Deutsche Bank Research
Aktueller Kommentar

Blockchain – Angriff ist wahrscheinlich die beste Verteidigung (Fintech #2)

16. Juli 2015

 

Die Blockchain-Technologie wird derzeit in vielen On- und Offlinemedien kontrovers diskutiert. Im Prinzip handelt es sich bei dieser Technologie um ein dezentrales Buchungssystem, welches über Peer to Peer(P2P)-Netzwerke koordiniert werden kann. Aufkommende Eigentums- und Sicherheitsfragen bei den über das Buchungssystem dezentral geleiteten Transaktionen werden ebenfalls über P2P-Mechanismen, also auch ohne zentrale Instanz geregelt. Eigentumsverhältnisse werden durch den digitalen Austausch von kryptographischen Schlüsseln (öffentlich vs. privat) geklärt, während Fälschungen mit Hilfe des kryptographischen „Proof of Work“-Systems weitgehend ausgeschlossen werden können. Somit ermöglicht die Blockchain-Technologie beispielsweise den schnellen und kostengünstigen Transfer von Vermögenswerten und Finanzprodukten zwischen Individuen, die sich weder kennen noch vertrauen, ohne dass ein Intermediär zur Reduzierung vorhandener Informationsasymmetrien dazwischengeschaltet werden muss.

Das wohl bekannteste Anwendungsbeispiel der P2P-Technologie ist die ebenfalls kontrovers diskutierte Kryptowährung „Bitcoin“. Kryptowährungen unterscheiden sich im Übrigen von herkömmlichen Währungen dadurch, dass der Wert der Währung nicht durch einen Gesetzgeber oder eine Institution garantiert wird, sondern durch Vertrauen in die zugrundeliegende Technologie. Die hinter Bitcoin verborgene Blockchain-Technologie hat aber viel mehr zu bieten als nur eine Kryptowährung im Schlepptau. Diskutiert werden zum Beispiel auch standardisierte, vollautomatisierte bzw. programmierbare Verträge, sogenannte Smart Contracts, die über das P2P-Netzwerk abgewickelt werden können – vorbei an Intermediären, Landesgrenzen und derzeit sogar Regulatoren. Dies war zumindest die ursprüngliche Idee des mysteriösen Programmierers Satoshi Nakamoto, der 2009 auch die erste Bitcoin-Transaktion in das P2P-Netzwerk geleitet hat, die dank der protokollierten Historie der gesamten Transaktionsketten immer noch verifizierbar ist.

Die Blockchain-Technologie ist eine der ersten wirklich disruptiven Ideen aus dem Fintech-Bereich. Denn in der reinen Blockchain-Theorie werden nicht nur einzelne Geschäftsbereiche traditioneller Banken künftig überflüssig, sondern es könnte zu einem echten Paradigmenwechsel im vorherrschenden Finanzsystem kommen, weil viele intermediäre Dienste durch ein P2P-Netzwerk ersetzt werden könnten.

Es überrascht daher wenig, dass sich traditionelle Banken und andere Akteure aus dem Finanzsektor jetzt zunehmend für diese neue Technologie interessieren. So haben einige Finanzinstitute bereits sogenannte Innovationslabore ins Leben gerufen, die sich ausschließlich mit der Technologie rund um die Blockchain beschäftigen. Aber auch Börsen, Kreditkartenfirmen, Clearinghäuser und Versicherer widmen sich vermehrt der Technologie und analysieren das Potenzial der P2P-Bewegung für ihre eigenen Zwecke. Das mag daran liegen, dass sich etablierte Intermediäre ein Bild machen wollen, ob die Blockchain für sie wirklich existenzbedrohend ist oder letztlich sogar viele Chancen bietet, jetzt im digitalen Zeitalter neue, eigene Technologien zu implementieren, die das traditionelle Transaktionsbanking digitaler, effizienter und vor allem schneller machen. Finanzdienste und -produkte, die künftig in nahezu Echtzeit global angeboten werden können, bei gleichzeitiger Kostensenkung könnten die traditionellen Banken im Wettbewerb um Finanzinnovationen wieder nach vorne katapultieren.

Für traditionelle Banken geht es jetzt also vor allem darum, diese neuen technologischen Herausforderungen zeitnah zu analysieren und mögliche (Kollaborations-)Strategien zu entwickeln, um im Innovationswettbewerb wieder eine aktivere Rolle einzunehmen. Ein Resultat der geplanten Potenzialanalysen könnte sein, dass Finanzinstitute versuchen, ihre Geschäftsmodelle dadurch zu verteidigen, dass sie Teile der Blockchain-Technologie für ihre eigenen Zwecke und in ihre eigene IT-Umgebung implementieren, natürlich ohne den Peer-to-Peer-Aspekt.

