer Bedeutung. Die wichtigsten sind Mexiko auf Rang 22, Indien auf Rang 25, Brasilien auf Rang 28 und Südafrika auf Rang 29. Wenngleich die Exporte in diese Länder kräftig wachsen, liegt ihr Marktanteil an allen Güterexporten jeweils unter 1%. Leistungsbilanzüberschuss baut sich nur allmählich ab Der Leistungsbilanzüberschuss dürfte im Jahr 2019 geringfügig auf 7,2% des BIP bzw. rund EUR 245 Mrd. gefallen sein. Mit diesem vierten Rückgang in Folge (2015: 8,6%, 2016: 8,5%, 2017: 8,1%, 2018: 7,4%) baut sich der Über- schuss weiterhin langsam, aber stetig ab. Wir erwarten für das Jahr 2020 eine Fortsetzung dieser Entwicklungen und einen Überschuss von dann 6 ¾% des BIP. Deutschland trägt unter den großen Ländern also weiterhin besonders stark zu den globalen Ungleichgewichten bei, was jedoch eine Entscheidung von Millionen einzelner Wirtschaftssubjekte und nicht das Ergebnis einer wirt- schaftspolitischen Strategie ist. Der erwartete weitere Rückgang der Über- schüsse im Jahr 2020 dürfte abermals zu einem negativen Wachstumsbeitrag der Nettoexporte zum BIP führen. Auch in den Folgejahren werden die realen Exporte wohl weniger kräftig wachsen als die Importe. Auch aufgrund demogra- fischer Effekte dürfte es sich hierbei um eine dauerhafte Veränderung handeln, die bereits seit mehreren Jahren zu beobachten ist. Nahezu unveränderte Struktur der Leistungsbilanz Wesentliche Merkmale der Leistungsbilanz bestehen seit Jahren. Auch im Jahr 2019 gab es geringe Veränderungen der Unterkomponenten. Den hohen Güter- überschüssen und positiven Primäreinkommen stehen weiterhin Defizite bei den Dienstleistungen und den Transfers gegenüber. Auch die bilateralen Leistungs- bilanzüberschüsse ändern sich nur geringfügig. Bemerkenswert sind lediglich die Rückgänge der Überschüsse gegenüber den Euro- und EU-Ländern, die je- weils um rund 10% auf EUR 75 Mrd. und EUR 100 Mrd. gefallen sind. Die Über- schüsse mit den USA erreichten dagegen mit EUR 75 Mrd. ein neues Allzeit- hoch. Hier schlägt sich einerseits die Stärke der US-Wirtschaft nieder, anderer- seits aber auch die hohe Unsicherheit über den künftigen Pfad der US- Handelspolitik. Die damit einhergehende Dollarstärke verbessert dann die Ab- satzchancen der deutschen Wirtschaft. Die Entwicklung der Überschüsse in den kommenden Jahren dürfte wesentlich von der Zollpolitik der USA und, wie oben -5 0 5 10 60 64 68 72 76 80 84 88 92 96 00 04 08 12 16 20 1960-2020 Leistungsbilanz 14 in % des BIP Quellen: Deutsche Bank Research, Statistisches Bundesamt Vorsicht, zerbrechlich! 12 | 19. Dezember 2019 Ausblick Deutschland beschrieben, davon abhängen, ob die USA Zölle auf Importe von Autos und Au- toteilen aus der EU erheben. Unseres Wissens stehen aktuell keine Fristen an, die hierbei zu berücksichtigen sind. Das Thema dürfte aber bei den Verhandlun- gen zwischen den USA und der EU aufgegriffen werden. Jochen Möbert (+49 69 910-31727, jochen.moebert@db.com) Privater Konsum bleibt wichtigster Konjunkturmo- tor im Jahr 2020 Das Wachstum der privaten Konsumausgaben dürfte sich im Jahr 2020 leicht auf 1,2% abschwächen, nachdem für das Jahr 2019 eine Zunahme von 1,5% zu erwarten ist. Damit läge der Wachstumsbeitrag in diesem Jahr bei 0,8 Prozent- punkten und in 2020 bei 0,6. Wichtige Impulsgeber für die positive Entwicklung im abgelaufenen Jahr waren die aufwärtsgerichtete Beschäftigungs- und Lohn- entwicklung, aber auch die finanzpolitischen Maßnahmen der Bundesregierung sowie Nachholeffekte bei Pkw-Käufen. Zusammen mit den Bauinvestitionen (ge- schätzte Wachstumsbeiträge in 2019 und 2020 von je 0,4 Prozentpunkten) wird der Konsum der privaten Haushalte im kommenden Jahr weiterhin Motor einer binnenwirtschaftlich getriebenen Konjunktur bleiben. Die leichte Abschwächung in 2020 dürfte aus einem nicht mehr ganz so starken Lohnwachstum resultieren. Vor dem Hintergrund der abgeschwächten konjunk- turellen Entwicklung ist zu erwarten, dass die Ergebnisse der kommenden Tarif- runde (für rund 10 Mio. Beschäftigte) etwas verhaltener ausfallen werden. So dürfte das durchschnittliche Tariflohnwachstum im kommenden Jahr bei etwa 2,5% liegen, nach rund 3% in 2019. Zudem wird der gesetzliche Mindestlohn im Januar von EUR 9,19 auf EUR 9,35 angehoben. Die Ausgaben der privaten Haushalte dürften im kommenden Jahr auch von den zum 1. Juli wieder kräftig steigenden Renten 1 (Westdeutschland: 3,15%, Ostdeutschland: 3,92%) profitieren. Hinzu kommen die Anhebungen der Grund- und Kinderfreibeträge sowie die Anpassung der Tarifeckwerte in der Einkom- menssteuerermittlung, zum Ausgleich der „kalten Progression“. Die weiterhin günstigen Finanzierungsbedingungen dürften den privaten Verbrauch ebenfalls stützen. Das gilt auch für die im Jahresdurchschnitt sinkende Inflationsrate (2019: 1,4% und 2020: 1%), die die reale Kaufkraft stützt. Im Vergleich zu H2 2018 (11,1%) hatte die Sparquote in H1 2019 auf 10,8% nachgegeben. Aufgrund der Probleme bei der Einführung des WLTP-Standards kam es im Jahr 2018 zu Lieferengpässen bei Pkws. Die infolge dessen aufge- schobenen Autokäufe wurden zu Beginn dieses Jahres nachgeholt und dürften zu dieser Entwicklung geführt haben. Angesichts der Wiederaufnahme des An- leihekaufprogramms der EZB und der Diskussionen um eine Weitergabe von Negativzinsen an Endkunden sank die Sparneigung gemäß der GfK-Umfrage zum Jahresende spürbar. In diesem Umfeld dürfte die Sparquote im kommen- den Jahr noch leicht unter das Niveau von 10,8% sinken. 1 Infolge der jüngsten Generalrevision der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung wurden auch die Bruttolöhne und -gehälter revidiert. Gemäß der Rentenformel hätte sich dies im Jahr 2020 über den Faktor „Löhne“ in einem außerordentlichen Anstieg von etwa 2%, zusätzlich zur Anpassung aufgrund der Lohnsteigerungen des Jahres 2019, ausgewirkt. Im Jahr 2021 hätte sich dieser Ef- fekt dann gemäß der Formel „mechanisch“ umgekehrt. Um einen solchen Jo-Jo-Effekt zu vermei- den, wurde eine entsprechende Gesetzesänderung in Kraft gesetzt (Bundesgesetzblatt Nr. 39, 20. November 2019). -2 -1,5 -1 -0,5 0 0,5 1 1,5 2 2,5 3 00 02 04 06 08 10 12 14 16 18 20 verfügbares Einkommen private Kosumausgaben Real, % gg. Vj. Real verfügbares Einkommen und private Konsumausgaben 15 Prognose Quellen: Deutsche Bundesbank, Deutsche Bank Research 0 100 200 300 400 500 600 700 800 13 14 15 16 17 18 19 Differenz Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte Erwerbstätige Veränderung gg. Vj., '000 Personen Beschäftigungsaufbau mit nachlassender Dynamik 16 Quellen: Bundesagentur für Arbeit, Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research Vorsicht, zerbrechlich! 13 | 19. Dezember 2019 Ausblick Deutschland Arbeitsmarkt – deutlich nachlassende Dynamik Der deutsche Arbeitsmarkt hat sich im Jahr 2019 trotz der konjunkturellen Schwächephase robust entwickelt. Das ist insbesondere auf die binnenorientier- ten Wirtschaftsbereiche zurückzuführen, die von den außenwirtschaftlichen Ge- genwinden bisher wenig beeinflusst waren. Mit 45,3 Mio. Erwerbstätigen (+0,9% gg. Vj.) wird in diesem Jahr wieder ein neuer Rekord erreicht. Im Vergleich zu 2018 (+1,4% gg. Vj.) verlor der Zuwachs jedoch erwartungsgemäß an Schwung. Der aufwärtsgerichtete Beschäftigungstrend wurde von einer hohen Zuwande- rung getragen. In den vergangenen zwölf Monaten (Stand Sep.) lag der Beitrag an der Zunahme der Erwerbstätigenzahl bei durchschnittlich rund 270.000 Per- sonen. 2 Bemerkenswert ist, dass der Beschäftigungsaufbau insgesamt auch im Jahr 2019 vor allem bei den sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnissen erfolgte. Im Jahresverlauf fiel die Arbeitslosenquote in zwei Monaten sogar auf 4,9%, wenngleich hier der vermehrte Einsatz aktiver arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen zur Wirkung kam. Im Jahresdurchschnitt wird sie bei 5% liegen. Arbeitsmarktausblick 2020 Für die Arbeitsmarktentwicklung in 2020 wird entscheidend sein, wann die Re- zession in der deutschen Industrie ein Ende findet. Gegenwärtig signalisieren vorlaufende Stimmungsindikatoren eine Bodenbildung, sodass die Talsohle zu Beginn des nächsten Jahres erreicht sein könnte. Die Zweiteilung der deut- schen Volkswirtschaft, mit aufwärtsgerichtetem Dienstleistungs- und Bausektor und eher seitwärts tendierender Industrieproduktion, dürfte erst einmal erhalten bleiben. Vor diesem Hintergrund dürfte es in der Industrie vor allem im Bereich der Leiharbeit zu einem weiteren Abbau kommen, während gut qualifizierte Ar- beitskräfte in vielen Bereichen nach wie vor gesucht sind. Da der Arbeitsmarkt gewöhnlich mit einem Nachlauf von rund sechs Monaten auf die wirtschaftliche Entwicklung reagiert, ist insbesondere vom Verarbeiten- den Gewerbe noch mit negativen Effekten auf die Beschäftigungsentwicklung zu rechnen. Auch ein Blick auf die entsprechenden Unterkomponenten der Ein- kaufsmanagerindizes (PMIs) oder des ifo-Beschäftigungsbarometers signalisiert für das kommende Quartal eine rückläufige Beschäftigtenzahl in der Industrie. Trotz der lang anhaltenden Industrierezession fallen die gesamten Auswirkun- gen auf den Arbeitsmarkt in dieser konjunkturellen Schwächephase bisher ge- ring aus. Im Vergleich zur Rezession von 2009 hat der binnenwirtschaftlich ori- entierte Dienstleistungssektor an Gewicht gewonnen und damit auch den Ar- beitsmarkt konjunkturunabhängiger werden lassen. Zum anderen hat der Beschäftigungsboom der vergangenen Jahre zu einer ge- nerellen Knappheit an qualifizierten Arbeitskräften geführt. Daher ist es plausi- bel – auch für die schwächelnden Industriebranchen – der Arbeitskräftesiche- rung höhere Priorität einzuräumen und auf umfangreiche Entlassungen – wann immer möglich – zu verzichten. Das gilt umso mehr mit Blick auf den demografi- schen Wandel. Insbesondere der Mitte der 2020er Jahre beginnende Renten- eintritt der Babyboomer wird die Arbeitskräftezahl spürbar reduzieren. So deuten auch die Frühindikatoren (IAB- und ifo-Barometer) für den deutschen Arbeitsmarkt auf eine weiter aufwärtsgerichtete Beschäftigungsentwicklung hin, wenngleich mit einer schwächeren Dynamik als in 2019. Wir erwarten für 2020 eine Zunahme der Erwerbstätigenzahl um etwa 130.000 gg. Vj. (+0,3%), nach knapp 400.000 in 2019 (+0,9%). Insbesondere die Umfrageergebnisse (PMIs 2 Zuwanderung aus den neuen osteuropäischen EU-Mitgliedstaaten, den GIPS-Staaten und den übrigen Migrationsländern (nichteuropäische Asylherkunftsländer, Westbalkan und osteuropäi- sche Drittstaaten) 4,5 5,0 5,5 6,0 6,5 7,0 7,5 300 400 500 600 700 800 900 12 13 14 15 16 17 18 19 Offene Stellen (links) Arbeitslosenquote (rechts) Quelle: Deutsche Bundesbank Arbeitsmarkt: fast Vollbeschäftigung aber erste Bremsspuren 17 Tsd. Quote 0 50 100 150 200 250 300 350 14 15 16 17 18 19 Nichteuropäische Asylherkunftsländer Osteuropäische Drittstaaten Balkan GIPS-Staaten Kroatien EU-2 EU-8 Veränderung gg. Vj. (Tausend Personen) Beschäftigungsaufbau durch Migration geht zurück 18 Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research Vorsicht, zerbrechlich! 14 | 19. Dezember 2019 Ausblick Deutschland und ifo) für den Dienstleistungssektor wie auch für den Bau signalisieren stei- gende Beschäftigungszahlen und stützen diese Erwartung. Die von konjunkturellen Gegenwinden betroffenen Unternehmen dürften zur An- passung ihres Arbeitseinsatzes erst einmal weiterhin die Möglichkeiten der Ar- beitszeitflexibilität nutzen. Dazu zählen Arbeitszeitkonten, das Abschmelzen von Überstunden oder die Kurzarbeit. Zudem können Anpassungen der Mitarbeiter- zahlen über das Nicht-Nachbesetzen von Stellen vorgenommen werden. Die Ar- beitslosenquote dürfte 2020 leicht auf 5,1% ansteigen. Weiter steigender Kostendruck könnte dazu führen, dass die Produktivität, ge- rade am unteren Rand des Lohnspektrums, unter das Mindestlohnniveau fällt und es so zu negativen Beschäftigungseffekten kommt. Bisher dürfte dies auch deshalb ausgeblieben sein, weil Unternehmen beispielsweise die Reduktion der vertraglichen Arbeitszeit, die Aufgabenverdichtung oder schlichtweg die Erhö- hung von Preisen als Anpassungskanäle nutzten. Vor allem letztgenanntes In- strument ist in einer konjunkturellen Schwächephase nur noch begrenzt umsetz- bar. Lohnrunde 2020 – Spagat zwischen Lohnforderungen und Arbeits- zeitflexibilität In der Tarifrunde des Jahres 2020 werden für rund 10 Millionen tariflich gebun- dene Arbeitskräfte, knapp 30% der zuletzt rund 33,6 Millionen sozialversiche- rungspflichtig Beschäftigten, neue Tarifverträge ausgehandelt. Im Fokus dürften die im April anstehenden Verhandlungen in der Metall- und Elektroindustrie (3,8 Mio.) stehen und ab September jene für den Öffentlichen Dienst des Bundes und der Gemeinden (2,7 Mio.). Zu den weiteren größeren Tarifbereichen, für die im kommenden Jahr verhandelt wird, zählen die Leiharbeit (knapp 1 Mio.) und das Bauhauptgewerbe mit gut 633.000 Beschäftigten. Angesichts des Abschwungs in der Industrie dürfte das Verhandlungsergebnis im Bereich Metall und Elektro im Jahr 2020 verhaltener ausfallen als noch in 2018 (+4,3% plus tarifliches Zusatzgeld). Die jüngsten Abschlüsse in der chemi- schen Industrie von unter 2% könnten hier richtungsweisend sein. Zudem dürf- ten Arbeitszeitflexibilisierung und Weiterbildung weitere Verhandlungselemente werden. Im August des kommenden Jahres laufen die Tarifvereinbarungen im Öffentlichen Dienst von Bund und Gemeinden aus. Die Forderungen dürften sich an denen der Tarifrunde 2018 für die Landesbediensteten orientieren. Da auch der Öffentliche Dienst mit anderen Branchen um gut qualifizierte Arbeits- kräfte konkurriert, dürften vor allem für die mittleren Entgeltgruppen bzw. in de- ren unteren Tarifstufen Abschlüsse von gut 3% verhandelt werden. Insgesamt dürften die Tariflohnabschlüsse des Jahres 2020 zu einem Anstieg von etwa 2,5% führen. Zusammen mit der Erhöhung der monetären Sozialleistungen (Al- tersrenten) sowie dem, wenn auch verhaltenen Beschäftigungswachstum soll- ten die nominal verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte knapp 3% stei- gen. Angesichts der von uns erwarteten Inflationsrate von 1% dürften die real verfügbaren Einkommen in 2020 um gut 1 ½% zunehmen. Marc Schattenberg (+49 69 910-31875, marc.schattenberg@db.com) -2 -1,5 -1 -0,5 0 0,5 1 1,5 2 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 BA-X ifo-Beschäftigungsbarometer PMI-Beschäftigungskomponente Standardisierte Werte (seit 2009) Unternehmen zeigen zurückhaltendere Einstellungsneigung 19 Quellen: Bundesagentur für Arbeit, ifo, IHS Markit, Deutsche Bank Research -5 0 5 10 15 20 25 30 35 05 07 09 11 13 15 17 19 Verarbeitendes Gewerbe Dienstleister Bau Quelle: EU-Kommission Arbeitsangebot als wichtige Hürde der Geschäfts- tätigkeit, Anteil Firmenmeldungen, % Weiterer Arbeitskräftemangel, aber nachlassender Druck 20 Vorsicht, zerbrechlich! 