Deutsche Bank Research
Aktueller Kommentar
Jugendarbeitslosigkeit betrifft nicht nur die „Jugend“

3. Februar 2014

 

Nach zwei Rezessionsjahren in der Eurozone können Griechenland, Italien, Portugal und Spanien 2014 wieder ein positives BIP-Wachstum erwarten, wenn auch voraussichtlich weniger als 1%. Parallel dazu scheint sich die Entwicklung am Arbeitsmarkt zumindest nicht mehr weiter zu verschärfen. Alarmierend bleiben allerdings die hohe Jugendarbeitslosigkeit und – wenn auch in der öffentlichen Wahrnehmung weniger beachtet – die oft ebenso prekäre Beschäftigungssituation der 25-35-Jährigen in den Krisenländern.

Die durchschnittliche Arbeitslosenquote in der Eurozone, die 2008 noch bei 7,6% lag und Mitte 2013 die 12%-Marke überschritt, hat sich seitdem auf hohem Niveau stabilisiert. In Irland ist sie allerdings bereits im letzten Jahr wieder leicht zurückgegangen und auch Spanien und Griechenland, die den stärksten Anstieg zu verzeichnen hatten, scheinen inzwischen den Wendepunkt erreicht zu haben. Woanders ist das bisher weniger klar. François Hollande konnte sein Versprechen nicht halten, den Anstieg der Arbeitslosigkeit bis Ende 2013 zu stoppen, und in Italien ist die Quote der Erwerbslosen auch nach dem Ende der quälend langen Phase der politischen Instabilität und Reforminaktivität seit der letzten Wahl bis zuletzt weiter gestiegen.

Generell lautet die gute Nachricht aber, dass die Arbeitslosigkeit in der Eurozone wohl nicht mehr merklich zunehmen wird. Die schlechte ist, dass sie nur sehr zögerlich sinken wird. Da die Schwelle für den Aufbau von Beschäftigung bei ca. 1,5% liegen dürfte, wird selbst 2015 das BIP-Wachstum in der Eurozone (Deutsche Bank Research und der IWF erwarten 1,4%, die EU-Kommission 1,7%) bei Weitem nicht ausreichen, um für nennenswerte Entspannung auf dem Arbeitsmarkt zu sorgen. So geht die jüngste Prognose der EU-Kommission auch für 2015 noch von einer durchschnittlichen Erwerbslosenquote von 11,8% aus.

aAuf die Frage, wer am stärksten unter der Krise in den Peripherieländern zu leiden hat, gibt es eine eindeutige Antwort: Es sind vor allem die jüngeren Arbeitnehmer, insbesondere jene mit geringer Arbeitsmarkterfahrung und unterdurchschnittlichem Bildungsniveau. Dass die Arbeitslosigkeit unter den Jüngeren in Rezessionen überproportional stark ansteigt, ist kein neues Phänomen – dafür sinkt sie bei einer Besserung der wirtschaftlichen Lage auch wieder deutlich schneller. Allerdings sind Jugendarbeitslosenquoten von über 50% in Griechenland und Spanien, und von ca. 40% in Portugal und Italien, natürlich besorgniserregend und haben sich zu einem politisch symbolischen Thema entwickelt. Die offiziell angegebene Jugendarbeitslosenquote, die sich auf die Gruppe der 15-24-Jährigen bezieht, ist aber aus mehreren Gründen nur bedingt mit jener für andere Altersgruppen vergleichbar. Schließlich befindet sich die Mehrheit der unter 25-Jährigen noch in Schul- und Ausbildung oder im Studium, und es sind vor allem die Geringqualifizierten, die früh auf den Arbeitsmarkt drängen.

Auch Eurostat gibt an, dass die Jugendarbeitslosenquote aus methodischen Gründen überzeichnet wird. Daher ist es sinnvoll, zusätzlich das „Spiegelbild“ der Arbeitslosenquote zu betrachten, nämlich die Entwicklung der Beschäftigtenquote. Bezüglich der unter 25-Jährigen ergibt sich dabei qualitativ ein durchaus ähnliches Bild. Auffallend ist aber, dass auch die jüngeren Kohorten der Kernarbeitsmarktpopulation – also die 25-35-Jährigen – sehr starke Einbrüche bei der Erwerbsquote zu verzeichnen hatten. Dies dürfte individuell mindestens so schwerwiegend sein wie eine hohe Jugendarbeitslosigkeit, denn die 30-Jährigen können längere Abschnitte in Arbeitslosigkeit zumeist nicht mehr ohne Weiteres sinnvoll an der Uni oder mit einer weiterqualifizierenden Ausbildung überbrücken. Im Gegensatz zu den Jugendlichen haben sie außerdem nicht selten bereits substanzielle finanzielle Verpflichtungen, z.B. durch den Kauf einer Immobilie oder die Gründung einer Familie, die bei lang anhaltender Arbeitslosigkeit kaum zu bedienen sind. Das Dilemma dieser Generation schlägt sich auch in den zuletzt wieder gesunkenen Geburtenraten in Spanien, Italien und Griechenland nieder. Wer möchte ohne Aussicht auf einen stabilen Job schon an Familienplanung denken?

