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Aktueller Kommentar
Deutschland – das China Europas?

4. Juli 2011

 


Seit 2009 ist China Exportweltmeister. Es hat damit Deutschland abgelöst, das fünfmal in Folge diesen Titel innehatte. In 2010 fiel der deutsche Leistungsbilanzüberschuss im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (5,6%) dennoch höher als der chinesische aus (5,2%). Beide Länder werden häufig genannt, wenn es um die Mitverantwortung der Überschussländer für die globalen Ungleichgewichte geht. Während für Deutschland eine anämische Binnennachfrage als eine wichtige Ursache der steigenden Leistungsbilanzüberschüsse ausgemacht wird, steht im Falle Chinas, wo der private Konsum und Investitionen in den letzte Jahren meist mit zweistelligen Raten gewachsen sind, die unterbewertete Währung im Zentrum der Kritik.

In mehreren Analysen* haben wir verschiedene Aspekte der deutschen Binnennachfrage untersucht. Unser Ergebnis: Die Schwächeperiode 2002 bis 2006, in der die Binnennachfrage nur um 0,2% p.a. zunahm, wurde durch Reformen im Sozialsystem sowie erhebliche Restrukturierungen in der privaten Wirtschaft verursacht. Im Sozialsystem war dies neben den Hartzreformen insbesondere eine Neuorientierung der Politik der Gewerkschaften, die die Beschäftigungssicherung in den Mittelpunkt stellte. Im Bereich der Unternehmen stand nach dem vereinigungsbedingten Anstieg der Lohnstückkosten und den Fehlinvestitionen während des New Economy Booms eine massive Konsolidierungen der Bilanzen und der Geschäftsfelder an. Gleichzeitig wurden Wertschöpfungsstrukturen – nicht nur bei Großunternehmen – konsequent globalisiert, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit weiter zu steigern.

Diese Maßnahmen haben dazu geführt, dass in den Jahren 2002 bis 2007 die verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte deutlich schwächer als die Produktivität gestiegen sind. Gleichzeitig waren die Unternehmen bei Investitionen im Inland sehr zurückhaltend.  Eine Veränderung deutet sich bereits vor dem Ausbruch der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise an. Da in Deutschland keine kreditfinanzierten Immobilien- und Konsumblasen entstanden sind, ergab sich auch nach Ausbruch der Krise kein mit den Anpassungsprozessen in anderen Ländern vergleichbarer Druck zur Bilanzkonsolidierung. Dies, eine geschickte Wirtschaftspolitik und die durch die beschriebenen strukturellen Veränderungen der letzten Dekade erhöhte Flexibilität der Unternehmen und Tarifpartner erklärt, warum der Arbeitsmarkt so gut durch die Krise gekommen ist und sich weiterhin prächtig entwickelt. Damit dürften in Zukunft die verfügbaren Einkommen auch wieder im Rahmen der Produktivitätszuwächse steigen und der deutsche Wachstumsmix ausgeglichener werden.

 

*“Deutsche Privathaushalte: Gute Sparer, schlechte Anleger, Aktuelle Themen 518,

„Ist etwas faul in der deutschen Binnenkonjunktur“, Aktuelle Themen Nr. 502

„Deutschland: Nur moderater Rückgang des Leistungsbilanzüberschusses“, Aktuelle Themen 492

 

Siehe: Präsentation: Deutschland – das China Europas?

 

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