15 | 19. Dezember 2019 Ausblick Deutschland Ausrüstungsinvestitionen Schwacher Welthandel, handelspolitische Risiken und Industrie- rezession bremsen deutsche Ausrüstungsinvestitionen aus … Die Abkühlung der Weltkonjunktur (Industrierezession, nachlassender Welthan- del) und die hohen politischen Unsicherheiten wirken sich weiterhin stark belas- tend auf die Investitionen aus. Insbesondere die Handelskonflikte dämpfen vielerorts die Investitionsbereitschaft der in die globalen Wertschöpfungsketten eingebundenen exportgetriebenen Industrieunternehmen, da sie die politischen Rahmenbedingungen für den Außenhandel (Zollsätze, Einfuhrquoten, Handels- beschränkungen) unsicher machen. Das Wachstum der Ausrüstungsinvestitio- nen (Maschinen, Geräte und Fahrzeuge) hat sich in den entwickelten und auf- strebenden Volkswirtschaften im bisherigen Jahresverlauf weiterhin merklich ab- gekühlt (siehe Grafik 21). Der nachlassende Welthandel und die Rezession in der deutschen Industrie lasten auf den stark konjunkturabhängigen Ausrüs- tungsinvestitionen. Laut DIHK-Konjunkturumfrage 3 (vom Herbst 2019) sehen knapp die Hälfte der befragten Industrieunternehmen – und damit so viele wie noch zuvor seit Be- ginn der Erhebungen im Jahr 2010 – die wirtschaftspolitischen Rahmenbedin- gungen als Risiko für ihre Geschäftsentwicklung. Außenwirtschaftliche Risiken (ungelöster Handelskonflikt, Brexit, globale Wachstumsschwäche) verunsichern die Industrieunternehmen offensichtlich zunehmend. Die spürbare Eintrübung bei den Geschäfts- und Exporterwartungen (deutlich unter langjährige Mittel- werte) hat die Unternehmen dazu veranlasst, deutlich vorsichtiger zu agieren. So haben die Industrieunternehmen als Reaktion auf das eingetrübte Ge- schäftsklima ihre Investitions- und Beschäftigungsabsichten im Herbst abermals deutlich nach unten angepasst. In der Summe überwiegen die Industrieunter- nehmen, die in den nächsten 12 Monaten ihre Investitionsbudgets reduzieren wollen, diejenigen Unternehmen, die künftig höhere Investitionen planen (Saldo: -4% der befragten Unternehmen; z. Vgl. Gesamtwirtschaft: 26% höher / 21% geringer / 5% Saldo). Die Produzenten von Investitionsgütern, die im besonde- ren Maße den globalen Nachfrageschwankungen ausgesetzt sind, haben ihre Investitionspläne besonders stark nach unten korrigiert (Saldo von -10%). … aber auch die Energiewende verunsichert die Unternehmen Bei den Motiven für Investitionen im Inland sind Ersatzbedarfe (65%) sowie Ra- tionalisierungs- und Umweltschutzmaßnahmen (32% bzw. 19%) stärker in den Blickpunkt gerückt, wohingegen Maßnahmen zur Kapazitätserweiterung (26%) an Bedeutung verloren haben, was angesichts des rückläufigen Kapazitätsaus- lastungsgrades in der Industrie nicht überrascht (siehe Grafik 22). Neben der schwächeren (Welt-) Konjunktur und den hohen politischen Unsicherheiten sieht rund die Hälfte der Industrieunternehmen ein Geschäftsrisiko im Fachkräfteman- gel (48%). Das Geschäftsrisiko, das jedoch von den meisten Industrieunterneh- men genannt wird und die Investitionen bremst, bleibt die Inlandsnachfrage (An- stieg auf 57% von 37% im Herbst 2018). Aber auch die Energiewende und die davon ausgehende Unsicherheit auf die Entwicklung der Energiepreise scheint die Unternehmen zu verunsichern. 3 Siehe DIHK-Konjunkturumfrage Herbst 2019. Konjunktur auf Talfahrt. -25 -20 -15 -10 -5 0 5 10 15 20 25 70 72 74 76 78 80 82 84 86 88 90 95 97 99 01 03 05 07 09 11 13 15 17 19 Kapazitätsauslastung, % (links) Kapazitätsauslastung (Durchschnitt ab 1995), % (links) Ausrüstungsinvestitionen, % gg. Vj. (real) (rechts) Quellen: Eurostat, Europäische Kommission, DB Research Ausrüstungsinvestitionen vs. Kapazitätsauslastung der Industrie 22 -10 -5 0 5 10 15 20 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 EA19 EA ex DE DE FR Reale Ausrüstungsinvestitionen 21 % gg. Vj. (saison- und kalenderbereinigte Werte) Quellen: Eurostat, Deutsche Bank Research 35 40 45 50 55 60 65 -30 -20 -10 0 10 20 30 00 02 04 06 08 10 12 14 16 18 % gg. Vq. (saison-/kalenderbereinigt) (links) % gg. Vj. (links) EUR Mrd. (saison-/kalenderbereinigt) (rechts) Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research Entwicklung der realen Ausrüstungsinvestitionen 23 Vorsicht, zerbrechlich! 16 | 19. Dezember 2019 Ausblick Deutschland Seit Beginn des US-chinesischen Handelskonfliktes kaum noch Bewegung bei den Ausrüstungsinvestitionen Seit Jahresbeginn 2018, also mehr oder weniger mit dem Beginn des US- chinesischen Handelskonfliktes, haben sich die (realen, d.h. preisbereinigten) Ausrüstungsinvestitionen kaum noch nach oben bewegt (siehe Grafiken 23 und 26). Im dritten Quartal 2019 schrumpften diese sogar um 2,6% gegenüber dem zweiten Quartal, wenngleich dieser Rückgang im Wesentlichen auf Sonderef- fekte, d.h. stark sinkende staatliche Ausrüstungsinvestitionen (-33% gg. Vq. nach einem Plus von knapp 50% im zweiten Quartal), zurückgeführt werden kann. Aber auch die privaten Ausrüstungsinvestitionen legten im dritten Quartal nur leicht zu (+0,7% gg. Vq.), nach einem Rückgang um mehr als 3% im zwei- ten Quartal. Die Jahreswachstumsrate der Ausrüstungsinvestitionen hat sich über die letzten rund zwei Jahre erheblich abgeschwächt, von 5,9% (2. Quartal 2018) auf zuletzt nur noch magere 0,8% (siehe Grafiken 24 und 25). Rückenwind von zuvor hoher Kapazitätsauslastung geht verloren, stark rückläufige Investitionen in H2 2019 Während der Auslastungsgrad im dritten Quartal 2018 noch bei 88% lag, fiel er bis zum Schlussquartal 2019 auf nur noch 82,7% und lag damit wieder unter- halb des langjährigen Mittelwertes von rund 84% (siehe Grafik 22). Trotz außer- ordentlich günstigen Finanzierungsbedingungen dürften unserer Einschätzung nach in der kurzen bis mittleren Frist die negativen Faktoren überwiegen. Zu den die Investitionen hemmenden Faktoren zählen insbesondere der zuneh- mende Protektionismus und die damit verbundenen Risiken (wie z.B. die Gefahr von Strafzöllen auf europäische Kraftfahrzeuge), der zunehmende Fachkräfte- mangel in Deutschland, die Wachstumsverlangsamung in wichtigen Export- märkten (u.a. China) und technologische Veränderungen in wichtigen Schlüs- selindustrien (z.B. in der Automobilwirtschaft), die strukturelle Umbrüche und damit zunächst Unsicherheiten für die Unternehmen mit sich bringen. Aktuelle Frühindikatoren, wie die Ifo-Geschäftserwartungen oder die Einkaufmanagerin- dizes für das Verarbeitende Gewerbe zeigen wachstumsseitig noch keine Wende zum Besseren an. Vielmehr deuten die eingetrübten Geschäftserwartun- gen der Unternehmen im deutschen Verarbeitenden Gewerbe sowie den indust- rienahen Dienstleistungsfirmen darauf hin, dass die Ausrüstungsinvestitionen der nicht-staatlichen Sektoren in H2 2019 deutlich schrumpfen dürften. Für das Schlussquartal 2019 erwarten wir einen weiteren Rückgang um ½%. Im ersten Quartal 2020 droht ein abermaliger Rückgang um ¼% (siehe Grafik 26). Ausblick 2020/21: Keine spürbare Belebung in Sicht! Auch zum Jahresbeginn 2020 dürfte die Investitionsstätigkeit noch lahmen und erst ab dem 2. Quartal wieder einen leicht expansiven Pfad einschlagen (in Richtung einer Wachstumsrate von rund ½% pro Quartal) (siehe Grafik 26). Eine stärkere Belebung der Investitionstätigkeit würde voraussetzen, dass die gegenwärtigen Risiken (wie z.B. ein ungeordneter Brexit, potenzielle US- Strafzölle auf Kraftfahrzeugausfuhren in die USA, unsichere politische Verhält- nisse in Italien/Spanien/Deutschland) beseitigt werden. Bezogen auf die Jah- reswachstumsrate erwarten wir, dass die deutschen Ausrüstungsinvestitionen 2019 im Mittel um niedrige 0,7% gewachsen sein dürften (nach durchschnittlich knapp 4% zwischen 2015-18). 2020 dürften sie sogar im Jahresdurchschnitt um 0,5% sinken, ehe sie 2021 mit ca. 2% wieder leicht ansteigen dürften. Grundvo- raussetzung für eine wieder höhere Dynamik bei Ausrüstungsgütern bleibt eine deutliche Belebung der Weltwirtschaft bzw. des Welthandels. 35 45 55 65 75 85 95 105 115 -15 -10 -5 0 5 10 12 13 14 15 16 17 18 19 Ausrüstungsinvestitionen (real), % gg. Vj. (links) Industrieproduktion (Investitionsgüter), % gg. Vj. (links) Einkaufmangerindex (neue Aufträge im Verarbeitenden Gewerbe), Index (rechts) Ifo-Geschäftserwartungen (Verarbeitendes Gewerbe), Index (rechts) Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research Raues Umfeld für Ausrüstungs- investitionen 24 82 84 86 88 90 -15 -10 -5 0 5 10 12 13 14 15 16 17 18 19 Ausrüstungsinvestitionen (real), % gg. Vj. Welthandel (real), % gg. Vj. (links) Kapazitätsauslastung des Verarbeitenden Gewerbes, % (rechts) Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research Ausrüstungsinvestitionen vs. Welthandel und Kapazitätsauslastung 25 -3 -2 -1 0 1 2 3 4 5 16 17 18 19 20 21 Ausrüstungen Sonstige Investitionen Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research % gg. Vj. (real; saison-/kalenderbereinigt) Die Ausrüstungsinvestitionen dürften sich weiterhin schwach entwickeln 26 Vorsicht, zerbrechlich! 17 | 19. Dezember 2019 Ausblick Deutschland Investiert Deutschland zu wenig und riskiert damit seine Zukunftsfähigkeit? Der Vorwurf: Investitionsschwäche bei den Unternehmen – Staat „fährt auf Verschleiß“ Im In- und Ausland wird vielfach die These vertreten, dass Deutschland seine (öffentliche) Infrastruktur zunehmend verkommen lässt und dramatisch an Wett- bewerbsfähigkeit einbüßt. Angesichts hoher Leistungsbilanz- und Haushalts- überschüsse wird Deutschland vorgeworfen, zu wenig zu investieren. Den deut- schen Unternehmen wird vielfach eine Investitionsschwäche attestiert, die sich in der relativ schwachen Entwicklung bei den Ausrüstungsinvestitionen – gerade mit Blick auf vergangene Konjunkturzyklen – ausdrücke. Daher gelte es seitens der Politik, die Unternehmensinvestitionen gezielt anzuregen, u.a. über verbes- serte Rahmenbedingungen, eine verstärkte steuerliche Investitionsförderung oder Subventionen. Aber auch der Staat selbst steht mit seiner Investitionstätigkeit in der Kritik. Ihm wird vorgeworfen, schon seit vielen Jahren, wenn nicht sogar Dekaden, von der Substanz seiner öffentlichen Infrastruktur zu leben und seinen Kapitalstock (z.B. Straßen, Schienen, öffentliche Gebäude etc.) zunehmend verschleißen zu las- sen. So macht z.B. das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) schon seit vielen Jahren eine erhebliche öffentliche „Investitionslücke“ in Deutschland aus, die tunlichst und mit großen staatlichen Anstrengungen geschlossen wer- den müsse. Angesichts angeblich erheblicher öffentlicher Investitions- und Infra- strukturdefizite wird der Staat aufgefordert, seine wachstumsfreundlichen Aus- gaben (insbesondere in die Verkehrsinfrastruktur, den Klimaschutz, die Digitali- sierung, Bildung und Forschung & Entwicklung) endlich deutlich zu steigern, um nicht den Anschluss an andere Länder im immer härteren weltwirtschaftlichen Wettbewerb zu verlieren. Mit Blick auf die Ausrichtung der Fiskalpolitik wird dem deutschen Staat vorge- worfen, mit dem Festhalten an der „Schwarzen Null“ (einem ausgeglichenen Bundeshaushalt) die Zukunftsfähigkeit des Landes und damit den Wohlstand von morgen aufs Spiel zu setzen. Angesichts von Null-/Negativzinsen für den deutschen Fiskus ist nach der obigen Leseart der Fiskalkritiker geradezu fahr- lässig, auf eine kreditfinanzierte Investitionsoffensive zu verzichten. Das Kalkül: Langfristige Kredite zu Nullzinsen und eine Stärkung des deutschen Wachs- tumspotenzials inklusive positiver „Spillover“-Effekte für die Eurozone und den Rest der Welt. In diesem Kontext wird oft behauptet, dass ein großangelegtes, kreditfinanziertes öffentliches Investitionsprogramm aus Nachhaltigkeitsge- sichtspunkten unproblematisch wäre, da Zins-Wachstumsdifferenz – eine ent- scheidende Größe für die künftige Entwicklung der Staatsschuldenquote – deut- lich negativ ist. Auch die grundgesetzlich verankerte Schuldenbremse gehöre nach Meinung dieser Kritiker abgeschafft oder zumindest reformiert (z.B. unter Ausklamme- rung von öffentlichen Investitionen), da sie die Investitionstätigkeit des Staates behindert und damit künstlich das Wachstumspotenzial begrenzt („Investitions- bremse“). Es wird ein angeblicher Zielkonflikt bzw. Widerspruch zwischen soli- den Staatsfinanzen und höheren Investitionen suggeriert. Selbst das arbeitge- bernahe Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) fordert Anpassungen bei der Schuldenbremse und schlägt die Auflage eines „Deutschlandfonds“ im Volumen von bis zu EUR 450 Mrd. über die nächsten zehn Jahre vor. Diese Forderung scheint sich mittlerweile auch die neue SPD-Führungsspitze zu eigen gemacht zu haben. 100 110 120 130 140 150 160 1 5 9 1 317212529333741 Q4 1993 -Q1 2004 Q2 2004 - Q4 2009 Q1 2010 - Q1 2013 Q2 2013 - Q3 2019 Index: 100=Startpunkt im jeweiligen Zyklus Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research Nicht-staatliche Ausrüstungs- investitionen im Konjunkturverlauf 27 95 100 105 110 115 120 125 130 135 1 5 9 1 317212529333741 Q4 1993 -Q1 2004 Q2 2004 - Q4 2009 Q1 2010 - Q1 2013 Q2 2013 - Q3 2019 Index: 100=Startpunkt im jeweiligen Zyklus Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research Nicht-staatliche sonstige Investitionen im Konjunkturverlauf 28 10 15 20 25 30 35 40 95 97 99 01 03 05 07 09 11 13 15 17 19 Ausrüstungen Wohnbauten Nicht-Wohnbauten Sonstige Investitionen Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research % Anteile an den Bruttoanlageinvestitionen (auf Basis preisbereinigter u. verketteter Werte) Bedeutung der sonstigen Investitionen steigt kontinuierlich an 29 Vorsicht, zerbrechlich! 18 | 19. Dezember 2019 Ausblick Deutschland Die Fakten: Keine Investitionsschwäche der Unternehmen erkenn- bar – deutlicher Anstieg bei den staatlichen Investitionen angelegt Ein Blick auf die Investitionstätigkeit der nicht-staatlichen Sektoren seit Anfang der 1990er Jahre zeigt, dass gerade die Ausrüstungsinvestitionen sich im aktu- ellen Konjunkturzyklus deutlich schwächer als in vergangenen Zyklen entwickelt haben (siehe Grafik 27). Vor dem Hintergrund der relativ hohen Kapazitätsaus- lastung (vor Beginn der derzeitigen Industrierezession) ist das (reale) Wachstum bei den Ausrüstungsinvestitionen relativ schwach ausgefallen (siehe Grafik 31). Ob diese Entwicklung jedoch ein Beleg für eine Investitionsschwäche der deut- schen Unternehmen ist, kann – wenn überhaupt – nur unter Hinzunahme weite- rer Indikatoren beantwortet werden. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass die sonstigen Investitionen (also Investitionen in geistiges Eigentum, Forschung & Entwicklung, Software und Datenbanken) sich noch nie so stark wie im gegenwärtigen Konjunkturzyklus entwickelt haben (siehe Grafik 28). Die Bedeutung dieser immateriellen Investitionen hat stetig zugenommen: Ihr Anteil an den gesamten Bruttoanlageinvestitionen ist von rund 12% 1995 auf 18,5% 2018 geklettert. Damit liegt er heute auf einem ähnlich hohen Niveau wie die Investitionen für nicht-Wohnbauten (Straßen, gewerbliche Gebäude, etc.) (siehe Grafik 29). Daher wäre es denkbar, dass die schwächere Dynamik bei den Ausrüstungsinvestitionen, die gleichzeitig mit einer höheren Dynamik bei den sonstigen Investitionen einherging, zu großen Teilen auch Ausdruck des (digitalen) Strukturwandels ist. Grundsätzlich werden private Investitionsentscheidungen unter Renditege- sichtspunkten getroffen. Ein Politiker oder Wissenschaftler dürfte – auf Basis vorliegender Makrodaten aus der VGR – wohl kaum besser als die Unterneh- men selbst beurteilen, ob diese genug und sinnvoll investieren. Dennoch möch- ten wir anhand gängiger Größen untersuchen, welche Argumente für und gegen eine Schwäche bei den Unternehmensinvestitionen sprechen. Auf Basis der Investitionsquote (Bruttoanlageinvestitionen zum BIP) zeigt sich, dass die deutsche Investitionsquote schon seit mehreren Jahren steigt und ak- tuell bei rund 21 ½% liegt (siehe Grafik 30). Sie liegt damit über den Werten vor der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise, jedoch noch unterhalb des Niveaus von Mitte der 1990er Jahre. Im Allgemeinen ist die Beurteilung der Investitions- tätigkeit auf Basis von Investitionsquoten problematisch, da man die optimale Investitionsquote (d.h. den Idealzustand für die Investitionen) nicht bestimmen kann. Man kann lediglich Vergleiche zu vergangenen Episoden oder zwischen Ländern anstellen, die jedoch aufgrund länderspezifischer Gegebenheiten (z.B. 0 5 10 15 20 25 96 98 00 02 04 06 08 10 12 14 16 18 Gesamt Ausrüstungen Bau Sonstige Investitionen % BIP (gleitende Jahresdurchschnitte) Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research Die deutsche Investitionsquote steigt schon seit mehren Jahren 30 70 75 80 85 90 -25 -20 -15 -10 -5 0 5 10 15 20 95 96 97 98 99 00 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 Nicht-staatliche Ausrüstunginvesitionen (real), % gg. Vj. (links) Kapazitätsauslastung des Verarbeitenden Gewerbes, % (rechts) Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research Nicht-staatliche Ausrüstungsinvestitionen vs. Kapazitätsauslastung 31 12 14 16 18 20 22 24 26 28 25 30 35 40 45 50 55 60 91 93 95 97 99 01 03 05 07 09 11 13 15 17 19 Ausrüstungsinvestitionen (links) Sonstige Investitionen (rechts) Ausrüstungs- vs. sonstige Investitionen (nicht-staatl. Sektor) 32 EUR Mrd. (real) saison- und kalenderbereinigte Werte Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research 1,5 2,0 2,5 3,0 3,5 4,0 4,5 5,0 5,5 6,0 91 93 95 97 99 01 03 05 07 09 11 13 15 17 19 Ausrüstungsinvestitionen Sonstige Investitionen Ausrüstungs- vs. sonstige Investitionen (Staat) 33 EUR Mrd. (real) saison- und kalenderbereinigte Werte Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research Vorsicht, zerbrechlich! 19 | 19. Dezember 2019 Ausblick Deutschland Wiedervereinigungsboom in Deutschland in den 1990er Jahren, Bauboom und Immobilienmarktblase in Spanien in den 2000er Jahren) mit Vorsicht zu inter- pretieren sind. Eine weitere Schwäche nominaler Investitionsquoten ergibt sich daraus, dass diese durch Preiseffekte sowohl nach oben als auch nach unten verzerrt sein können. Grundsätzlich ist die reale Entwicklung der (Brutto-) Investitionen für die Kapitalstockbildung entscheidend und nicht der bloße Geldbetrag, der dafür ver- ausgabt worden ist. So ist z.B. die an Nominalgrößen ansetzende Investitions- quote für Ausrüstungsgüter (Maschinen, Fahrzeuge) in Deutschland seit 1991 im Trend stark gefallen. Im Ergebnis liegt sie heute mit rund 6,6% deutlich unter dem Wert von knapp 10% im Jahr 1991 (siehe Grafik 38). Bei einer genauen Betrachtung zeigt sich, dass die Quote bis Ende der 2000er Jahre stark durch die rückläufige Preisentwicklung für Ausrüstungsgüter nach unten verzerrt war. Auch heute steigen die Preise für Ausrüstungsgüter nur sehr moderat und merk- lich langsamer als die Preise für die Gesamtwirtschaft (gemessen anhand des BIP-Deflators) (siehe Grafik 39). Unter Herausrechnung dieser relativen Preise- effekte für Ausrüstungsgüter hat sich die (reale) Investitionsquote deutlich vor- teilhafter entwickelt. Auch wenn diese Investitionsquote noch deutlich unter dem Niveau vor der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise liegt, ist sie im Trend seit Mitte der 1990er Jahre angestiegen und liegt über dem Niveau von 1991. Es zeigt sich auch, dass der trendmäßige Anstieg der Ausrüstungsinvestitionsquote auf Basis realer Werte deutlich stärker ausgefallen ist als bei Betrachtung von Nominalgrößen (siehe Grafik 38). Aus diesem Grund liegt es nahe, die reale Investitionstätigkeit zu betrachten. Wie in den Grafiken 32 und 33 ersichtlich, liegen die realen Investitionen für Ausrüstungen und sonstige Anlagen am aktuellen Rand – trotz der aktuellen Wachstumsschwäche – sowohl für den Staats- als auch den Privatsektor über den Werten vor der globalen Finanzkrise. Aber auch ein Blick auf die um Preis- effekte bereinigten Investitionsquoten (Verhältnis von realen Investitionen zu re- alem BIP) zeigt, dass die deutschen Investitionen schon seit mehreren Jahren einem aufwärtsgerichteten Trend folgen. Diese Aufwärtsentwicklung ist sowohl für die gesamte Volkswirtschaft als auch für die nicht-staatlichen Sektoren und den Staat erkennbar (siehe Grafiken 34 und 35). Auch wenn die staatliche Investitionsquote niedriger als in anderen Eurozonen- Ländern ausfällt, kann daraus nicht automatisch gefolgert werden, dass der deutsche Staat zu wenig investiert, da dies voraussetzen würde, dass die ande- ren Länder ein optimales Investitionsniveau erreichen (und Deutschland nicht). Ebenso bleibt der Ländervergleich von öffentlichen Investitionsquoten aufgrund einer unterschiedlichen Aufgabenverteilung zwischen Staat und Privatsektor 14 16 18 20 22 24 26 95 97 99 01 03 05 07 09 11 13 15 17 EA19 DE FR IT ES Bruttoanlageinvestitionen: Nicht-staatliche Sektoren 34 % BIP (auf Basis preisbereinigter Werte) Quellen: AMECO, Deutsche Bank Research 1,5 2,0 2,5 3,0 3,5 4,0 4,5 5,0 5,5 95 97 99 01 03 05 07 09 11 13 15 17 EA19 DE FR IT ES Bruttoanlageinvestitionen: Staat 35 % BIP (auf Basis preisbereinigter Werte) Quellen: AMECO, Deutsche Bank Research 4 5 6 7 8 95 97 99 01 03 05 07 09 11 13 15 17 EA19 DE FR IT ES Bruttoanlageinvestitionen: Ausrüstungen 36 % BIP (auf Basis realer Werte) Quellen: AMECO, Deutsche Bank Research 16 18 20 22 24 26 28 30 60 62 64 66 68 70 72 74 76 78 80 82 84 86 88 90 92 94 96 98 00 02 04 06 08 10 12 14 16 18 EA19 DE FR IT ES % BIP (auf Basis preisbereinigter Werte) Quellen: AMECO, Deutsche Bank Research Bruttoanlageinvestitionen: Volkswirtschaft insgesamt 37 Deutschland: vor 1991 altes Bundesgebiet. Vorsicht, zerbrechlich! 20 | 19. Dezember 2019 Ausblick Deutschland problematisch. Zum Beispiel dürfte die französische staatliche Investitionsquote auch deshalb über der deutschen liegen, weil beispielsweise viele Krankenhäu- ser staatlich und nicht privatwirtschaftlich (wie in Deutschland) organisiert sind. In den USA dürften die öffentlichen Investitionen u.a. auch aufgrund deutlich hö- herer Investitionsausgaben für die Verteidigung über den deutschen liegen. Zu guter Letzt kann man noch die Höhe des Kapitalstocks einer Volkswirtschaft sowie die Kapitalintensität (d.h. die Ausstattung der Erwerbstätigen mit Sachka- pital) heranziehen. So könnte z.B. ein sinkender (realer) Kapitalstock oder eine fallende (reale) Kapitalintensität auf eine ungenügende Investitionstätigkeit und damit eine abnehmende Kapitalausstattung hindeuten. Anhand der Entwicklung des in der gesamten deutschen Volkswirtschaft genutzten Kapitalstocks (reale Quote zum BIP) ist auf den ersten Blick keine besorgniserregende Entwicklung feststellbar. Auch wenn der Kapitalstock relativ zum BIP seit der Finanzkrise leicht rückläufig ist, liegt er über den Werten Anfang der 1990er Jahre (siehe Grafik 40). 5 6 7 8 9 10 91 93 95 97 99 01 03 05 07 09 11 13 15 17 Nominal Real % BIP Quellen: AMECO, Deutsche Bank Research Deutschland: Bruttoanlage- investitionen - Ausrüstungen 38 80 90 100 110 120 130 140 150 160 70 75 80 85 90 95 100 105 110 115 120 91 93 95 97 99 01 03 05 07 09 11 13 15 17 Ausrüstungs-Deflator / BIP- Deflator (rechts) BIP-Deflator (links) Ausrüstungs-Deflator (links) Deutschland: Deflator für Brutto- anlageinvestitionen 39 Index; 2010=100 Quellen: AMECO, Deutsche Bank Research 90 110 130 150 170 190 210 230 Index: 1991=100 (real) Bruttoanlagevermögen zu Wiederbeschaffungspreisen: Volkswirtschaft insgesamt 41 0 100 200 300 400 500 600 1991 1993 1995 1997 1999 2001 2003 2005 2007 2009 2011 2013 2015 2017 Ausrüstungen Wohnbauten Nichtwohnbauten Geistiges Eigentum % BIP (auf Basis realer Werte) Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research Anlagevermögen zu Wieder- beschaffungspreisen: Gesamte Volkswirtschaft 40 90 110 130 150 170 190 210 230 Nicht-finanzielle Kapitalgesellschaften 42 90 110 130 150 170 190 Alle Anlagegüter Ausrüstungen Wohnbauten Nichtwohnbauten Geistiges Eigentum Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research Staat 43 Vorsicht, zerbrechlich! 21 | 19. Dezember 2019 Ausblick Deutschland Der deutsche Kapitalstock ist – wie in den meisten anderen Volkswirtschaften – stark durch die Wohnbauten (Wohnungen, Häuser) als auch die Nichtwohnbau- ten (Straßen, öffentliche Gebäude, Gewerbebau) geprägt, die zusammen einen Anteil von knapp 80% am Kapitalstock haben. Die Ausrüstungs- und sonstigen Anlagen haben eine Anteil von rund 15 ½% und 6%. Während der Anteil der Ausrüstungsanlagen seit Anfang der 1990er Jahre leicht abgenommen hat (1991: 16,4%), hat sich dieser für sonstige Anlagen spürbar erhöht (1991: 4,5%). Festzuhalten bleibt, dass der (reale) Kapitalstock, gemessen am Brutto- anlagevermögen zu Wiederbeschaffungspreisen, seit 1991 stetig gestiegen ist und zwar sowohl für die gesamte Volkswirtschaft als auch für den Unterneh- menssektor (hier approximiert anhand des Sektors der nicht-finanziellen Kapital- gesellschaften) und den Staat. Des Weiteren gilt diese Beobachtung für alle An- lagegüter, wobei auffällig ist, dass die sonstigen Anlagen am dynamischsten ge- wachsen sind. Ebenso zeigt sich, dass das Bruttoanlagevermögen des Staates in Nichtwohnbauten (Straßen, Autobahnen, Verwaltungsgebäude) schon seit mehreren Jahren nur noch sehr langsam wächst (siehe Grafik 43). Dies könnte ein Indiz dafür sein, dass der deutsche Staat in der Vergangenheit zu wenig in Nichtwohnbauten investiert hat. Klar ist aber auch, dass der deutsche Staat der- zeit seine Investitionen in diesem Bereich deutlich erhöht. Die öffentlichen Bau- investitionen wachsen im Moment so kräftig wie lange nicht mehr. Schon jetzt steigen die Preise für die öffentlichen Bauinvestitionen angesichts der hohen Kapazitätsauslastung sowie des zunehmenden Fachkräftemangels in der Bau- wirtschaft so stark wie zuletzt Mitte der 2000er Jahre (siehe Grafik 47). Daher wären noch höhere Bauinvestitionen zu diesem Zeitpunkt kontraproduktiv. Auch die Entwicklung der Kapitalintensität zeigt für die deutsche Volkwirtschaft insgesamt keine bedenklichen Entwicklungen, wenngleich sie auf Basis der ge- leisteten Arbeitsstunden nur noch sehr langsam zunimmt und auf Basis der Er- werbstätigen mehr oder weniger stagniert. Bei der Ausstattung mit Ausrüstungs- anlagen zeigen sich ähnliche Tendenzen, wobei dort die Kapitalintensität auf Basis der Erwerbstätigen sogar seit der globalen Finanzkrise (leicht) zurückge- gangen ist. Ein stetiger und dynamischer Anstieg zeigt sich jedoch dagegen bei den sonstigen Anlagen. Dies gilt sowohl für die Unternehmen (nicht-finanziellen Kapitalgesellschaften) als auch den Staatssektor. Zwischen den Unternehmen und dem Staat zeigen sich jedoch unterschiedliche Entwicklungen bei den Aus- rüstungen. Während die Kapitalintensität mit Blick auf die staatlichen Ausrüs- tungsgüter stark angestiegen ist, hat sie im Sektor der Nichtfinanzunternehmen in den letzten Jahren stagniert. Die sinkende Kapitalintensität bei den staatli- chen Nichtwohnbauten ist ein weiteres Indiz dafür, dass der Staat Teile seiner physischen Infrastruktur erneuern muss. Sebastian Becker (+49 69 910-21548, sebastian-b.becker@db.com) 100 110 120 130 140 150 160 1991 1993 1995 1997 1999 2001 2003 2005 2007 2009 2011 2013 2015 2017 auf Stundenbasis auf Basis von Erwerbstätigen Kapitalintensität: Volkswirtschaft Anlagevermögen insgesamt (brutto) 44 Index: 1991=100 (real) Anlagevermögen je Arbeitsinput Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research 80 100 120 140 160 180 200 90 100 110 120 130 140 150 1991 1993 1995 1997 1999 2001 2003 2005 2007 2009 2011 2013 2015 2017 Alle Anlagegüter Ausrüstungen Nichtwohnbauten Geistiges Eigentum (rechts) Index: 1991=100 (real) Anlagevermögen je Erwerbstätigen Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Kapitalintensität: Nicht-fin. KG Anlagevermögen (brutto) 45 80 90 100 110 120 130 140 150 160 170 90 95 100 105 110 115 120 125 1991 1993 1995 1997 1999 2001 2003 2005 2007 2009 2011 2013 2015 2017 Alle Anlagegüter Ausrüstungen Nichtwohnbauten Geistiges Eigentum (rechts) Index: 1991=100 (real) Anlagevermögen je Erwerbstätigen Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Kapitalintensität: Staatliches Anlagevermögen (brutto) 46 -10 -5 0 5 10 15 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 In jeweiligen Preisen Preisbereinigt Impliziter Deflator % gg. Vj. Quelle: Statistisches Bundesamt 2019: Q3 2019 gg. Q3 2018 auf Basis rollierender Jahressummen Entwicklung der staatlichen Bauinvestitionen 47 Vorsicht, zerbrechlich! 22 | 19. Dezember 2019 Ausblick Deutschland Digitalpolitik: Große Worte, kleine Taten Warnungen über das rasante Tempo, mit dem Europa und Deutschland im glo- balen digitalen Wettlauf weiter hinter den USA und China zurückfallen, sind so normal geworden, dass sie kaum noch Schlagzeilen machen. Dabei sollte die Tatsache, dass fast alle Big Techs und die Mehrheit der innovativen „Einhörner“ entweder aus den USA oder China stammen, die europäischen Staats- und Re- gierungschefs in permanente Alarmbereitschaft versetzen. Die Bundesregierung hat in der Tat, gleichsam mit den Regierungen in anderen europäischen Haupt- städten, detaillierte Analysen der zugrunde liegenden Ursachen dieser wach- senden Diskrepanz sowie ehrgeizige Strategien zur Lösung des Problems veröf- fentlicht. Doch trotz der anhaltenden Lippenbekenntnisses der letzten Jahre, Deutsch- land zu einem wichtigen Spieler in der globalen Plattformwirtschaft zu machen, kommen bei der Umsetzung der Regierungsstrategie zwei wesentliche Faktoren notorisch zu kurz: Geld und Geschwindigkeit. Viele der Mängel zeichnen sich bereits im institutionellen Rahmen der deut- schen Digitalpolitik ab. Trotz wiederholter Forderungen nach einem deutschen Digitalministerium hat die Regierungskoalition von CDU/CSU und SPD nach den Wahlen 2017 beschlossen, die Verantwortlichkeiten und Kompetenzen für die digitale Transformation auf mehrere Ministerien zu verteilen. Seit 2018 wer- den die digitalen Bemühungen von einer „Staatsministerin für Digitalisierung“ im Kanzleramt von Merkel koordiniert. Aber da es kein Digitalministerium gibt, gibt es auch keinen „Digitalhaushalt“, der von den Etats der verschiedenen Ministe- rien unabhängig wäre. Es lässt sich daher nicht einmal ohne Weiteres feststel- len, wie viel genau Deutschland für digitale Infrastruktur etc. ausgibt. Angesichts der sich überschneidenden Zuständigkeiten mehrerer Ministerien für Digitalpoli- tik sind Ausgaben nach dem „Gießkannenprinzip“ ohne klare Prioritäten zudem ein ernsthaftes Problem. Die Forderung nach einem digitalen Ministerium wurde von CDU-Parteichefin Kramp-Karrenbauer erneut aufgegriffen, aber es kann be- zweifelt werden, dass die nächste Regierungskoalition in der Lage und willens sein wird, sich auf eine Bündelung der digitalen Kompetenzen unter einem Dach zu einigen. Während Deutschland mit seiner Agenda „digital-made-in.de“ allmählich voran- schreitet, häufen sich Mängel und unvollständige Projekte am Wegesrand. In puncto digitale Infrastruktur hinkt Deutschland im internationalen Vergleich weiter hinterher, da sich hierzulande der Ausbau langsamer und weniger umfas- send gestaltet hat als politisch beabsichtigt. Im Jahr 2018 wurde ein spezielles Sondervermögen „Digitale Infrastruktur“ mit einer Anschubfinanzierung von EUR 2,4 Mrd. eingerichtet. Dieses wird durch die Erlöse von EUR 6,5 Mrd. aus der Versteigerung von 5G-Lizenzen Anfang des Jahres aufgestockt. 