aEin Phänomen, das in engem Zusammenhang damit steht, ist die starke Zunahme bei der Langzeitarbeitslosigkeit unter den Jüngeren. Obwohl viele Berufsanfänger in der Euro-Peripherie auch vor der Krise ihren Einstieg oft nur über temporäre Verträge schafften, war der Anteil derjenigen, die länger als 12 Monate ohne Beschäftigung blieben, bei den 20-35-Jährigen zumeist weitaus niedriger als bei älteren Arbeitnehmern. Seit Ausbruch der Krise ist der Anteil der Langzeitarbeitslosen aber insbesondere bei den unter 35-Jährigen massiv angestiegen. Bei guter Wirtschaftslage finden zwar die Mittel- bis Hochqualifizierten in dieser Altersgruppe im Normalfall relativ schnell wieder eine neue Beschäftigung. Angesichts der allgemein hohen Arbeitslosigkeit in den Krisenländern ist es momentan allerdings auch für diejenigen mit guter Qualifikation ausgesprochen schwer, vor Ort einen adäquaten Job zu finden. Interessant ist hierbei, dass Bildung das Risiko von Arbeitslosigkeit zwar in Irland und Spanien deutlich senkt, aber in Griechenland, Italien oder Portugal keinen großen Einfluss hat.

Anfang der 90er Jahre war Spanien infolge einer schweren Rezession schon einmal mit einer Arbeitslosenquote von über 20% konfrontiert und es dauerte mehr als eine Dekade, um diese wieder unter 10% zu drücken. Man sollte sich daher nicht der Illusion hingeben, dass es in Spanien, Griechenland oder Portugal dieses Mal wesentlicher schneller gehen wird. Neben einer stärkeren Berücksichtigung möglicher Beschäftigungseffekte bei fiskalischen Konsolidierungsanstrengungen sind daher weitergehende strukturelle Reformen nötig. Ein wesentlicher Grund für die ungleichen Chancen von jüngeren und älteren Arbeitnehmern ist die Dualität zwischen stark geschützten dauerhaften Beschäftigungsverhältnissen und kaum geschützten temporären Verträgen. Die hohe Protektion permanenter Verträge führte vor allem dazu, dass Unternehmen in der Krise zwangsläufig zunächst die temporären Arbeitsverhältnisse beendeten, was überwiegend die Jüngeren traf. Die meisten Krisenländer haben begonnen, die extremen Unterschiede zu verringern, wodurch Unternehmen einen größeren Anreiz haben werden, mehr permanente Stellen anzubieten. Auf der anderen Seite ist auch eine Stärkung der Arbeitsanreize nötig, z.B. durch eine Reduzierung der marginalen steuerlichen Belastung von Arbeitseinkommen, um mittelfristig die Beschäftigungsquote von Frauen und älteren Arbeitnehmern zu erhöhen. Angesichts des im europäischen Vergleich sehr hohen Anteils an geringqualifizierten Schulabgängern in Spanien, Portugal und Italien sind aber auch Investitionen in Humankapital und eine Aufwertung von Ausbildungsangeboten dringend geboten.

Schlussendlich erfordert die gegenwärtige Situation aber auch krisenspezifische Aktivierungs- und Beschäftigungsmaßnahmen. Das ist auch die Intention der von der EU-Kommission angestrebten „Beschäftigungsgarantie“ für unter 25-Jährige. Zwar wird sich eine „Garantie“ nicht umsetzen lassen, aber die damit verbundenen Finanzhilfen wurden von den Krisenländern unter anderem dazu verwendet, um Anreize für die Einstellung jüngerer Arbeitsloser zu setzen, z.B. in Form reduzierter Sozialabgaben für Unternehmen. Eine Beschränkung unterstützender Maßnahmen auf die unter 25-Jährigen erscheint angesichts des hohen Beschäftigungsrückgangs bei den 25-35-Jährigen allerdings nicht gerechtfertigt. Gerade für die Mitglieder dieser Altersgruppe, die zumeist schon über einige Jahre an Arbeitsmarkterfahrung verfügen, ist es wichtig, nicht in Langzeitarbeitslosigkeit abzugleiten. Um dies zu verhindern, sind beispielsweise Mobilitätshilfen zur grenzüberschreitenden Jobsuche denkbar, aber auch die Schaffung von zeitlich begrenzten Stellen in Sektoren wie Bildung und Gesundheit.

Siehe auch:
Who is Europe's "lost generation"? An anatomy of (un)employment demographics in Europe
 

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