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Deutschland auf dem Weg zur Gerontokratie?

26. März 2014

 

Diese Frage drängt sich derzeit beim Blick auf die kostspieligen rentenpolitischen Pläne der schwarz-roten Bundesregierung auf. Während viele Rentnerinnen und die rentennahen Jahrgänge von Mütterrente, Rente mit 63 und anderen Mehrleistungen profitieren, muss vor allem die jüngere Generation die Zeche für die Wohltaten bezahlen, die sich bis 2030 auf insgesamt EUR 230 Mrd. belaufen werden.

Tatsächlich deuten Indizien darauf hin, dass der politische Einfluss älterer Bürger zunimmt. So ist der Anteil der Personen im Alter von 60 und darüber an den Wahlberechtigten seit 2002 von 32% auf 34,4% gestiegen. Dieser aus der Demografie resultierende Trend wird sich fortsetzen. Zudem weist die stark besetzte Gruppe der 60- bis 70-Jährigen traditionell die höchste Wahlbeteiligung auf. Bei der letzten Bundestagswahl gaben 79,5% der Kohorte ihre Stimme ab. Dieser Wert übersteigt die durchschnittliche Wahlbeteiligung um 7,6 Prozentpunkte. Auch die über 70-Jährigen beteiligten sich zumindest bei den letzten drei Bundestagswahlen überdurchschnittlich. Im Ergebnis ist der Anteil der 60+ an den Wählern seit 2002 von 33,2 % auf 35,9% im vergangenen Jahr gestiegen.

Die älteren Wähler neigen zu den großen Parteien. Das zeigt die amtliche repräsentative Wahlstatistik. 2013 haben demnach fast 77% der 60+ CDU/CSU oder SPD gewählt. Das waren 9,6 Prozentpunkte mehr als die drei Parteien zusammen im Durchschnitt erzielten. 2002 entschieden sich indes noch 84,5% der Älteren für eine der Volksparteien, verglichen mit 77% aller Wähler. Offenkundig ist selbst die Parteientreue der älteren Wähler begrenzt.

aWie stark umgekehrt die drei genannten Parteien von der Zustimmung der Älteren abhängen, belegt  die Tatsache, dass bei der jüngsten Bundestagwahl jeweils über 40% ihrer Wähler dieser Altersgruppe entstammten. Noch 2002 und 2005 waren es bei der SPD erst knapp 33% und bei der CSU 36% bzw. 38%.

Ein weiteres starkes Indiz für wachsenden Einfluss der 60+ liefert die Altersstruktur der Parteien. Bei CDU und SPD stellen die Älteren inzwischen die Mehrheit der Mitglieder und in der CSU dürfte dies in wenigen Jahren der Fall sein. Vor 20 Jahren betrug der entsprechende Anteil bei der CDU hingegen nur ein Drittel und bei der SPD sogar kaum mehr als ein Viertel. Das reflektiert auch die Probleme der Parteien, neue (jüngere) Mitglieder zu akquirieren.

Wäre politische Entscheidungsfindung tatsächlich generell so eindimensional wie eingangs unterstellt und nicht auch in der Lage, Interessen von Minderheiten, also insbesondere auch der jüngeren Wähler, zu berücksichtigen, müsste man sich sehr ernsthaft um Deutschlands Reformfähigkeit sorgen. Freilich sollten auch die Älteren daran interessiert sein, dass Institutionen flexibel bleiben und der Sozialstaat weder die Wirtschaft noch die Jüngeren überfordert.

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