70% des Fonds sollen für die Gigabit-Ziele der Regierung verwendet werden, die restli- chen 30% für den „DigitalPakt Schule“. Angesichts des (mangelnden) Tempos und Umfangs des bisherigen Breitbandausbaus ist allerdings fraglich, ob der Zeitplan der Regierung für den Aufbau „gigabitfähiger konvergenter Netze“ und des Erreichens einer (großflächigen) 5G-Konnektivität bis 2025 eingehalten wer- den kann. Die 2018 angekündigte Strategie der Regierung für „AI Made in Germany“ sieht bis 2025 ein Investitionsvolumen von rund EUR 3 Mrd. in KI vor (d.h. ~ EUR 500 Mio. p.a.). Dies könnte ein guter Ausgangspunkt sein, auch wenn es mit einem Anteil von nur etwa 0,15% am Gesamthaushalt kaum als ambitioniert bezeich- net werden kann. Eher mickrig wirken die geplanten Ausgaben allerdings im Vergleich zu den USA, wo die öffentlichen Ausgaben für die KI-Forschung allein im zivilen Bereich im Jahr 2020 USD 1 Mrd. erreichen sollen, und gegenüber China, wo die KI-FuE-Ausgaben laut CSET im Jahr 2018 auf USD 1,7 bis 5,7 Vorsicht, zerbrechlich! 23 | 19. Dezember 2019 Ausblick Deutschland Mrd. geschätzt werden. 4 Darüber hinaus wurde der deutsche KI-Haushalt die- ses Jahr vor dem Hintergrund einer Verschlechterung der öffentlichen Finanz- lage auf insgesamt nur noch EUR 1 Mrd. bis 2023 zusammengestrichen. Die beiden Beispiele veranschaulichen einen Umgang mit den technologischen Herausforderungen der letzten Jahre, der in Deutschland mittlerweile System hat: eine Politik der großen Worte, gefolgt von kleinen Taten. Der spürbare Druck der digitalen Transformation auf die deutsche Wirtschaft scheint noch zu schwach zu sein, um eine ernsthafte Überarbeitung dieser Hal- tung zu erzwingen. Die Risiken einer zu langsamen oder zu zögerlichen Antwort können jedoch nicht länger ignoriert werden, insbesondere mit Blick auf die Branchen, in denen Deutschland noch gut positioniert ist (Robotik und Automati- sierung, Industrie 4.0, vernetzte Mobilität etc.). Der Irrglaube, dass später noch ausreichend Zeit bleibt, um aktuelle Handlungsdefizite und Politik der Verzöge- rung zu kompensieren, ist gefährlich. Kevin Körner (+49 69 910-31718, kevin.koerner@db.com) Wohnungsmarkt: Kein Ende des Booms … Die fundamentale Situation im Immobilienmarkt wird sich im Jahr 2020 kaum verändern. Getragen von der robusten Einkommensentwicklung und der guten Arbeitsmarktlage besteht weiterhin eine hohe Nachfrage nach Wohnungen. Zu- dem erwarten wir, trotz schwächerer Zahlen während der Sommermonate, in den kommenden Jahren nur eine langsam sinkende Zuwanderung. Gleichzeitig bleibt das Angebot an neuen Immobilien, angesichts des Fachkräftemangels in der gesamten Baubranche und vieler weiterer regulatorischer und politischer Hindernisse, wohl über Jahre hinaus limitiert. Auch die zunehmenden politi- schen Eingriffe in den Wohnungsmarkt verhindern eine kräftige Angebotsaus- weitung. So stagnieren die Genehmigungszahlen im Jahr 2019 und für Wohn- gebäude mit drei oder mehr Wohnungen schrumpfen sie sogar. Zudem gibt es einige anekdotische Evidenz für einen Rückgang der Entwicklertätigkeit in den Metropol- und auch einigen Großstädten. Insbesondere in den einwohnerstar- ken Städten dürfte die Zahl der Genehmigungen nach den Rückgängen in den Vorjahren im Jahr 2019 weiter – womöglich sogar deutlich – geschrumpft sein. 4 https://cset.georgetown.edu/wp-content/uploads/Chinese-Public-AI-RD-Spending-Provisional- Findings-2.pdf 0 20 40 60 78 82 86 90 94 98 02 06 10 14 18 Wohngeb. mit 3 oder mehr Wohnungen Wohngebäude mit 2 Wohnungen Wohngebäude mit 1 Wohnung Monatliche Baugenehmigungen 48 Tausend Wohnungen Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research 0,0 5,0 10,0 15,0 20,0 25,0 30,0 60 64 68 72 76 80 84 88 92 96 00 04 08 12 16 Inflationsbereinigt – Letzter Wert EUR 13.7 pro Kopf – Median (1960-2019) EUR 15.2 pro Kopf Median real langfristig Monatliche Genehmigungen (geschätzte Baukosten) 49 Inflationsbereinigt, EUR pro Kopf Quellen: Deutsche Bundesbank, Deutsche Bank Research Vorsicht, zerbrechlich! 24 | 19. Dezember 2019 Ausblick Deutschland … trotz oder gerade wegen der Regulierungswelle Zu diesen Entwicklungen hat insbesondere die „sozialistische“ Wohnungspolitik der Stadt Berlin mit der Ankündigung eines Mietendeckels für fünf Jahre ab 1. Januar 2020 beigetragen. Auch im Jahr 2020 dürfte die Immobilienbranche mit Argusaugen auf die Stadt Berlin schauen. So könnte vermutlich in der zweiten Jahreshälfte das Urteil zur avisierten Normenkontrollklage gegen den Mietende- ckel ergehen. Die Juristen sind sich uneins über das zu erwartende Urteil. Es könnte also sowohl über die Zulässigkeit, den Anpassungsbedarf als auch die Nichtigkeit des Gesetzes geurteilt werden. Ebenfalls in der zweiten Jahreshälfte könnte zudem das Berliner Volksbegehren zur „Enteignung von Immobilienun- ternehmen mit mehr als 3.000 Wohnungen“ anberaumt werden. Das Volksbegehren hat keine bindende gesetzliche Wirkung. Jedoch würde eine Annahme des Volksbegehrens den politischen Druck erhöhen, insbeson- dere im Hinblick auf die Berliner Senatswahl im Herbst des Jahres 2021. Ausge- löst von den Berliner Initiativen gibt es auch in anderen Teilen Deutschlands Tendenzen zu weitergehenden Markteingriffen. Entsprechend hoch ist die Ver- unsicherung unter Investoren und in der gesamten Baubranche in Bezug auf Deutschland insgesamt. Somit wird die bestehende Wohnungsnot manifestiert oder sogar verschärft. Es wäre wünschenswert, wenn mit dem gleichen Nach- druck, mit dem sozialistische Maßnahmen gefordert werden, auch der Neubau forciert würde. Denn nur Leerstände garantieren eine Marktnormalisierung, die einer weiteren Spaltung unserer Gesellschaft entgegenwirkt. Zudem sind Leer- stände der beste Schutz vor einer Hauspreisblase und vor makroprudenziellen Risiken. Kreditzyklus ist angesprungen: Plus 10% gegenüber Vorjahr Ökonomisch wirkt die Wohnungspolitik dabei umso ambivalenter, je höher das Kreditwachstum ist. Im Jahr 2019 wächst das Hypothekenkreditbuch aller Ban- ken zum ersten Mal seit dem Jahr 2009 mit einer zweistelligen Rate. Dieses ra- sante Kreditwachstum hat im Jahr 2019 die Wohnungspreise kräftig angekur- belt. Da die Nullzinspolitik der EZB vermutlich noch einige Jahre fortgesetzt wird, dürfte der Wohnungsmarkt im Jahr 2020 erneut kreditgetriebene Preisim- pulse erfahren. In den Folgejahren droht dann bei anhaltend hoher Kreditdyna- mik zunehmend eine Hauspreisblase. Damit erhöht sich das Risiko regulatori- scher Eingriffe von Seiten des Ausschuss für Finanzstabilität (AFS). Dieser hat mit der Aktivierung des antizyklischen Kapitalpuffers im Frühjahr 2019 bisher le- diglich Minimalforderungen erhoben und eher Symbolpolitik betrieben. Die hohe aktuelle Kreditdynamik dürfte den politischen Druck erhöhen, weitere Maßnah- men zu ergreifen. Jeglicher verschärfter Eingriff – wie die Deckelung des Belei- hungswerts oder weitere Eigenkapitalvorschriften – limitiert die Kreditvergabe insgesamt. Die makroprudenziellen Maßnahmen wirken damit genauso ambiva- lent wie die sozialistische Wohnungspolitik. Sie wirken negativ auf die Neubau- aktivität und manifestieren somit den vorhandenen Angebotsengpass am Woh- nungsmarkt. Dem AFS stehen auch nicht die Informationen zur Verfügung, um den Wohnungsmarkt zielgerichtet zu regulieren. In Deutschland gibt es keine Erhebung, inwieweit Hypothekenkredite zur Finanzierung des Neubaus oder zu Käufen bestehender Einheiten dienen. An dieser Datenlage wird auch eine der umfangreichsten Statistikerhebungen, die AnaCredit-Statistik, an der die euro- päischen Zentralbanken seit Jahren arbeiten und deren erste Veröffentlichung für das Jahresende 2020 geplant ist, nichts ändern. Der Leverage der Banken bei der Immobilienfinanzierung hat sich in den letzten Jahre bereits erhöht (siehe Finanzstabilitätsbericht). Nunmehr könnte die zunehmende Verschuldung der Haushalte zunächst die Hauspreise weiter nach oben treiben. Das Risiko von kräftigen Preisrückschlägen – vermutlich erst in vielen Jahren – nimmt dann zu und erhöht die Gefahr von negativem Eigenkapital. -3 0 3 6 9 01 05 09 13 17 Haus- und Wohnungspreise Mieten, neu Wiedervermietung % gg. Vj. Quellen: riwis, Deutsche Bank Research Deutsche Wohnimmobilien: Preise und Mieten 51 1 2 3 4 5 6 9 1 21 51 82 12 42 7 2008-2011 2012-2015 2016-2019 Letzter Wert Neue Hypothekenkredite 50 y-Achse: Hypothekenzinsen in % x-Achse: EUR Mrd. pro Monat Quellen: Deutsche Bundesbank, Deutsche Bank Research, EZB Vorsicht, zerbrechlich! 25 | 19. Dezember 2019 Ausblick Deutschland 2019 Hauspreise mit kräftigem Plus, auch Mieten steigen Aufgrund des knappen Angebots an Wohnungen stiegen die Preise auch im Jahr 2019. Laut bulwiengesa (126 Städte) legten die Haus- und die Wohnungs- preise im Durchschnitt um 6,3% zu. Wie schon in den letzten Jahren war die Preisdynamik in den Metropolregionen und Großstädten am höchsten. Aber auch in den kleineren Städten waren vielfach deutliche Preissteigerungen zu verzeichnen und in lediglich 3 der 126 Städte gaben die Preise nach. Der Preis- boom spiegelt sich auch in der Mietdynamik wider. Im Jahr 2019 erhöhten sich die Neuvermietungsmieten um rund 3 ½% und die Wiedervermietungs-mieten um 2 ½%. Die Dynamik im Mietwachstum ging also erneut zurück. Hier schlägt sich offenbar die Unsicherheit über das regulatorische Umfeld nieder. Für das Jahr 2020 erwarten wir eine Fortsetzung des Zyklus und nur eine etwas gerin- gere Preis- und Mietdynamik. Bauinvestitionen: Gedämpfter Wohnbau, … Der regulatorische Gegenwind hat den gesamten Bausektor verunsichert, was sich auch im Verlauf des ifo Indexes für das Bauhauptgewerbe niederschlägt. So ist die aktuelle Geschäftslage zwar weiterhin nahe des Allzeithochs vom Herbst 2018, die Erwartungen über die nächsten 6 Monate sind aber rückläufig und stehen aktuell auf neutral. Da die Baubranche über den gesamten Zyklus seit dem Jahr 2009 die tatsächliche Geschäftslage klar unterschätzte, interpre- tieren wir diesen Indexverlauf als eine Fortsetzung des eher verhaltenen Investi- tionswachstums der vergangenen Jahre für den Bausektor insgesamt. Für den Wohnungsbau erwarten wir dagegen, auch aufgrund des gedämpften Auftrags- eingangs im Jahr 2019, eine Wachstumsverlangsamung. Nach 4% gegenüber Vorjahr im Jahr 2019, erwarten wir einen leichten Rückgang auf unter 3% im Jahr 2020. Diese Wachstumsverlangsamung wird auch von den Baugenehmi- gungen angezeigt. Entsprechend dürfte die Zahl der fertiggestellten Wohnungen im Jahr 2019 und auch in den Folgejahren unter oder nahe 300.000 liegen und damit deutlich unter der jährlichen Nachfrage. Das knappe Angebot dürfte also über einige Jahre das prägende Merkmal im Wohnungsmarkt bleiben. Entspre- chend halten wir an unserer Formulierung der letzten Jahre fest, „dass der Zyk- lus mindestens bis zum Jahr 2022 andauert.“ Allerdings ist über den Sommer 2019 die Nettozuwanderung auf den niedrigsten Wert seit dem Jahr 2010 gefal- len. Bisher halten wir dies für ein temporäres Phänomen aufgrund der schwä- cheren Nachfrage nach Arbeitskräften in der Industrie. Hält diese Entwicklung jedoch an, könnte dies ein früheres Zyklusende einläuten. … während Engpässe im Büromarkt den Gewerbebau beleben dürften Die regulatorische Unsicherheit insbesondere im Wohnungsbau dürfte aufgrund von Ausweichreaktionen dagegen die Investitionen im Gewerbebau ankurbeln. Der Auftragseingang hat im Jahr 2019 wieder kräftig zugenommen. Zudem dürf- ten der weitere Beschäftigungsaufbau im Dienstleistungssektor und die in eini- gen Städten sehr niedrigen Leerstände im Büromarkt zu einer regen Neubauak- tivität führen. So erwarten wir nach einem Wachstum der Investitionen im Ge- werbebau von rund 2 ½% im Jahr 2019 einen Anstieg auf 3 ½% im Jahr 2020. Der Tiefbau spiegelt die Investitionshemmnisse im öffentlichen Sektor wider. Zwar war im Jahr 2019 ein kräftiges jährliches Wachstum von rund 6% zu ver- zeichnen, Kapazitätsengpässe und ein sogar rückläufiger Auftragseingang im Jahr 2019 sowohl im Tiefbau insgesamt und als auch im Straßenbau dürften hier aber zu einer Wachstumsverlangsamung beitragen. Wir erwarten ein Wachstum von rund 5% im Jahr 2020. Insgesamt erhöhen sich die Bauinvestiti- onen im Jahr 2020 dann um etwas mehr als 3%, nach rund 4% im Jahr 2019. 80 120 160 200 240 05 07 09 11 13 15 17 19 Wohnungsbau Gewerbebau Tiefbau 2005=100 2005-2019 Auftragseingang 52 Quellen: Deutsche Bank Research, Statistisches Bundesamt 0 200 400 600 90 95 00 05 10 15 A-Städte B-Städte C-Städte D-Städte DE 1990-2018 Baufertigstellungen 53 Anzahl der Wohnungen in '000 Quellen: riwis, Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research 2018:  287.400 Vorsicht, zerbrechlich! 