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Aktueller Kommentar
Nahrungsmittelpreise erneut höher - jedoch noch keine globale Krise erwartet

28. August 2012

 

Nach einem drastischen Anstieg im Juni/Juli waren die Preise für Mais, Weizen und Sojabohnen in den letzten Wochen allerdings wieder leicht rückläufig. Der Preisindex für Getreide der FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen) stieg im Juli um 17% auf 260 Punkte; dies lag nur knapp unter dem Rekordstand von 274 Punkten vom Frühjahr 2008 (die Preisspitze im April 2011 betrug 265 Punkte). Der Nahrungsmittelpreisindex insgesamt kletterte im Juli um 6% auf 213 Punkte, was allerdings noch weit von der Preisspitze vom Februar 2011 (238 Punkte) entfernt ist.

Historische Dürre in den USA und schlechte Ernte am Schwarzen Meer

aDer Anstieg des Nahrungsmittelpreisindex ist primär auf steigende Getreidepreise zurückzuführen. Durch die akute Trockenheit in den USA, dem weltgrößten Getreideproduzenten und -exporteur sind die Ernteaussichten für Mais und Soja deutlich verschlechtert. Die Maisernte in den USA wird Schätzungen zufolge im laufenden Jahr mit einem Rückgang um 13% das schlechteste Ergebnis seit 1995 darstellen (ca. 273 Mio. Tonnen gegenüber den ursprünglich erwarteten 375 Mio. Tonnen; diese Schätzung basierte auf der Tatsache, dass die 2012 bepflanzte Fläche die größte seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1937 ist). Auch die Sojapreise haben Rekordstände erreicht. Durch den Anstieg der Maispreise hat sich auch der Preis für Weizen erhöht, da letzterer im Tierfutterbereich als Ersatz für Mais eingesetzt werden kann. Ein weiterer Einflussfaktor ist die Dürre in der Schwarzmeerregion, die die Weizenernte in Russland (nach den USA der zweitgrößte Weizenexporteur) sowie der Ukraine und Kasachstan bedroht. Die russische Weizenernte wird derzeit auf 41 Mio. Tonnen veranschlagt; dies sind 10% weniger als bislang erwartet und noch geringer als die nach der letzten ernstlichen Trockenperiode im Jahr 2010 erzielten Volumen. Obwohl offiziell das Gegenteil behauptet wird, kann es in der Folge zu Exportbeschränkungen kommen. Auch die Fleischpreise dürften letztlich steigen (laut US-Landwirtschaftsministerium USDA um 5%); dies wird aber nicht vor dem kommenden Jahr erwartet, da die Landwirte jetzt gezwungen sind, ihr Vieh unter Zeitdruck zu verkaufen, um prohibitive Futtermittelkosten zu vermeiden - so dass das Angebot zunächst steigt.

Bislang keine globale Krise

Obwohl die Situation Anlass zur Besorgnis gibt und für die nächsten Monate ein Preisanstieg bei Nahrungsmitteln zu erwarten ist, ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine weit verbreitete Lebensmittelkrise abzusehen. Positiv ist dabei zu vermerken, dass bislang die Preise für Reis nicht in die Höhe getrieben wurden - obwohl auch in Indien mangelnde Niederschläge ein Problem darstellen könnten. Der Monsun-Regen ist im Schnitt 14% weniger ergiebig ausgefallen, was in einem Land, in dem 55% der agrarischen Flächen nicht bewässert werden, zu Ausfällen bei Getreide und Hülsenfrüchten führen kann. Zudem ist der hohe Rohölpreis leicht rückläufig (nach einem drastischen Anstieg in den Jahren 2007/2008). Auch hinsichtlich der zugrunde liegenden Inflationsrate haben sich die Bedenken aufgrund des gegenwärtigen weltwirtschaftlichen Umfelds abgeschwächt. Die Nachfrage dürfte sowohl in Reaktion auf die hohen Preise als auch infolge der verlangsamten Konjunktur nachlassen. Auch wird die Diskussion über Biokraftstoffe derzeit intensiver geführt: 40% der US-amerikanischen Getreideernte wird zur Herstellung von Ethanol anstatt als Lebensmittel oder Tierfutter verwendet.

Mehr Preisspitzen für die Zukunft zu erwarten

In den letzten Jahren sind die Lebensmittelpreise stetig angestiegen und weitere Preisspitzen sind zu erwarten. Tatsächlich ist die Angebots- und Nachfragesituation angespannt und die Bestände an Nahrungsmitteln sind niedrig. Die globalen Lagerbestände könnten bei Mais und Weizen langjährige Tiefststände erreichen. Die Häufigkeit, Intensität und Dauer extremer Wetterereignisse, so insbesondere von Dürreperioden, dürfte zunehmen.  Preisvolatilität dürfte ein dauerhaftes Thema bleiben.