So wäre es durchaus denkbar, dass Banken beispielsweise untereinander ein neues digitales Buchungs- und Abwicklungssystem aufbauen, um ihren Kunden bei deren Transaktionen die Vorteile der Blockchain, wie Schnelligkeit, Effizienz, Internationalität und Kosteneinsparungen anbieten zu können. Da sich Banken untereinander höchstwahrscheinlich mehr Vertrauen schenken, als die anonymen Peers, wäre ein neues, modernes Clearingsystem wahrscheinlich sogar noch kostengünstiger und effizienter als die Blockchain, weil der energiehungrige „Proof of Work-Prozess“ (das „Mining“ bei Bitcoin) wegfallen würde. Zudem können Banken ihr System für weniger technologieaffine Kunden nutzerfreundlicher gestalten und mit zusätzlichen personenbezogenen Finanzdiensten anreichern, was die Blockchain so nicht leisten kann. Mit einer eigenen, neuen, digitalen IT-Infrastruktur ist es also durchaus denkbar, dass sich Banken bezüglich der Blockchain-Technologie relativ gut positionieren könnten. Zudem wäre auch denkbar, dass Banken im Zeitalter von Blockchain zusätzlich neue Aufgaben übernehmen – z.B. als Verwahrer kryptographischer Schlüssel. Solche Tätigkeiten würden zwar im Vergleich zu heutigen Geschäftsmodellen wohl nur wenig Umsatz generieren, aber der Kunde könnte mit diesem Zusatzdienst länger auf der eigenen Finanzplattform gehalten werden für weitere Monetarisierungsoptionen. Hierfür müssten traditionelle Banken ihren Vertrauensjoker, den sie (noch) haben, weitaus besser ausspielen, als das bisher der Fall war.

Derzeit steckt die Blockchain-Technologie noch in den Kinderschuhen. Dementsprechend bleibt den Banken und anderen Intermediären noch Zeit, die neuen technologischen Herausforderungen zu analysieren. Die daraus resultierenden Impulse müssten dann allerdings zeitnah in die jeweiligen Infrastrukturumgebungen transformiert werden. Am Ende des Tages spielt natürlich auch die politische Komponente eine wesentliche Rolle. Denn ein offenes P2P-Finanzsystem, wie es die reine Blockchain-Theorie vorsieht, wird auch Regulatoren, Gesetzgebern und nicht zuletzt die Polizei oder sonstige ermittelnde Behörden (Steuer, Staatsanwaltschaft, etc.) vor neue Herausforderungen stellen. Hier wird es also künftig viel Diskussionsbedarf geben und sicherlich die einen oder anderen massiven Gegenstimmen. Eine bisher nicht vorhandene regulatorische Einschränkung der P2P-Mechanismen im Finanzsystem könnte die Technologie zunächst ausbremsen. Traditionelle Banken sollten jetzt allerdings nicht auf den Regulator setzen, sondern aktiv mit den neuen Technologien in ihren Labs experimentieren und unvoreingenommen kollaborieren, um mittelfristig ihr eigenes digitales Finanzökosystem zu schaffen.

Hier finden Sie weitere Kommentare aus der Fintech-Reihe:

Fintech #5
Fintech #4
Fintech #3
Fintech #1

 

 

 

Zu den Chancen und Risiken von „Big Data“ geht’s hier.
Lesen Sie hier, was hinter der Fintech-Bewegung steckt.
Fintech reloaded beschreibt eine Strategie, wie sich traditionelle Banken zu einer digitalen Plattform wandeln sollten

 

Audio version

 

 

 

 

Ihre Meinung ist uns wichtig!

Wie bewerten Sie diesen Kommentar?

 sehr gut     gut      befriedigend      ausreichend      mangelhaft

Haben Sie weitere Anmerkungen oder Kommentare?

E-Mail (optional)

 

   

© Copyright 2016. Deutsche Bank AG, Deutsche Bank Research, 60262 Frankfurt am Main, Deutschland. Alle Rechte vorbehalten. Bei Zitaten wird um Quellenangabe „Deutsche Bank Research“ gebeten.

Die vorstehenden Angaben stellen keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung dar. Alle Meinungsaussagen geben die aktuelle Einschätzung des Verfassers wieder, die nicht notwendigerweise der Meinung der Deutsche Bank AG oder ihrer assoziierten Unternehmen entspricht. Alle Meinungen können ohne vorherige Ankündigung geändert werden. Die Meinungen können von Einschätzungen abweichen, die in anderen von der Deutsche Bank veröffentlichten Dokumenten, einschließlich Research-Veröffentlichungen, vertreten werden. Die vorstehenden Angaben werden nur zu Informations-zwecken und ohne vertragliche oder sonstige Verpflichtung zur Verfügung gestellt. Für die Richtigkeit, Vollständigkeit oder Angemessenheit der vorste-henden Angaben oder Einschätzungen wird keine Gewähr übernommen.

In Deutschland wird dieser Bericht von Deutsche Bank AG Frankfurt genehmigt und/oder verbreitet, die über eine Erlaubnis zur Erbringung von Bank-geschäften und Finanzdienstleistungen verfügt und unter der Aufsicht der Europäischen Zentralbank (EZB) und der Bundesanstalt für Finanzdienstlei-stungsaufsicht (BaFin) steht. Im Vereinigten Königreich wird dieser Bericht durch Deutsche Bank AG, Filiale London, Mitglied der London Stock Ex-change, genehmigt und/oder verbreitet, die von der UK Prudential Regulation Authority (PRA) zugelassen wurde und der eingeschränkten Aufsicht der Financial Conduct Authority (FCA) (unter der Nummer 150018) sowie der PRA unterliegt. In Hongkong wird dieser Bericht durch Deutsche Bank AG, Hong Kong Branch, in Korea durch Deutsche Securities Korea Co. und in Singapur durch Deutsche Bank AG, Singapore Branch, verbreitet. In Japan wird dieser Bericht durch Deutsche Securities Inc. genehmigt und/oder verbreitet. In Australien sollten Privatkunden eine Kopie der betreffenden Produktinformation (Product Disclosure Statement oder PDS) zu jeglichem in diesem Bericht erwähnten Finanzinstrument beziehen und dieses PDS berücksichtigen, bevor sie eine Anlageentscheidung treffen.

 

Deutschland im Blick
 
 
Interaktive Landkarten
Copyright © 2016 Deutsche Bank AG, Frankfurt am Main