26 | 19. Dezember 2019 Ausblick Deutschland Da die aktuell diskutierten politischen wie regulatorischen Maßnahmen die An- gebotsknappheit nicht beseitige, sondern, wie beschrieben, potenziell noch ver- schärfen, wird es vermutlich nicht gelingen, den Hauspreiszyklus zu beenden. Unabhängig von dem zu erwartenden Urteil der Normenkontrollklage gegen den Mietendeckel sehen wir die regulatorische Unsicherheit im Wohnbau im Jahr 2021 abklingen. Die Wohnbauinvestitionen als auch die gesamten Investitionen sehen wir – obwohl extreme Szenarien wahrscheinlicher geworden sind – im Basisszenario dann wieder bei über 4%. Jochen Möbert (+49 69 910-31727, jochen.moebert@db.com) Staatsüberschuss löst sich 2021 in Luft auf – die öffentlichen Investitionen steigen stark an, treffen aber auf Angebotsengpässe Der Gesamtstaat wird 2019 zwar mit einem niedrigeren, aber noch immer sehr hohen Haushaltsplus abschließen Trotz des zyklischen Gegenwindes in der deutschen Volkswirtschaft und des nach wie vor expansiven Kurses in der Finanzpolitik wird der Staatssektor (kon- solidiert) – bestehend aus Bund, Ländern, Gemeinden und Sozialversicherungs- trägern (Renten, Kranken-, Arbeitslosen- und Pflegeversicherung) einen be- trächtlichen Finanzierungsüberschuss ausweisen, der womöglich mehr als EUR 40 Mrd. betragen könnte (ca. 1,2% des BIP). Nichtsdestotrotz dürfte der Haus- haltsüberschuss damit bereits 2019 deutlich niedriger als im letzten Jahr ausfal- len, als er noch ein Rekordniveau seit der deutschen Wiedervereinigung von rund EUR 62 Mrd. (1,9% des BIP) erreicht hatte (siehe Grafik 54). Steigende Sozialausgaben belasten die Nachhaltigkeit der Staatsfinanzen Eine Schwachstelle des Haushaltsentwurfs und des Finanzplans ist, dass die Regierung einen immer größer werdenden Anteil für Soziales ausgibt. Dies ist problematisch, da die Sozialausgaben das Wachstumspotenzial Deutschlands nicht erhöhen, sondern eher schädigen, da diese bereits durch hohe Sozialver- sicherungsbeiträge und eine hohe Steuerlast finanziert werden (die Steuerquote in Deutschland lag im Jahr 2018 auf einem Allzeithoch nach der Wiedervereini- gung; siehe Grafik 61). Während die Gesamtausgaben der Bundesregierung über den Zeitraum zwischen 2020 und 2023 laut den Planungen durchschnitt- lich um bescheidene 1,2% p.a. steigen werden, sollen die Sozialausgaben im 0 20 40 60 80 100 -12 -10 -8 -6 -4 -2 0 2 4 1995 1997 1999 2001 2003 2005 2007 2009 2011 2013 2015 2017 2019 2021 Staatsschulden (rechts) Finanzierungssaldo (links) Primärsaldo (links) % BIP (Gesamtstaat) (VGR) Quellen: WEFA, Statistisches Bundesamt, Eurostat, Deutsche Bank Research Fiskalausblick 2020/21: Überschüsse werden vollständig aufgebraucht, aber Schuldenquote setzt Abwärtspfad fort 54 0 20 40 60 80 100 0 1 2 3 4 1995 1997 1999 2001 2003 2005 2007 2009 2011 2013 2015 2017 2019 2021 Staatsschulden (rechts) Zinsausgaben (links) % BIP (Gesamtstaat) (VGR) Quellen: WEFA, Statistisches Bundesamt, Eurostat, Deutsche Bank Research Die Zinsausgaben des Staates dürften 2020/21 weiter zurückgehen 55 0 50 100 150 200 250 300 350 400 0 20 40 60 80 100 120 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 Personalausgaben (links) Investive Ausgaben (links) Rentenversicherungsleistungen (links) Zinsausgaben (links) Ausgaben (rechts) EUR Mrd. (Finanzstatistik) Quelle: Bundesfinanzministerium, Deutsche Bank Research Ausblick für den Bundeshaushalt auf Basis des Finanzplans bis 2023 56 -20 0 20 40 60 80 100 120 140 160 180 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 Sozialleistungen* Bruttoinvestitionen Entlastung von fallenden Zinsausgaben * Monteäre Sozialleistungen und soziale Sachleistungen Quellen: Destatis, Deutsche Bank Research Die Sozialausgaben ziehen den Bruttoinvestitionen davon 57 Veränderung gg. 2011 in EUR Mrd., Gesamtstaat (VGR-Daten) Vorsicht, zerbrechlich! 27 | 19. Dezember 2019 Ausblick Deutschland selben Zeitraum um 2,8% steigen. Bei einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von 3,8% werden die Zuschüsse der Bundesregierung in das staatliche Rentensystem noch stärker zunehmen und schließlich im Jahr 2020 die Marke von EUR 100 Mrd. überschreiten (und sich bis dahin auf rund 28,3% der Gesamtausgaben des Bundes belaufen). Abgesehen davon wird sich der Anteil der Sozialausgaben von rund 50% im Jahr 2019 auf 53,4% bis 2023 er- höhen (siehe Grafiken 56 und 57). Unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten – und mit Blick auf die Mitte der zwanzi- ger Jahre zunehmenden demografischen Lasten in Deutschland – bleiben ins- besondere die kräftige Ausweitung der gesetzlichen Rentenausgaben (z.B. Müt- terrente) und die darüber hinaus abgegebenen Rentenversprechen problema- tisch. Auch wenn von dem zentralen Rentenversprechen der Bundesregierung, der „doppelten Haltelinie“ (Rentenbeitragssatz steigt bis 2025 nicht über 20%, Rentenniveau sinkt nicht unter 48%), zumindest in der laufenden Legislaturperi- ode noch keine spürbaren Belastungen für den Bundeshaushalt ausgehen wird, dürfte dieses voraussichtlich ab 2025 (dem Ende des gegenwärtigen Renten- konzepts der Regierung) zu einem erheblichen Anpassungsbedarf führen (wie z.B. der Einkassierung der heutigen Versprechungen einer noch höheren Auf- stockung der Bundeszuschüsse zur Rente und/oder einer Anhebung des Ren- teneintrittsalters). Hinsichtlich der Schwerpunktsetzung in der Finanzpolitik bleibt auch in den nächsten Jahren weitestgehend alles beim Alten. Die noch gut gefüllten Staatskassen werden nur unzureichend für umfangrei- chere steuerliche Entlastungen und/oder Senkungen der hohen Sozialversiche- rungsbeiträge genutzt, um das Wachstumspotenzial zu erhöhen, sondern statt- dessen zum überwiegenden Teil in noch höhere Sozialausgaben oder neue teure soziale Wohltaten mit teilweise zweifelhaftem Nutzen gelenkt. Die Investitionen steigen stark an, treffen aber auf Angebotseng- pässe Obwohl der Staat seine investiven Ausgaben bereits deutlich gesteigert hat, hat dies nicht ausgereicht, die Kritiker einer angeblich zu geringen öffentlichen In- vestitionstätigkeit in Deutschland zu beruhigen. In den nächsten Jahrzehnten wird die Nachfrage nach Investitionen angesichts der Notwendigkeit, einen gro- ßen Teil der physischen Infrastruktur (Schulgebäude, Straßen, Autobahnen) zu erneuern sowie den Ausbau der digitalen Infrastruktur voranzubringen, hoch bleiben. 0 5 10 15 20 25 30 35 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 Personalausgaben Investive Ausgaben Rentenversicherungsleistungen Zinsausgaben % Gesamtausgaben (Finanzstatistik) Quelle: Bundesfinanzministerium, Deutsche Bank Research Ausblick des Bundeshaushalts auf Basis des Finanzplans bis 2023 58 -15 -10 -5 0 5 10 15 20 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 Bruttoanlageinvestitionen Ausrüstungen Bau Sonstige Anlagen 2019: Q3 2019 gg. Q3 2018 auf Basis rollierender Jahressummen Quelle: Statistisches Bundesamt Staatliche Bruttoanlageinvestitionen, % gg. Vj. (real; in Preisen von 2015) Die öffentlichen Investitionen steigen kräftig 59 -2 0 2 4 6 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 Bruttoanlageinvestitionen Ausrüstungen Bau Sonstige Anlagen Die Preise für öffentliche Bauinvestitionen steigen kräftig 60 Staatliche Bruttoanlageinvestitionen, % gg. Vj. (ímplizite Deflatoren) 2019: Q3 2019 gg. Q3 2018 auf Basis rollierender Jahressummen Quelle: Statistisches Bundesamt 19 20 21 22 23 24 25 44 46 48 50 52 54 56 Steuereinnahmen, % BIP (rechts) Sozialausgaben, % Staatsausgaben (links) Sozialleistungen* und Steuereinnahmen des Gesamtstaates (VGR-Daten) Quellen: Destatis, ifo, Deutsche Bank Research Der Anteil der Sozialausgaben an den Staatsausgaben steigt, Steuerquote bleibt sehr hoch 61 * Monetäre Sozialleistungen und soziale Sachleistungen Prognosen: ifo Vorsicht, zerbrechlich! 28 | 19. Dezember 2019 Ausblick Deutschland Gegenwärtig stehen einer noch höheren (realen) Investitionstätigkeit keine feh- lenden Mittel auf der Finanzierungsseite im Wege. Stattdessen wird die Umset- zung von Investitionsprojekten durch eine Reihe angebotsseitiger Engpässe verzögert. Diese Engpässe resultieren sowohl aus den Kapazitätsengpässen und dem Fachkräftemangel im Bausektor als auch aus fehlenden administrati- ven (Planungs-) Ressourcen bestimmter staatlicher Ebenen (hauptsächlich den Gemeinden; diese sind für den Großteil der staatlichen Bauinvestitionen zustän- dig). Klar ist, dass diese Investitionshindernisse nur langsam beseitigt werden können. Laut dem Finanzexperten der CDU, Eckhardt Rehberg, können noch mehr als EUR 20 Mrd., die für öffentliche Investitionsvorhaben eingeplant sind, abgerufen und ausgegeben werden (siehe FAZ vom 8. September 2019). Wei- terhin gibt es Anhaltspunkte dafür, dass Bürokratie und Widerstände der Bürger gegen bestimmte Investitionsprojekte (z.B. gegen Windkraftanlagen) eine frist- gerechte und effektive Umsetzung der öffentlichen Investitionen zusätzlich er- schweren. Ein Blick auf die Daten der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) für das dritte Quartal 2019 zeigt, dass die öffentlichen Investitionen bereits kräftig ansteigen (siehe Grafik 59). Im dritten Quartal 2019 stiegen die öffentlichen In- vestitionen gegenüber dem dritten Quartal 2018 (auf der Basis rollierender Jah- ressummen) um sage und schreibe 9,7% nominal (zum Vergleich 2018: 8,7% gegenüber dem Vorjahr). Dabei erhöhten sich die Investitionsausgaben für Aus- rüstungen und Maschinen um 11,5% (11,9%), während die Bauinvestitionen um 11,5% (9,6%) zunahmen. Preisbereinigt erhöhten sich die öffentlichen Ge- samtinvestitionen um 5,5% (davon: Ausrüstungen und Maschinen mit 10,0% und Bauinvestitionen mit 5,6%). Der außergewöhnlich hohe (Preis-) Deflator – vor allem für die Bauinvestitionen (+5,7%) – ist ein klares Anzeichen für Eng- pässe auf der Angebotsseite (hohe Kapazitätsauslastung und Fachkräfteman- gel), die derzeit die größten Hindernisse für noch höhere (reale) Investitionen darstellen (siehe Grafik 60). All diese strukturellen Hindernisse auf dem Weg zu höheren (realen) öffentli- chen Investitionen können nicht über Nacht überwunden werden. Wenn man diese strukturellen Probleme berücksichtigt, wird deutlich, dass der Ruf nach noch höheren öffentlichen Investitionen unbegründet ist. Noch höhere öffentli- che Investitionsausgaben (in die Infrastruktur) werden nicht zu einer erhöhten Bautätigkeit führen – d.h. die physische Infrastruktur des Landes verbessern – sondern vielmehr dazu beitragen, dass die Baupreise weiter steigen. Deshalb ist es die Aufgabe der Regierung, klare Ausgabenprioritäten zu setzen und auf eine langsame (nicht sprunghafte) Erhöhung der öffentlichen Investitionen hin- zuarbeiten (es sieht so aus, als ob dies auch der Fall ist). Gleichzeitig sollte die Regierung politische Maßnahmen ergreifen, welche die nachteiligen Auswirkun- gen aufgrund des Fachkräftemangels mindern (z.B. verbesserte Ausbildung), die eigenen Verwaltungskapazitäten erhöhen, wo dies notwendig ist, und unnö- tige Bürokratie abbauen. Der Staatsüberschuss löst sich schon 2021 in Luft auf, da das Wachstum schwächelt und die Finanzpolitik expansiv ausgerichtet bleibt Insgesamt bleiben die Bedingungen für die öffentlichen Finanzen in den nächs- ten beiden Jahren gemischt. Während der Staat weiterhin von immer weiter sin- kenden Zinsausgaben profitieren dürfte (aufgrund niedriger oder gar negativer Renditen für Bundesanleihen angesichts der ultra-expansiven Geldpolitik), dürfte sich das Wachstum bei den Staatseinnahmen wegen der Wachstums- schwäche verlangsamen. Aufgrund des anhaltend hohen Wachstums bei den Primärausgaben des Staates (Sozialleistungen, Investitionen) und moderaten Steuererleichterungen (z.B. Ausgleich für die kalte Progression, Teilabschaffung 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 1,8 1,9 2,0 2,1 2,2 2,3 2,4 2,5 2,6 2,7 EUR Mrd. (rechts) % des BIP (links) Bruttoinvestitionen (Gesamtstaat) (VGR-Daten) Quellen: Statistisches Bundesamt , ifo, Deutsche Bank Research Die öffentlichen Investitionen sind stark ausgeweitet worden 62 Prognosen: ifo 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 4,0 4,2 4,4 4,6 4,8 5,0 5,2 5,4 5,6 5,8 EUR Mrd. (rechts) % der Staatsausgaben (links) Bruttoinvestitionen (Gesamtstaat) (VGR-Daten) Quellen: Statistisches Bundesamt, ifo, Deutsche Bank Research Der Anteil der öffentlichen Investitionen an den Gesamtausgaben steigt 63 Prognosen: ifo 0 100 200 300 400 500 600 700 Kumulierte Veränderung in EUR Mrd. (seit 2011) Veränderung in EUR Mrd. (2018 gg. 2011) Sozialleistungen* Bruttoinvestitionen Entlastung von fallenden Zinsausgaben Sozialleistungen und Brutto- investitionen im Kontext niedriger Zinsausgaben 64 Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research * Monteäre Sozialleistungen und soziale Sachleistungen Veränderung 2018 vs. 2011, in EUR Mrd. Gesamtstaat (VGR-Daten) Vorsicht, zerbrechlich! 29 | 19. Dezember 2019 Ausblick Deutschland des Solidaritätszuschlags ab 2021) dürften sich die öffentlichen Haushalte in struktureller Betrachtung rasch verschlechtern. So gehen wir davon aus, dass der strukturelle Primärsaldo des Gesamtstaates sich im nächsten Jahr um 0,6 und 2021 um weitere 0,5 Prozentpunkte vom BIP verschlechtern dürfte (siehe Grafik 65). Vor diesem Hintergrund erwarten wir, dass sich der Haushaltsüber- schuss des Staates deutlich abbauen wird, auf nur noch 0,5% vom BIP im nächsten Jahr. 2021 dürfte er ganz abgebaut sein. Trotz dieser Entwicklungen und dank eines negativen Zins-Wachstumsdifferenzials dürfte die gesamtstaatli- che Schuldenquote weiter sinken. 2020 dürfte sie unter 60% vom BIP fallen. 2021 könnte sie nur noch 56,9% betragen (siehe Grafiken 54 und 55). Sebastian Becker (+49 69 910-21548, sebastian-b.becker@db.com) Wachstumsschwäche und fallende Energiepreise drücken Inflationsrate Richtung 1% Inflationsentwicklung auch 2019 sehr verhalten Auch dieses Jahr blieb der Preisauftrieb – gemessen am Verbraucherpreisindex – in den meisten entwickelten Volkswirtschaften gedämpft. In der Eurozone gibt es außerdem zwischen den großen fünf Volkswirtschaften beträchtliche Niveau- unterschiede bei der Inflationsrate. Während die Jahresrate des harmonisierten Verbraucherpreisindizes (HVPI) im November 2019 in Deutschland (1,1%) und Frankreich (1,2%) geringfügig über dem Eurozonen-Durchschnitt (1,0%) lagen, blieb der Preisauftrieb in Italien und Spanien mit 0,4% bzw. 0,5% nach wie vor sehr verhalten. Einzig in den Niederlanden lag die Inflationsrate im November mit 2,6% spürbar über dem EZB-Inflationsziel. Dies lag jedoch im Wesentlichen an der Anfang des Jahres durchgeführten Mehrwertsteuererhöhung. Mit Aus- nahme in den Niederlanden blieb die Dynamik bei der Kerninflationsrate in der EWU schwach. In Deutschland und Frankreich lag sie zuletzt bei 1,2%, in Italien und Spanien bei nur 0,7% bzw. 1,0% (siehe Grafik 66). -6 -4 -2 0 2 4 99 00 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 Struktureller Primärsaldo Zinsausgaben Konjunkturkomponente Sonder- und Einmaleffekte Finanzierungssaldo % BIP (Gesamtstaat - VGR) Quellen: Statistisches Bundesamt, Bundesfinanzminiserium, AMECO, OECD, Deutsche Bank Research Der derzeit noch große Staatsüberschuss wird sich 2021 in Luft aufgelöst haben 65 -1 0 1 2 3 4 12 13 14 15 16 17 18 19 EA19 DE FR IT ES NL % gg. Vj. Eurozone: HVPI ohne Energie und unverarbeitete Lebensmittel 66 Quellen: Eurostat, Haver Analytics, Deutsche Bank Research Vorsicht, zerbrechlich! 