Einige profitieren von der Situation; am stärksten betroffen sind jedoch die Armen

Von den hohen Lebensmittelpreisen könnten einige Landwirte profitieren, wie z.B. die Produzenten von Mais in den USA, die wie im sogenannten Northern Corn Belt nur in geringerem Maße von der Trockenheit betroffen waren. Geringere Verluste dürften Landwirte verzeichnen, die einen Versicherungsschutz genießen, und insbesondere diejenigen, deren Versicherung Ernteausfälle aufgrund von Dürre zu Marktpreisen ersetzt. In der Viehzucht werden die Ernteausfälle in Form von hohen Futtermittelpreisen spürbar sein.

aDie Verbraucher sind durch höhere Lebensmittelpreise betroffen, selbst wenn ein starker Anstieg der Rohstoffpreise nur begrenzte Auswirkungen auf die Preise für Endprodukte hat. In entwickelten Volkswirtschaften, wo in höherem Maße verarbeitete Lebensmittel konsumiert werden, machen die Rohstoffe - im Gegensatz zu den Kosten für Arbeitskräfte, Verarbeitung, Transport und Distribution - häufig nur einen kleinen Teil der Kosten für verarbeitete Lebensmittel aus. Die Erfahrung zeigt, dass ein Anstieg der Rohstoffpreise um 50% die Einzelhandelspreise letztlich nur um wenige Prozentpunkte erhöht.

In Entwicklungsländern wird die Übertragung von Schocks am Weltmarkt auf die inländischen Märkte häufig durch administrierte Preise oder ein kontrolliertes Handelsumfeld begrenzt; zudem kommt es zu einer zeitlichen Verzögerung. Allerdings gilt es zu beachten, dass die arme Bevölkerung einen Großteil ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben muss (laut der Asian Development Bank 62% für das ärmste Quintil in Indien gegenüber durchschnittlich 10-15% in Industrieländern). Selbst Landwirte in Entwicklungsländern profitieren häufig nicht von höheren Nahrungsmittelpreisen, da diese Kleinbauern in der Regel Nettonahrungsmittelkäufer sind. Ein proportionaler Anstieg der Preise für Agrarrohstoffe führt ebenfalls zu höheren Kosten, die diese nur schwer aufbringen können.

Auch die Verbraucher in den Städten sind betroffen. Die Lebensmittelkrisen der Jahre 2007/2008 sowie 2010/2011 führten zu sozialen Unruhen, insbesondere in Nordafrika und dem Mittleren Osten. Für eine Wiederholung dieser Ereignisse ist es zu früh, aber eine globale Preisspitze bei Lebensmitteln könnte in einer Region, in der sich junge Regierungen noch etablieren müssen, und langjährige Regime an ihrer Macht festhalten, weitere politische Unruhen auslösen. Generell sind ärmere Länder stärker von einer sich verlangsamenden Weltkonjunktur, der Krise im Euro-Währungsraum und höherer Arbeitslosigkeit betroffen. Dies dürfte ihren Spielraum im Umgang mit höheren Preisen für Lebensmittelimporte beschränken.

Vielfältige Reaktionen von Seiten der Regierungen, der Wirtschaft und der Konsumenten

Mögliche Reaktionen auf eine angespannte Angebots- und Nachfragesituation beinhalten sowohl die Bereitschaft zur Notfallintervention als auch längerfristige Initiativen zu Stärkung der Agrarproduktion. Entscheidend sind dabei Produktivitätssteigerungen sowie der Marktzugang für die 500 Millionen Kleinbauern - einschließlich Partnerschaften mit Agarunternehmen. Ebenfalls von großer Bedeutung ist die nachhaltige Nutzung der Ressourcen Wasser und Land - unter Einsatz vernünftiger Anreize wie einer angemessenen Preisgestaltung für Wasser, Zahlungen für Umweltdienstleistungen (einschließlich Wasser- und Bodenqualität sowie Biodiversität) und klarer Landbesitzverhältnisse. Angesichts der Tatsache, dass laut FAO ca. ein Drittel der produzierten Nahrungsmittel niemals auf einem Teller landet, stellt auch die Reduzierung von Nahrungsmittelverlusten einen Teil der Lösung dar. Auch eine Änderung von Ernährungsgewohnheiten hin zu nachhaltigerem Konsum kann hier einen Beitrag leisten.

Siehe auch:

Steigende Lebensmittelpreise - strukturell oder temporär? Kurzfristige Einflussfaktoren, Trends und Implikationen

Der Agrarsektor und der Hunger – Ungesicherte Nahrungsmittelversorgung treibt Kooperationsmodelle voran

Lebensmittelpreise: Anstieg des Lebensmittelpreisindexes im 1. Quartal, Weizen und Reis jedoch unter Abwärtsdruck

Minderung des Klimawandels durch Landwirtschaft: Ein ungenutztes Potenzial

Lebensmittel - Eine Welt voller Spannung

 

 

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