30 | 19. Dezember 2019 Ausblick Deutschland Dichotomie bei der Kernrate: Güter zeigen nach unten, Dienstleis- tungen (noch) aufwärtsgerichtet Bei der deutschen Kerninflationsrate, d.h. der Verbraucherpreisentwicklung ohne schwankungsanfällige Energie- und Nahrungsmittelpreise, gab es auch dieses Jahr – trotz der noch immer relativ guten Arbeitsmarktentwicklung und der nach wie vor brummenden Binnen-/Dienstleistungskonjunktur im Aggregat kaum Bewegung nach oben (siehe Grafik 67). Bei einer näheren Betrachtung der Kerninflationsrate zeigt sich, dass sich die Raten für Güter (Industriegüter ohne Energie) und Dienstleistungen (ohne Gesundheit) zuletzt voneinander ent- koppelt haben. Während die Kernrate für Dienstleistungen weiter anzog (auf nunmehr über 2%, auf Grundlage des HVPI), ging sie für Industriegüter spürbar zurück (auf jetzt unter 1%) (siehe Grafik 69). Diese Dichotomie lässt sich gut mit der anhaltenden Zweiteilung der deutschen Volkswirtschaft erklären, in der die Industrie nach wie vor in einer lang anhaltenden Rezession steckt, die dienst- leistungsorientierte Binnenkonjunktur jedoch noch relativ gut läuft. Fallende Energiepreise ziehen die Inflationsrate nach unten Von den Energiepreisen ging zuletzt sogar ein deutlich dämpfender Effekt auf die deutsche Inflationsdynamik aus (siehe Grafik 68), was u.a. auf die gesunke- nen Rohölnotierungen zurückgeführt werden kann. In Deutschland lag die Jah- resrate für Energie (Haushaltsenergie und Kraftstoffe) nach Definition des natio- nalen Verbraucherpreisindex (VPI) im Oktober bei -2,1% (nach noch +4,6% im April 2019) (siehe Grafik 67). Einem Anstieg des Ölpreises dürfte im nächsten Jahr sowohl eine schwache Öl- nachfrage (weltweite Industrierezession, gebremste Investitionsbereitschaft, nachlassender Welthandel) als auch ein strukturelles Überangebot entgegen- stehen. Unserer Einschätzung nach dürfte der Ölpreis (Brent) von rund USD 65 je Fass in diesem Jahr auf jahresdurchschnittlich USD 54 im Jahr 2020 fallen. Zusammen mit einem leicht stärkeren Eurokurs könnte sich der Ölpreis in Euro- Rechnung – die relevante Größe für die Energiekomponente der deutschen In- flationsrate – von knapp EUR 57 je Fass auf nur noch EUR 47 ermäßigen. Für 2021 unterstellen wir einen wieder anziehenden Ölpreis auf rund USD 62 pro Jahr, der aufgrund der erwarteten Euro-Aufwertung in heimscher Währung ge- rechnet jedoch deutlich gedämpfter ausfallen dürfte. -15 -10 -5 0 5 10 15 -1 0 1 2 3 15 16 17 18 19 VPI (links) VPI ohne Nahrungsmittel u. Energie (links) Energie* (rechts) % gg. Vj. * Haushaltsenergie und Kraftstoffe Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research Kerninflation bleibt verhalten, Energie- preise zuletzt rückläufig 67 -1,0 -0,5 0,0 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 16 17 18 19 Nahrungsmittel Energie (Haushaltsenergie und Kraftstoffe) VPI ohne Nahrungsmittel und Energie Verbraucherpreisindex (VPI) % gg. Vj. bzw. Wachstumsbeiträge (Pp.) Quellen: Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research Energiepreise dämpfen Inflation 68 -15 -10 -5 0 5 10 15 20 12 13 14 15 16 17 18 19 EA19 DE FR IT ES NL % gg. Vj. Eurozone: HVPI Energie 70 Quellen: Eurostat, Haver Analytics, Deutsche Bank Research 0,0 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 Kerninflation Industriegüter ohne Energie Mieten Dienstleistungen ohne Gesundheit DE: Insgesamt kaum Bewegung bei der Kerninflationsrate, aber Kernrate für Dienstleistungen hat angezogen 69 HVPI, % gg. Vj. Quellen: Eurostat, Deutsche Bank Research Vorsicht, zerbrechlich! 31 | 19. Dezember 2019 Ausblick Deutschland Kerninflation erreicht 2019 ihren vorläufigen Höhepunkt Aufgrund der strukturellen Schwierigkeiten und rezessiven Entwicklungen in Deutschlands exportgetriebenen Schlüsselindustrien (Automobilwirtschaft, Ma- schinenbau, Chemie) und der bestehenden konjunkturellen Unsicherheiten ge- hen wir davon aus, dass der Anstieg der Arbeitnehmerentgelte je Beschäftigten – ein wichtiger Vorlaufindikator für die Kerninflationsrate – 2020/21 deutlich niedriger ausfallen dürfte als in diesem Jahr. So erwarten wir, dass sich das Lohnwachstum auf rund 2,5% pro Jahr abschwächen wird, nach erwarteten 3,2% 2019 (z. Vgl. 2017/18: jeweils 2,5%) (siehe Grafik 72). Außerdem dürfte der Grad der Kapazitätsauslastung in der deutschen Industrie weiter rückläufig sein und sich die (positive) gesamtwirtschaftliche Produktionslücke weiter ab- bauen oder sogar negativ werden (siehe Grafik 71). Die bisher starke (dienstleistungsorientierte) Binnenkonjunktur dürfte sich mit zunehmender Dauer der Industrierezession abschwächen, was wiederum – wenn auch mit einer gewissen Verzögerung – Auswirkungen auf die Kernrate für Dienstleistungen haben dürfte. Die Kernrate für Industriegüter dürfte so lange gedämpft bleiben bis die Industrie wieder auf einen nachhaltigen Wachs- tumspfad einschwenkt. Vor diesem Hintergrund dürfte unserer Einschätzung nach die deutsche Kerninflationsrate 2019 mit 1,4% ihren Höhepunkt erreichen und 2020 auf nur noch 1,2% (im Jahresmittel) zurückgehen. 2021 könnte sie wieder geringfügig auf 1,3% anziehen. Headline-Inflationsrate 2020 bei nur noch 1% Die Headline-Inflationsrate hatte bereits 2018 mit 1,7% ihren Höhepunkt erreicht (siehe Grafik 74). Dieses Jahr dürfte sie sich voraussichtlich auf rund 1,4% ab- geschwächt haben. Aufgrund der erwarteten rückläufigen Kerninflationsrate und der negativen Energiepreisentwicklung dürfte sie 2020 weiter spürbar zurückge- hen, auf nur noch 1,0% (VPI) bzw. 1,2% (HVPI). Allein der Wachstumsbeitrag der Energiepreise dürfte im nächsten Jahr die nationale Headline-Inflationsrate um etwa ein Zehntel Prozentpunkt dämpfen (siehe Grafik 74). 2021 könnte der VPI angesichts der leichten Beschleunigung bei der Kerninflation und einem An- stieg bei den Energiepreisen auf etwa 1,4% erhöhen (z. Vgl. HVPI: 1,3%). Alles in allem bleibt die Preisentwicklung auch in den nächsten beiden Jahre ge- dämpft. Selbst die Preise für Mieten bleiben ungeachtet des Häusermarktbooms und des zunehmenden Wohnraummangels unter Kontrolle (Oktober 2019: +1,4% gg. Vj. nach VPI und +1,5% nach HVPI) (siehe Grafik 69). -0,5 0,0 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 3,0 3,5 96 98 00 02 04 06 08 10 12 14 16 18 20 Kernrate (OECD) Bruttolöhne/-gehälter pro Arbeitnehmer % gg. Vj. Quellen: OECD, Deutsche Bundesbank, Deutsche Bank Research Kerninflationsrate vs. Arbeitnehmer- entgelte (brutto) 72 -6 -4 -2 0 2 4 0,0 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 06 08 10 12 14 16 18 20 Kerninflationsrate, % (linke Achse) OECD Produktionslücke, % (rechte Achse) IWF Produktionslücke, % (rechte Achse) EK Produktionslücke, % (rechte Achse) Quellen: OECD, IMF, EC, Statistisches Bundesamt, Deutsche Bank Research Rückläufige Kapazitätsauslastung nimmt Druck von Kerninflation 71 45 50 55 60 65 70 12 13 14 15 16 17 18 19 PMI: Input-Preise PMI: Output-Preise Quellen: IHS Markit, Deutsche Bank Research Index (saisonbereinigt) PMIs deuten auf einen schwächeren Preisdruck hin 73 -1 -0,5 0 0,5 1 1,5 2 2,5 3 06 07 08 09 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 Kerninflation Energie Nahrungsmittel Inflation Wachstumsbeiträge zur jahresdurchschnittlichen Inflationsrate, Prozentpunkte Quellen: Destatis, Deutsche Bank Research Inflationsausblick 2019/20 74 Vorsicht, zerbrechlich! 32 | 19. Dezember 2019 Ausblick Deutschland Aktuelle Frühindikatoren, wie z.B. die Unterkomponenten der Einkaufsmanager- befragung zu den Input- und Output-Preisen, zeigen einen stark rückläufigen Preisdruck und mit Werten von knapp über 50 Indexpunkten (Grenze für höhere / niedrigere Preise) nur noch leicht steigende Preise an (siehe Grafik 73). Sebastian Becker (+49 69 910-21548, sebastian-b.becker@db.com) Deutsche Industrie: 2020 bleibt schwach – Risiko einer strukturellen Schwäche nimmt zu Die Produktion im Verarbeitenden Gewerbe in Deutschland dürfte 2019 um real etwa 4% gesunken sein. Dies war der erste Fertigungsrückgang seit 2013 und der kräftigste seit 2009, als die deutsche Industrieproduktion im Zuge der globa- len Wirtschafts- und Finanzkrise um mehr als 17% einbrach. Die Rezession im Verarbeitenden Gewerbe setzte bereits im 3. Quartal 2018 ein und hält bis zum Jahresende 2019 an. Selbst 2008/09 sank die deutsche Industrieproduktion nur vier Quartale in Folge (plus ein Quartal Stagnation). Für die ungewöhnlich lang anhaltende Industrierezession sind mehrere Fakto- ren maßgeblich, von denen einige auch 2020 noch nicht vollständig ausgeräumt sein werden. Zu nennen ist der schwache globale Güterhandel, der im Durch- schnitt von 2019 sogar leicht rückläufig war und auch im kommenden Jahr mit real 2,5% nur moderat wachsen dürfte. Die anhaltenden Handelskonflikte, vor allem zwischen den USA und China, hinterlassen schon seit längerer Zeit ihre Bremsspuren. Der massive Anstieg der Unsicherheit wirkt sich dämpfend auf die globale Investitionsneigung aus. Neben dem Handelsstreit zwischen den USA und China sind die seit Monaten angedrohten US-Zölle auf Automobilimporte aus der EU ebenfalls noch nicht vom Tisch. Zwar verstrich hier Mitte November 2019 eine Frist, ohne dass die US-Regierung Stellung bezogen hat. Das bedeutet aber nicht das endgültige Aus. Die deutsche Industrie mit ihrem Fokus auf den Export von Investitionsgütern bekommt die Schwäche des Welthandels sowie die Zurückhaltung bei Investitio- nen in Maschinen und Anlagen besonders stark zu spüren. Konjunkturelle und strukturelle Probleme in der Automobilindustrie lasten auf Er- gebnis der gesamten Industrie Die schwache Automobilkonjunktur war ein weiterer Belastungsfaktor für die deutsche Industrieproduktion. Die Automobilindustrie ist gemessen an Umsatz und Bruttowertschöpfung die größte deutsche Industriebranche (Wertschöp- fungsanteil am gesamten Verarbeitenden Gewerbe 2017: knapp 21%). Sie ist zudem häufig der wichtigste inländische Auftraggeber für andere industrielle Wirtschaftszweige. Die Automobilindustrie sah und sieht sich mit einer Reihe von Herausforderungen konfrontiert, die die inländische Produktionstätigkeit 2019 beeinflusst haben und die zum Teil auch 2020 zu spüren sein werden. — Bereits Ende 2018 wirbelte die Umstellung auf den neuen Abgastest WLTP den Sektor durcheinander. Weil manche Autos temporär nicht lieferbar wa- ren, sanken Pkw-Neuzulassungen und inländische Produktion zum Jahres- ende hin recht kräftig. Die negativen WLTP-Effekte waren bis ins Jahr 2019 hinein spürbar. — Während die WLTP-Effekte im Laufe von 2019 allmählich abflauten, rückte immer mehr die Nachfrageschwäche in den Fokus, die (aus unterschiedli- chen Gründen) bis heute alle drei großen Automärkte betrifft. Gerade in 95 100 105 110 115 15 16 17 18 19 Produktion Aufträge Quelle: Statistisches Bundesamt Verarbeitendes Gewerbe in DE, 2015=100 Industrierezession noch nicht beendet 75 -20 -15 -10 -5 0 5 10 15 20 25 30 11 12 13 14 15 16 17 18 19 CN US* EU * Light vehicles Relativ schwache Autonachfrage in allen drei großen Märkten 76 Pkw-Neuzulassungen bzw. Pkw-Absatz, % yoy, gleitender 3-Monatsdurchschnitt Quellen: ACEA, BEA, CAAM Vorsicht, zerbrechlich! 33 | 19. Dezember 2019 Ausblick Deutschland China sank der Autoabsatz 2019 sehr viel deutlicher als erwartet. Im Zuge des Handelsstreits zwischen den USA und China kam es zu höheren Im- portzöllen auf Fahrzeuge aus US-Produktion und zu einer Eintrübung beim Konsumentenvertrauen. Ferner wurde der Autoabsatz in China bis Mitte 2018 durch staatliche Steueranreize befeuert, was zu vorgezogenen Käufen führte, sodass der Pkw-Absatz in China 2019 mit zweistelliger Rate schrumpfte. Insgesamt nahm der globale Pkw-Absatz 2019 zum zweiten Mal in Folge ab. Für 2020 rechnen wir mit einer leichten Erholung der globa- len Autokonjunktur, wobei das wirtschaftliche und politische Umfeld im chi- nesischen Automarkt den größten Unsicherheitsfaktor birgt. Nach der inzwi- schen fast zweijährigen Schwächephase hat sich ein gewisser Nachholbe- darf in China aufgebaut, der 2020 wirksam werden könnte. Dies haben auch unsere lokalen Research-Kollegen in ihrem jüngsten Ausblick für China aus- geführt. Sollte es zu staatlichen Kaufanreizen kommen, könnte der chinesi- sche Automarkt 2020 sogar positiv überraschen. Das würde auch die deut- sche Industriekonjunktur stützen, wenngleich ein Großteil der chinesischen Autonachfrage aus Fabriken vor Ort bedient wird. — Negativ für die inländische Automobilproduktion war zudem, dass sich ei- nige wichtige Automodelle, die in Deutschland produziert werden, 2019 am Ende ihres Modellzyklus befanden. Üblicherweise sinkt in dieser Phase die Nachfrage nach den entsprechenden Fahrzeugen, weil die Kunden lieber auf die Nachfolger warten. So ist es zu erklären, dass die deutschen Auto- hersteller ihre Marktanteile in vielen Märkten halten oder ausbauen konnten, obwohl die inländische Produktion stark schrumpfte. Auch die Auslandspro- duktion der deutschen Hersteller entwickelte sich recht stabil. Der skizzierte Sondereffekt läuft 2020 aus, weil die Fertigung wichtiger Modelle an deut- schen Standorten anläuft, was für positive Impulse sorgen dürfte. — Schließlich standen 2019 nicht alle Produktionskapazitäten zur Verfügung, weil derzeit manche Fabriken für den Bau von Elektroautos umgerüstet wer- den. Der Strukturwandel hin zur E-Mobilität gepaart mit der globalen Nach- frageschwäche sind zudem wesentliche Gründe für die Kostensparpro- gramme vieler deutscher Autohersteller und Zulieferer, die auch 2020 noch wirksam sein werden. Gerade viele Zulieferer agieren bei ihren Produktions- planungen für die nähere Zukunft vorsichtig. Auch andere Investitionsgüterbranchen im Minus In Summe dürfte die Automobilproduktion 2019 um real 10% gesunken sein. Dies war bereits der zweite Rückgang in Folge (2018: -1,7%) sowie der stärkste seit 2009 (-21,7%). Anders als erwartet, lagen die Fertigungszahlen selbst zum Jahresende 2019 im Vorjahresvergleich noch im Minus, obwohl die Vergleichs- basis 2018 durch den WLTP-Effekt bereits gering war. Die globale Nachfrage- schwäche sowie die genannten Sonderfaktoren schlugen hier durch und sorg- ten dafür, dass der Fertigungsrückgang kräftiger ausgefallen ist als in anderen Investitionsgütersektoren wie dem Maschinenbau (2019: real etwa -3%) oder der Elektrotechnik (-4%). Auch in der Chemie- und Metallindustrie dürfte der Produktionsrückgang 2019 in der Größenordnung von real 3 bis 4% gelegen ha- ben. In Summe befanden sich also alle großen Industriebranchen 2019 in einer Rezession. Lediglich das konjunkturunabhängige Ernährungsgewerbe dürfte ein leichtes Produktionsplus erzielt haben. Talsohle in Sicht, aber 2020 nur schleppende Erholung Bei den Auftragseingängen im Verarbeitenden Gewerbe zeigte sich in den letz- ten Monaten ein gemischtes Bild. Während sich die Auslandsaufträge im Verlauf 0 2 4 6 8 10 12 95 97 99 01 03 05 07 09 11 13 15 17 19 Exporte Auslandsproduktion Inlandsproduktion Deutsche Automobilindustrie wird internationaler 78 Pkw-Produktion deutscher OEMs und Pkw- Exporte aus Deutschland, Mio. 2019: Prognose Quelle: VDA 80 90 100 110 120 12 13 14 15 16 17 18 19 Automobilindustrie Maschinenbau Elektrotechnik Quelle: Statistisches Bundesamt Produktion in ausgewählten Industriebranchen in DE, 2015=100 Besonders starke Produktionsrück- gänge in der Automobilindustrie 77 90 100 110 120 13 14 15 16 17 18 19 Inland Ausland Insgesamt Quelle: Statistisches Bundesamt Verarbeitendes Gewerbe in DE, Auftragseingang, 2015=100 Zuletzt divergierende Entwicklung 79 Vorsicht, zerbrechlich! 34 | 19. Dezember 2019 Ausblick Deutschland von 2019 stabilisiert haben und in den letzten Monaten sogar anzogen, tendier- ten die Inlandsbestellungen recht stetig nach unten. Die Geschäftserwartungen des Verarbeitenden Gewerbes liegen seit Dezember 2018 im negativen Bereich. Allerdings setzt sich der Abwärtstrend am aktuellen Rand nicht weiter fort – auch hier also immerhin keine weitere Verschlechte- rung. Eine knappe Mehrheit der Industrieunternehmen schätzt ihre aktuelle Lage zwar immer noch positiv ein. Gegenüber den Höchstständen zum Jahres- wechsel 2017/18 ist jedoch eine gravierende Verschlechterung zu verzeichnen. Auch die Kapazitätsauslastung hatte zu Beginn des 4. Quartals 2019 ihre Tal- fahrt noch nicht beendet. Inzwischen liegt die Auslastung knapp unter dem lang- jährigen Durchschnitt, aber um etwa 12%-Punkte über dem Niveau von Mitte 2009. Insofern ist das aktuelle Auslastungsproblem im historischen Maßstab klein und für die meisten Unternehmen verkraftbar. In manchen Betrieben mag die konjunkturelle Abkühlung eine willkommene Ge- legenheit sein, die betriebsinternen Prozesse zu optimieren, wenn dies wegen guter Auftragslage und der Suche nach Fachkräften in den letzten Jahren zu kurz gekommen war. Zumindest war in der jüngsten DIHK-Konjunkturumfrage der Fachkräftemangel zum ersten Mal seit Herbst 2016 nicht mehr das wich- tigste Geschäftsrisiko für die exportierenden Industrieunternehmen. Stattdessen rückten konjunkturelle Faktoren (Inlands- und Auslandsnachfrage), aber auch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in der Rangfolge deutlich nach oben. Abermaliges Produktionsminus 2020 In Summe deuten die genannten Indikatoren darauf hin, dass die konjunkturelle Talsohle in der deutschen Industrie in Sicht ist und zu Jahresbeginn 2020 er- reicht sein könnte. Dies gilt unter der vielfach erwähnten Prämisse, dass es zu einer Deeskalation in den verschiedenen Handelskonflikten kommt. Also alles eitel Sonnenschein für 2020? Mitnichten! Wir haben im Kapitel zu den deutschen Exporten ausgeführt, dass der Welthandel und damit auch die deut- schen Warenausfuhren 2020 gegenüber dem schwachen Vorjahr kräftiger wachsen dürften. Aber die Dynamik bleibt begrenzt. Insofern rechnen wir für 2020 lediglich mit einem leicht aufwärts gerichteten Produktionsverlauf. Wegen des kräftigen statistischen Unterhangs zum Jahreswechsel 2019/20 reicht dies nicht aus, um im Gesamtjahr ein Produktionsplus zu erzielen. Wir erwarten, dass die Produktion im Verarbeitenden Gewerbe in Deutschland 2020 um real 1,5% schrumpfen wird. In den meisten Investitionsgüterbranchen (Maschinenbau, Elektrotechnik) sowie in vorgelagerten Sektoren (Metallindustrie, Kunststoffe) dürfte die Produktion leicht schrumpfen oder stagnieren. In der Chemieindustrie dürfte sich die Schwächephase fortsetzen, die zunehmend strukturelle Ursachen hat (schrump- fender Kapitalstock in Deutschland). Die Automobilindustrie könnte, nach dem starken Rückgang von 2019, im Jahr 2020 ein leichtes Fertigungsplus erzielen, wenn sich die globale Nachfrageschwäche auflöst (China) und die neuen Mo- delle, die in Deutschland gefertigt werden, beim Kunden ankommen. Der evolu- tionäre Wandel hin zur Elektromobilität dürfte aus konjunktureller Sicht noch eine geringe Rolle spielen. Um Strafzahlungen für das Verfehlen von CO 2 - Grenzwerten zu vermeiden, dürften die Hersteller aber bestrebt sein, mehr -30 -20 -10 0 10 20 30 40 50 60 12 13 14 15 16 17 18 19 Erwartungen Lage Verarbeitendes Gewerbe, Saldo aus positiven und negativen Firmenmeldungen Quelle: ifo Institut Schlechtere Stimmung, aber Trend- wende bei Geschäftserwartungen 80 -20 -10 0 10 20 30 11 12 13 14 15 16 17 18 19 … zur Entwicklung der Geschäftstätigkeit … zur Entwicklung der Beschäftigung … zur Entwicklung der Produktionstätigkeit … zur Entwicklung der Exporttätigkeit Erwartungen der Unternehmen in DE, Saldo aus positiven und negativen Firmenmeldungen Quelle: ifo Institut Erwartungen im Verarbeitenden Gewerbe noch im negativen Bereich 81 50 60 70 80 90 100 07 08 09 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 Kapazitätsauslastung Mittelwert seit 1992 Quelle: ifo Institut Kapazitätsauslastung im Verarbeitenden Gewerbe in Deutschland, % Kapazitätsauslastung weiter rückläufig 82 Vorsicht, zerbrechlich! 35 | 19. Dezember 2019 Ausblick Deutschland Elektroautos auf den Markt zu bringen und dafür auch Quersubventionen in Kauf nehmen. 5 Risiken in beide Richtungen Wir hatten in unseren Konjunkturprognosen der letzten Quartale regelmäßig die wirtschaftlichen und geopolitischen Unsicherheiten als Risikofaktoren für unsere Prognosen erwähnt. Dabei überwogen stets die Abwärtsrisiken. Und eine wei- tere Eskalation im Handelsstreit zwischen den USA und China bleibt weiterhin das größte Einzelrisiko. Allerdings existieren für unsere Prognose zur deutschen Industrieproduktion auch Aufwärtsrisiken. Eine Einigung in den Handelskonflik- ten (USA-China sowie USA-EU) könnte die globale Investitionsneigung kurzfris- tig recht schnell stimulieren, wovon deutsche Unternehmen profitieren würden. Hier dürfte sich ohnehin bereits ein gewisser Nachholbedarf angestaut haben. Das Positivszenario einer stark steigenden Pkw-Nachfrage in China hatten wir bereits erwähnt. Es ist also nicht auszuschließen, dass wir bei unserem Indus- trieausblick für 2020 etwas zu pessimistisch sind. Attraktivität des Industriestandorts Deutschland in Gefahr Unabhängig vom aktuellen Konjunkturzyklus sehen wir die Gefahr, dass die At- traktivität der Industriestandorts Deutschland dauerhaft sinkt. Auf der Kosten- seite haben sich einige Standortfaktoren in den letzten Jahren verschlechtert. Die Arbeitskosten sowie die effektiven durchschnittlichen Steuersätze für Kapi- talgesellschaften liegen auf internationalem Spitzenniveau. Das gilt auch für die industriellen Strompreise. Für energieintensive Unternehmen wirken die Unsi- cherheiten über die langfristige Ausrichtung der deutschen und europäischen Klima- und Energiepolitik schon seit Jahren investitionshemmend. Hier sinkt der inländische Kapitalstock fortlaufend. In der Automobilindustrie besteht die Gefahr, dass Investitionen in Produktions- standorte künftig noch mehr als bislang im Ausland und weniger im Inland getä- tigt werden, um steigende Kosten (z.B. Investitionen in alternative Antriebe we- gen CO 2 -Regulierung, Arbeitskosten) abzufedern. Viele deutsche Hersteller ha- ben z.B. Investitionen in Ungarn, den USA oder Mexiko angekündigt oder mit der Realisierung begonnen; die Kapazitäten in China dürften künftig ebenfalls tendenziell weiter wachsen. Verwandte Sektoren dürften folgen. In den letzten Jahren gingen diese Auslandsinvestitionen der Automobilindustrie nicht zu Las- ten des Standorts Deutschland: Hier konnte fast immer ein zufriedenstellendes Produktionsniveau von über 5 Millionen Einheiten erreicht werden. Dabei er- zielte die Branche z.B. durch bessere Ausstattung der Fahrzeuge ein beachtli- ches qualitatives Wachstum. 2019 ist die Branche unter die 5-Millionen-Marke gerutscht und eine Rückkehr ist kein Selbstläufer. Auf das langfristig stark rückläufige Erwerbspersonenpotenzial in Deutschland mit politischen Entscheidungen wie der Rente mit 63 zu reagieren oder Maß- nahmen zurückzunehmen, die den Faktor Arbeit flexibilisieren, ist kontraproduk- tiv. Diese strukturellen Aspekte, gepaart mit dem wohl auch 2021 nur geringen Wachstum des Welthandels, lassen uns vorsichtig auf die Industrieproduktion im Jahr 2021 schauen. Wir rechnen nicht damit, dass bis dahin die Verluste von 2018/19 wieder ausgeglichen sein werden. Bei vielen der genannten Standort- faktoren ist die Politik gefragt. Es ist zu bedenken, dass das Verarbeitende Ge- werbe in Deutschland der wesentliche Treiber für Innovationen und technischen 5 Vgl. Heymann, Eric (2019). E-Mobilität: Ohne Subventionen (noch) in der Nische. Deutsche Bank Research. Deutschland-Monitor. Frankfurt am Main. 5 10 15 20 25 97 00 03 06 09 12 15 18 EU (inklusive Steuern und Gebühren) DE (inklusive Steuern und Gebühren) EU (ohne Steuern und Gebühren) DE (ohne Steuern und Gebühren) Source: Eurostat Steuern und Gebühren sind wichtiger Treiber für Strompreise in Deutschland 83 Strompreise für gewerbliche Kunden*, Cent pro Kilowattstunde * Jährlicher Stromverbrauch zw. 500 und 2.000 MWh 50 60 70 80 90 100 110 95 99 03 07 11 15 Verarbeitendes Gewerbe Papierindustrie Chemieindustrie Baustoffindustrie Metallerzeugung Reales Nettoanlagevermögen sinkt in energieintensiven Branchen spürbar 84 Reales Nettoanlagevermögen in Deutschland, 1995=100 Quelle: Statistisches Bundesamt Vorsicht, zerbrechlich! 36 | 19. Dezember 2019 Ausblick Deutschland Fortschritt ist. Aber die innovativsten Unternehmen werden nicht konkurrenzfä- hig sein, wenn wichtige lokale Standortfaktoren im internationalen Wettbewerb nicht mithalten können. Eric Heymann (+49 69 910-31730, erich.heymann@db.com) Deutsche Politik: Groko – interne Querelen, aber keine Trennung Die deutsche Politik hat im Jahr 2019 über ihre Grenzen hinaus große Aufmerk- samkeit erregt – weniger wegen ihrer politischen Entscheidungen als vielmehr im Hinblick auf die Stabilität der Groko. Während wir jedoch das Risiko eines vorzeitigen Auseinanderbrechens der Groko weiterhin für eher gering halten, wird die Politik angesichts der Verschiebungen in der deutschen politischen Landschaft kaum in ruhigere Gewässer gelangen. Die Bundestagswahl 2021 wirft ihre Schatten voraus. Da die Bundestagswahl im Herbst 2021 bereits ihre Schatten vorauswirft, müssen die Koalitionsparteien die Gratwanderung schaffen, ihr Profil zu schärfen und gleichzeitig konstruktiv zusammenzuarbeiten, um das Mandat der Wähler zu erfüllen – eine breite Mehrheit der Deutschen wünscht sich nach wie vor, dass die Groko ihre Amts- zeit planmäßig beendet und lehnt vorzeitige Neuwahlen ab (Deutschlandtrend, ZDF-Politbarometer). Noch wichtiger: Weder CDU noch SPD sind als Partei per- sonell und thematisch so geschlossen aufgestellt wie früher und brauchen da- her Zeit, sich auf den Wahlkampf vorzubereiten. Dieses Umfeld wird die beste- henden Kontroversen zwischen den Koalitionspartnern weiter anheizen und im ersten Quartal 2020, wenn eine Einigung über die modifizierten politischen Prio- ritäten erzielt werden muss, zu politischen Irritationen und entsprechendem Me- dieninteresse führen. Schwierige Entscheidungen über Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl 2021. Die Auswirkungen der – politisch (und durch Umfragen) getriebenen – Spaltung innerhalb der Parteien erstrecken sich auch auf die Frage, wen man als Kanzlerkandidaten in den nächsten Wahlkampf schicken soll. In der Regel hat der oder die jeweilige Parteivorsitzende (informell) den ersten Zugriff. Doch im Falle der CDU ist Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer (AKK) in ihrer Partei nicht unumstritten. Nur 35% der CDU/CSU-Anhänger glauben, dass sie als Kanzlerkandidatin für die nächste Wahl nominiert wird (ZDF-Politbarometer, 29. November). Andere Namen wie der des Ministerpräsidenten von NRW, Ar- min Laschet, oder auch Friedrich Merz gelten als mögliche Kandidaten für die 64 32 85 72 70 67 62 28 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 Fortsetzung der Groko 85 Umfrage, % der Antworten Quellen: infratest dimap, DeutschlandTrend Dez 2019 47 47 44 42 41 41 35 30 24 23 22 14 0 5 10 15 20 25 30 35 40 45 50 O. Scholz (SPD) A. Merkel (CDU) H. Maas (SPD) J. Spahn (CDU) R. Habeck (Grüne) H. Seehofer (CSU) C. Lindner (FDP) A. Baerbock (Greens) A. K.-Karrenbauer (CDU) S. Schulze (SPD) K. Kipping (Linke) J. Meuthen (AfD) Popularitätsranking deutscher Politiker 86 "Sind Sie mit der politischen Arbeit von ... sehr zufrieden/zufrieden? Quelle: infratest dimap, DeutschlandTrend Dez 2019 Vorsicht, zerbrechlich! 37 | 19. Dezember 2019 Ausblick Deutschland CDU-Kanzlerkandidatur. Der CSU-Parteivorsitzende und bayerische Minister- präsident Markus Söder hat dagegen Spekulationen, dass er diese Position an- strebe, zurückgewiesen, betonte aber, dass die CDU/CSU auf jeden Fall einen gemeinsamen Kandidaten nominieren werde. Die Stimmung in der CDU ist schwierig zu beurteilen, aber die Partei wird höchstwahrscheinlich zu einem Kandidaten tendieren, der offen und nach der Wahl vermittelbar für mehrere Ko- alitionspartner ist. Vor diesem Hintergrund könnte am Ende jemand als Kanzler- kandidat nominiert werden, den bisher kaum jemand auf dem Radar hat. SPD: Lage eher noch schwieriger. Im Hinblick auf die SPD ist diese Frage nach dem zukünftigen Kanzlerkandidaten eher noch heikler. Ein Grund dafür ist, dass die Partei gerade ein neues Führungsduo, Saskia Esken und Norbert Walter- Borjans, gewählt hat, dessen erklärtes Ziel es ist, den Stimmenanteil der SPD auf 30% zu verdoppeln – allerdings bezweifeln 70% der Deutschen die Erreich- barkeit dieses Ziels und selbst 46% der SPD-Anhänger sind skeptisch (Deutsch- landtrend, 5. November). Ginge man nach den generellen Popularitätswerten, könnte Finanzminister Scholz immer noch als vielversprechender SPD- Kanzlerkandidat für die Wahl 2021 angesehen werden. Freilich wird seine Rolle in der Groko in Teilen der Partei sehr kritisch gesehen. Ein weiterer in den Me- dien genannter Name ist die derzeitige Familienministerin im Kabinett von Kanz- lerin Merkel, Franziska Giffey. Insgesamt dürften die interne Positionierung der Kandidaten und eine latente Auseinandersetzung der Parteiflügel sowohl in CDU/CSU als auch der SPD von effektivem Regierungshandeln ablenken. Grüne als Königsmacher der nächsten Regierung. Die Grünen beobachten die internen Probleme von CDU/CSU und SPD von der Seitenlinie und senden gleichzeitig starke Signale, dass sie bereit sind, in einer zukünftigen Bundesre- gierung Verantwortung zu übernehmen. Den beiden Parteivorsitzenden, An- nalena Baerbock und Robert Habeck, ist es gelungen, die verschiedenen Par- teiflügel zu versöhnen und damit die Voraussetzung für unterschiedliche Koaliti- onen mit den etablierten Parteien zu schaffen. Sie können dabei auf den jünge- ren Erfahrungen ihrer (unterschiedlichen) Koalitionsregierungen in mittlerweile zehn der sechzehn Bundesländer aufbauen. Die Grünen haben in den Wahlum- fragen deutlich zugelegt und liegen kontinuierlich bei um die 20%. Sie profitieren vom populären Thema Klimawandel und haben gleichzeitig ihr politisches Port- folio erweitert. Umfragen (z.B. Civey für Spiegel, Okt 2019) zeigen jedoch, dass viele Wähler die Grünen eher als „Ein-Thema-Partei“ mit klimapolitischer Kom- petenz sehen. Zudem sind die Grünen vor allem im Westen Deutschlands, be- sonders in den Metropolen, erfolgreich. Dies lässt es eher fraglich erscheinen, ob die Grünen der stärkste Partner in einer möglichen konservativ-grünen Koali- tion werden könnten (die einzige Konstellation, die nach aktuellen Umfragen eine Mehrheit im Bundestag verspricht). Dennoch diskutieren die Grünen erst- mals über die Nominierung eines Kanzlerkandidaten. Angesichts der Präferenz der Partei für die direkte Demokratie ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die endgültige Entscheidung in einer Mitgliederbefragung getroffen werden wird. Landtagswahlen in Hamburg ein Merkposten im Jahr 2020 . Während sich die Parteien in diesem Jahr in mehreren Landtagswahlen beweisen mussten, sieht das Jahr 2020 mit Hamburg am 23. Februar nur eine vor. Es wird der erste Test für die neue SPD-Parteiführung sein. Umfragen (wahlrecht.de) deuten darauf hin, dass die SPD als derzeit stärkste Partei in Hamburg von ihrem grünen Koa- litionspartner in dieser Rolle herausgefordert werden könnte, zumal die Grünen in Großstädten tendenziell besonders stark sind. Diese Aussichten könnten die neuen SPD-Parteivorsitzenden zusätzlich motivieren, rechtzeitig vor dieser Landtagswahl eine erfolgreiche Neuverhandlung mit der CDU/CSU über die po- litischen Prioritäten für die zweite Amtszeit der Groko vorzuweisen. SPD-Neupositionierung erhöht Spannungen in der Groko, aber Auseinanderbre- chen unwahrscheinlich. Im Gegensatz zu den Bedenken mancher Beobachter 75 22 85 85 85 69 63 60 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 % Quelle: ZDF Politbarometer Dez 2019 SPD fordert höhere, kreditfinanzierte Investitionen ... 87 55 54 45 43 34 34 33 26 23 17 02 55 07 5 Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik Familienpolitik Außen- und Sicherheitspolitik Haushalts- und Finanzpolitik Asyl- und Flüchtlingspolitik Renten- und Sozialpolitik Gesundheitspolitik und Pflege Digitalisierung Klimapolitik Schaffung bezahlbaren Wohnraums Wie zufrieden sind Sie mit der Arbeit der Bundesregierung im Politikressort .... % der Gesamtmenge Leistung der Bundesregierung 88 Quelle: infratest dimap, DeutschlandTrend Dez 2019 Vorsicht, zerbrechlich! 38 | 19. Dezember 2019 Ausblick Deutschland erteilten die SPD-Delegierten auf dem Parteitag ihrer neuen Führung das Man- dat, die Arbeit in der Regierung fortzusetzen. Sie forderten sie aber gleichzeitig mit deutlicher Mehrheit auf, die Gespräche mit ihrem Koalitionspartner CDU/CSU über ein Paket von politischen Themen, die sich auf eher linke SPD- Positionen konzentrieren, aufzunehmen. Nach diesen Gesprächen soll der Par- teivorstand unter der neuen Führung entscheiden, ob die Groko ihre gemein- same Regierungsarbeit fortsetzen soll. Die Hauptforderungen des SPD- Parteitags sind das Überdenken der "Schwarzen Null" und der fiskalischen Schuldenbremse, mehr öffentliche Investitionen, eine Erhöhung des Mindest- lohns auf 12 Euro, eine Wiedereinführung der Vermögenssteuer sowie eine Än- derung des von der Groko gerade verabschiedeten Klimapakets. Die ersten Re- aktionen der CDU/CSU-Parteiführung waren sehr ablehnend. Letztlich bestäti- gen die Stimmungslage auf dem SPD-Parteitag sowie die weitere Haltung der CDU/CSU unsere Einschätzung, dass die Koalitionspartner eine Arbeitsgrund- lage für die Fortsetzung der Regierungskoalition finden wollen. Als erster Beleg dafür kann der im Vermittlungsausschuss erreichte Kompromiss zur Änderung des Klimapakets (siehe Abschnitt über die Klimapolitik) gesehen werden. Wir gehen davon aus, dass die zweite Hälfte der Amtszeit dieser Regierungskoali- tion ohne gravierende Veränderungen des politischen Kurses verlaufen wird. Die politische Dynamik lässt sich gleichwohl schwer einschätzen. Damit bleibt das Risiko eines Koalitionsbruchs Anfang nächsten Jahres bestehen, selbst wenn die schwachen Umfragewerte der Koalitionsparteien wenig Anreiz für Neuwahlen bieten dürften. Immerhin hält nach dem jüngsten ZDF- Politbarometer (13. Dez.) mit 69% sogar eine deutliche Mehrheit der SPD- Anhänger es für sinnvoller, in der Regierung zu bleiben, statt in die Opposition zu gehen. Auswirkungen der Koalitionsstreitigkeiten für die deutsche EU-Ratspräsident- schaft im zweiten Halbjahr 2020. Es besteht ein erhebliches Risiko, dass die in- ternen Spannungen zwischen den Koalitionspartnern die Verhandlungs-position der Bundesregierung schwächen, wenn Deutschland in der zweiten Hälfte des nächsten Jahres die Ratspräsidentschaft der EU übernimmt. Ironischerweise steht Kanzlerin Merkel dann vor ähnlichen Herausforderungen wie während ih- rer ersten, erfolgreichen EU-Ratspräsidentschaft im Jahr 2007. Damals gelang es ihr, eine ehrgeizige Vereinbarung zur Klima- und Energiepolitik zu verab- schieden (die für 2020 vereinbarten EU-Ziele wurden allerdings nur teilweise er- reicht) und die Weichen für eine weitere EU-Vertragsreform zu stellen. Diesmal geht es um die Pläne von EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen für einen europäischen Green Deal, der u.a. sehr ehrgeizige Ziele für die Reduzierung von CO 2 -Emissionen vorsieht. Darüber hinaus will von der Leyen bis 2030 rund 3 Billionen Euro in den Klimaschutz investieren, die Hälfte davon soll aus dem EU-Haushalt kommen. Dies wird ohne eine Erhöhung des EU-Haushalts 2021- 2027 von derzeit 1% des BNE auf 1,14% nicht möglich sein – eine Erhöhung, die auf starken Widerstand der Nettozahler einschließlich Deutschland stößt. Angesichts der unterschiedlichen Interessen in der EU-27 ist es sehr wahr- scheinlich, dass eine Einigung erst in letzter Minute Ende 2020 unter deutschem Ratsvorsitz gefunden werden kann, ermöglicht gegebenenfalls mit erheblichen deutschen Zugeständnissen bei der Finanzierung des EU-Budgets. Darüber hinaus stehen auf der Tagesordnung der EU wichtige Themen wie die Zukunft des Handelsmultilateralismus, die künftigen Beziehungen zum Vereinigten Kö- nigreich und die deutsch-französische Initiative zur Einberufung einer Konferenz über die „Zukunft Europas“, die möglicherweise auch institutionelle Veränderun- gen herbeiführen könnte. Vor diesem Hintergrund sind wir nach wie vor der An- sicht, dass trotz des politisch aufgeheizten Klimas weder SPD noch CDU/CSU – geschweige denn die deutschen Wähler – auf die Erfahrung und das Verhand- lungsgeschick von Bundeskanzlerin Merkel verzichten wollen. Barbara Böttcher (+49 69 910-31787, barbara.boettcher@db.com) Kevin Körner (+49 69 910-31718, kevin.koerner@db.com) 27,3 13,5 14,3 8,9 8,1 21,4 6,6 32,9 20,5 12,6 10,7 9,2 8,9 5,2 0 5 10 15 20 25 30 35 CDU/CSU SPD Grüne FDP Linke AfD Sonstige Aktuelle Umfragen* Bundestagswahl 2017 % der Stimmen Aktuelle Stärke der Parteien & Ergebnis der Bundestagswahl 2017 89 Quelle: Wahlrecht.de, 2. Dez. 2019 * Durchschnitt der Ergebnisse jüngster Umfragen führender Meinungsforschungsinstitute (Emnid, Forsa, Infratest dimap, INSA) Vorsicht, zerbrechlich! 39 | 19. Dezember 2019 Ausblick Deutschland Deutsches Klimaschutzpaket: Begrenzte Wirkung in jeglicher Hinsicht Die konjunkturellen und fiskalischen Effekte des deutschen Klimaschutzpaktes dürften 2020 und auch in den Jahren danach im statistischen Unschärfebereich liegen. Das Klimapaket ändert wenig an der grundsätzlichen Ausrichtung der deutschen Fiskalpolitik. Zwar sieht das Klimaschutzprogramm über die nächsten vier Jahre zusätzliche staatliche Ausgaben in Höhe von mehr als EUR 54 Mrd. vor (kumuliert über den Zeitraum 2020 bis 2023). Diese Summe entspricht etwa 1,6% vom BIP des Jahres 2019. Gleichwohl dürfte sich das Programm zum größten Teil selbst finanzieren, da es ebenso zusätzliche Staatseinnahmen vor- sieht. Das Klimapaket besteht aus vier Kernelementen. Es enthält erstens Förderpro- gramme für Klimaschutzmaßnahmen und technologiespezifische Subventionen. Zweitens erfolgt der Einstieg in eine einheitliche Bepreisung der CO 2 -Emis- sionen aus dem Verkehrs- und Gebäudesektor (Wärme). Das dritte Element sieht vor, dass die Einnahmen aus der CO 2 -Bepreisung eingesetzt werden, um entweder die Fördermaßnahmen (z.B. Elektromobilität, Austausch von Hei- zungsanlagen) zu finanzieren oder um den Bürgern eine Kompensation für die höheren Energiekosten aufgrund des CO 2 -Preises zu gewähren. Viertens sieht das Klimapaket regulatorische Maßnahmen vor (Ordnungsrecht), die bis 2030 greifen sollen. Mit der Einführung eines CO 2 -Preises im Verkehrs- und Gebäudesektor soll die Kosteneffizienz der Klimaschutzpolitik erhöht werden. Nach den Ergebnissen des Vermittlungsausschusses wird zunächst mit einem Festpreis von EUR 25 pro Tonne CO 2 gestartet (ab 2021), der bis 2025 auf EUR 55 pro Tonne steigen soll. Damit fallen die Preissignale zunächst jedoch moderat aus: Bei EUR 55 pro Tonne CO 2 verteuert sich ein Liter Benzin oder Diesel um weniger als 15 Cent. Angesichts der recht niedrigen Preiselastizität der Nachfrage bei Kraftstoffen so- wie gewisser Gewöhnungseffekte an höhere Kraftstoffpreise dürfte die Len- kungswirkung recht niedrig ausfallen. 6 Zugleich soll die Pendlerpauschale er- höht und die EEG-Umlage abgesenkt werden. Die Mehrwertsteuer auf Bahnti- cket im Fernverkehr soll zudem sinken. Das Klimapaket ist ein klassischer politischer Kompromiss. Es ist der Versuch, durch nationale Maßnahmen einen Beitrag zum globalen Klimaschutz zu leis- ten, ohne die breite Masse der privaten Haushalte und Unternehmen in Deutschland zu stark zu belasten. Aus heutiger Sicht reichen die vorgeschlage- nen Maßnahmen nicht aus, um das Ziel zu erreichen, die deutschen CO 2 -Emis- sionen bis 2030 um 55% unter das Niveau von 1990 zu senken. Dafür wären höhere CO 2 -Preise und/oder ein strengeres Ordnungsrecht notwendig. Die ge- planten jährlichen Überprüfungen werden zeigen, ob die Politik nachsteuern muss, um ein Verfehlen der Klimaziele zu vermeiden. Allerdings dürften die poli- tischen Ränder erstarken, wenn die finanziellen Belastungen für die privaten Haushalte durch Klimaschutzpolitik zu stark steigen. Die Unsicherheiten über die langfristige Entwicklung der Klima- und Energiepoli- tik bleiben ein Investitionshemmschuh für manche Sektoren in Deutschland. Dies gilt besonders für energieintensive Branchen wie die Metall- oder Chemie- industrie. Hier spielen weniger die absolute Höhe der Strompreise eine Rolle, 6 Im Rahmen der sogenannten Ökosteuer in Deutschland stieg der Steuersatz auf Kraftstoffe von 1999 bis 2003 in fünf Stufen um insgesamt mehr als 15 Cent pro Liter. In der Folge sank tatsäch- lich zunächst der inländische Absatz von Benzin und Diesel, was jedoch primär eine Folge von Tanktourismus sowie des Einsatzes effizienterer Fahrzeuge war; nach einigen Jahren nahm der Kraftstoffabsatz jedoch wieder zu. Die Verkehrsleistung im Motorisierten Individualverkehr stieg dagegen trotz Ökosteuer relativ kontinuierlich. Vorsicht, zerbrechlich! 40 | 19. Dezember 2019 Ausblick Deutschland denn energieintensive Unternehmen profitieren in der Regel von Vergünstigun- gen im Rahmen des EEG oder des EU-Emissionshandels. Vielmehr wird die In- vestitionstätigkeit durch die Unsicherheit gedämpft, wie lange diese Sonderre- gelungen bestehen bleiben. Insgesamt schrumpft der reale Kapitalstock in den energieintensiven Branchen in Deutschland seit Jahren. Eric Heymann (+49 69 910-31730, eric.heymann@db.com) Vorsicht, zerbrechlich! 41 | 19. Dezember 2019 Ausblick Deutschland Eventkalender 2020 Jahreskalender 15. Januar Bruttoinlandsprodukt 2019 plus Pressekonferenz des Statistischen Bundesamts 31. Januar Brexit-Frist: Großbritannien scheidet voraussichtlich aus der EU aus 14. Februar Bruttoinlandsprodukt Q4 2019, Schnellmeldung 23. Februar Wahlen im Stadtstaat Hamburg 25. Februar Bruttoinlandsprodukt Q4 2019, tiefer gegliederte Ergebnisse 15. März Ablauf (und ggf. Verlängerung) aktueller EU-Sanktionen gegenüber Russland 15. Mai Bruttoinlandsprodukt Q1 2020, Schnellmeldung April* Tarifverhandlungsrunden 2020 in der Metall- und Elektroindustrie beginnen: Üblicherweise zwei bis drei Verhandlun gsrunden über zwei Monate 25. Mai Bruttoinlandsprodukt Q1 2020, tiefer gegliederte Ergebnisse Ende Mai/Anfang Juni Veröffentlichung der Baufertigstellungen 2019, Statistisches Bundesamt Mai/Juni* Ausschuss für Finanzstabilität (AFS): Bericht an den Deutschen Bundestag zur Finanzstabilität. Evtl. Vorschläge/Eingriffe in die Hypothekenkreditvergabe mit Auswirkungen auf den Immobilienmarkt 18.-19. Juni Europäischer Rat will Green Deal abschließen 30. Juni Fristablauf für das Vereinigte Königreich zur Beantragung der Verlängerung der Übergangszeit nach dem Ausstieg 1. Juli Deutschland übernimmt EU-Ratspräsidentschaft bis Ende 2020 14. August Bruttoinlandsprodukt Q2 2020, Schnellmeldung 25. August Bruttoinlandsprodukt Q2 2020, tiefer gegliederte Ergebnisse September* Tarifverhandlungsrunden 2020 im Öffentlichen Dienst (Bund und Gemeinden): üblicherweise zwei bis drei Verhandlungsrunden über zwei Monate Herbst* Urteil der Normenkontrollklage zum Berliner Mietendeckel Herbst* Berliner Volksbegehren „Enteignung von Immobilienunternehmen mit mehr als 3.000 Wohnungen“ 3. November US-Präsidentschaftswahlen 13. November Bruttoinlandsprodukt Q3 2020, Schnellmeldung 24. November Bruttoinlandsprodukt Q3 2020, tiefer gegliederte Ergebnisse 10.-11. Dezember Europäischer Rat einigt sich auf einen mehrjährigen Finanzrahmen Anfang/Mitte Januar Bruttoinlandsprodukt 2020 plus Pressekonferenz des Statistischen Bundesamts September* 2021 Bundesta gswahl *voraussichtlich Quelle: Deutsche Bank Research   A usblick Deutschland Unsere Publikationen finden Sie unentgeltlich auf unserer Internetseite www.dbresearch.de Dort können Sie sich auch als regelmäßiger Empfänger unserer Publikationen per E-Mail eintragen. Für die Print-Version wenden Sie sich bitte an: Deutsche Bank Research Marketing 60262 Frankfurt am Main Fax: +49 69 910-31877 E-Mail: marketing.dbr@db.com Schneller via E-Mail: marketing.dbr@db.com  Ausblick 2020: Vorsicht, zerbrechlich! ................... 19. Dezember 2019  Schwache Konjunktur und Groko-Turbulenzen ....... 4. November 2019  Klimapaket: Kein Kurswechsel in der Fiskalpolitik .................... 30. September 2019  Nur eine „technische Rezession“? Die Risiken sind entscheidend! .................................. 20. August 2019  Schwarz-Grün im Bund – schmerzhafte Kompromisse drohen ................................... 8. Juli 2019  Nicht über den Berg, Politik ist keine Hilfe ....................... 17. Mai 2019  Export und Autos bremsen die Konjunktur aus ................ 8. April 2019 © Copyright 2019. Deutsche Bank AG, Deutsche Bank Research, 60262 Frankfurt am Main, Deutschland. Alle Rechte vorbehalten. Bei Zitaten wird um Quellenangabe „Deutsche Bank Research“ gebeten. Die vorstehenden Angaben stellen keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung dar. Alle Meinungsaussagen geben die aktuelle Einschätzung des Ver- fassers wieder, die nicht notwendigerweise der Meinung der Deutsche Bank AG oder ihrer assoziierten Unternehmen entspricht. Alle Meinungen kön- nen ohne vorherige Ankündigung geändert werden. Die Meinungen können von Einschätzungen abweichen, die in anderen von der Deutsche Bank veröffentlichten Dokumenten, einschließlich Research-Veröffentlichungen, vertreten werden. Die vorstehenden Angaben werden nur zu Informations- zwecken und ohne vertragliche oder sonstige Verpflichtung zur Verfügung gestellt. Für die Richtigkeit, Vollständigkeit oder Angemessenheit der vorste- henden Angaben oder Einschätzungen wird keine Gewähr übernommen. In Deutschland wird dieser Bericht von Deutsche Bank AG Frankfurt genehmigt und/oder verbreitet, die über eine Erlaubnis zur Erbringung von Bankge- schäften und Finanzdienstleistungen verfügt und unter der Aufsicht der Europäischen Zentralbank (EZB) und der Bundesanstalt für Finanzdienstleis- tungsaufsicht (BaFin) steht. Im Vereinigten Königreich wird dieser Bericht durch Deutsche Bank AG, Filiale London, Mitglied der London Stock Exchange, genehmigt und/oder verbreitet, die von der UK Prudential Regulation Authority (PRA) zugelassen wurde und der eingeschränkten Aufsicht der Financial Conduct Authority (FCA) (unter der Nummer 150018) sowie der PRA unterliegt. In Hongkong wird dieser Bericht durch Deutsche Bank AG, Hong Kong Branch, in Korea durch Deutsche Securities Korea Co. und in Singapur durch Deutsche Bank AG, Singapore Branch, verbreitet. In Japan wird dieser Bericht durch Deutsche Securities Inc. genehmigt und/oder verbreitet. In Australien sollten Privatkunden eine Kopie der betreffenden Produktinformation (Product Disclosure Statement oder PDS) zu jeglichem in diesem Bericht erwähnten Finanzinstrument beziehen und dieses PDS berücksichtigen, bevor sie eine Anlageentscheidung treffen. Druck: HST Offsetdruck Schadt & Tetzlaff GbR, Dieburg ISSN (Print): 2512-2371; ISSN (Online): 2568-1079
7.4.5