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Wahlkampf im Web 2.0: politische Diskussion vermisst

17. September 2009

nicht löschen!!

Der Bundestagswahlkampf 2009 findet auch im Web 2.0 statt: viele Kandidaten bloggen, twittern und stellen Videobotschaften ins Internet. Vorbild ist der Internet-Wahlkampf des US-Präsidenten Obama. In der Tat wächst das Netzwerk der Bürger, die Politiker im Internet unterstützen. In den politischen Diskurs mit den Kandidaten ist das Wahlvolk allerdings noch nicht eingetreten.

Für viele ist Barack Obama der erste „Internet-Präsident“. Wenn dies auch übertrieben scheinen mag, so hat der US-Präsident es doch zumindest vermocht, im Wahlkampf die Mechanismen des Web 2.0 zu seinen Gunsten zu nutzen. Er ist der erste Präsidentschaftskandidat gewesen, der durch das Internet maßgeblich Anhänger gewonnen hat. Seine Befürworter schlossen sich im Internet zu Gruppen zusammen und warben aktiv für den Kandidaten. Mikro-Spenden und von Anhängern gedrehte Wahl-Videos, die sie auf YouTube einstellten, spielten für die wachsende Popularität des heutigen Präsidenten eine wichtige Rolle. Auch wenn klar ist, dass der US-amerikanische Präsidentschaftswahlkampf und der laufende Bundestagswahlkampf sich deutlich unterscheiden, so liegt die Frage nahe: Können die Spitzenkandidaten der Parteien auch im Bundestagswahlkampf Anhänger durch das Web 2.0 mobilisieren?

Klar ist: das Internet ist auch für die politische Kommunikation ein attraktives Medium (s. dazu auch die Aktuelle Grafik „Wahlkampf in der digitalen Welt“). Für die junge Generation (bis 30 Jahre) ist die Nutzung des Internets eine Selbstverständlichkeit. Die Menschen, die das Rentenalter noch nicht erreicht haben, sind immerhin zu fast zwei Dritteln regelmäßig im Netz. Hand in Hand mit dem steigenden Zeitbudget, das Menschen für das Internet aufwenden, ist die inhaltliche Bedeutung des Mediums gestiegen: 62% der befragten Internetnutzer der ARD/ZDF-Online Studie 2008 gaben an, dass das Internet ihr täglicher Begleiter für „alle möglichen Fragen und Themen sei“. Insofern ist die breite Internetpräsenz der Kandidaten und ihrer Parteien eine logische Konsequenz. Positionen und Programme werden – von links bis rechts – von allen etablierten Parteien im Internet vorgestellt. Und auch für die „Newcomer“, die erst noch in den Bundestag einziehen wollen, bietet das Internet eine kostengünstige Plattform, um einen höheren Bekanntheitsgrad zu erreichen.

Doch dieser Bundestagswahlkampf ist anders als im Jahr 2005. Damals spielte das Web 2.0 noch keine Rolle; das Internet war weitgehend ein einseitiges Informationsmedium. Gerhard Schröder und Angela Merkel mussten ihren Wählern 2005 im Internet noch nicht Rede und Antwort stehen. Sie nutzten weder Blogs noch Twitter, um mit ihren Anhängern zu kommunizieren.

Im Wahlkampf 2009 haben die Politiker das Web 2.0 entdeckt – irgendwie... Noch nicht so ganz sicher im Umgang mit dem Medium, aber breit beraten durch Agenturen, machen die Parteien und Kandidaten ihre Gehversuche. Die etablierten Parteien haben Wahl-Netzwerke aufgebaut (Social Election Networks). Aus ihrer Sicht gibt es zwei Ziele der Web 2.0-Kommunikation: zum einen geht es darum, z.B. durch den Dialog in Blogs oder die Beantwortung von Fragen per Video Kontakte mit den Anhängern zu intensivieren. Idealerweise sollen die Bürger auch zu aktiver Unterstützung motiviert werden. Zum anderen wollen die Parteien Menschen, die bisher nicht politisch festgelegt sind, für sich gewinnen. Erst- und Jungwähler, die besonders auf Web 2.0-Plattformen vermutet werden, sind eine begehrte Zielgruppe. In jedem Fall vergrößern die Parteien im Netz ihren Pool von „Adressen“ für die direkte Kommunikation zu und idealerweise den offenen Dialog mit ihren Wählern.

Wie sieht diese Web 2.0 Kommunikation nun aus? Viele Spitzenpolitiker sind mit direkten Kommunikationsangeboten in ihren Wahl-Netzwerken und/oder in den bekannten Sozialen Netzwerken vertreten. Das Angebot reicht von Blogs der Kandidaten und Videosequenzen auf YouTube, in denen Positionen erklärt oder Fragen der Bürger beantwortet werden, über Profilseiten in Facebook oder MeinVZ bis hin zur Nutzung von Twitter.

aHat dieses Angebot das Wahlvolk mobilisiert und eingebunden? Die Mobilisierung der Wähler hat auf den ersten Blick offenbar Erfolg, wenn man der Statistik auf den Seiten der Wahlnetzwerke Glauben schenkt: ein „Klick“ macht den Internetnutzer zu einem „Freund“ und offenbart das Bekenntnis zu einem Politiker und seinen Positionen. Die Web 2.0-Gemeinde wird bereitwillig zu Unterstützern, Followern oder Fans, liest Blogs oder abonniert die Videostatements der Kandidaten. Auf diese Weise wird ein Netzwerk der Befürworter gesponnen. Ein echter Dialog über politische Positionen ist dies aber noch nicht. Die aktive Teilnahme der Web-2.0-Gemeinde lässt in den meisten Fällen noch zu wünschen übrig. Dies spiegelt eine grundsätzliche Tendenz im Web 2.0 wider: die meisten Menschen „konsumieren“ Web 2.0-Angebote. Nur wenige stellen tatsächlich eigene Inhalte bereit (s. Grafik).

Wer – wie zahlreiche traditionelle Medien – argumentiert, dass das Angebot der Politiker im Netz zu langweilig sei, macht es sich zu einfach. Das Web 2.0 lebt vom Dialog, d.h. es braucht nicht nur das Angebot der Kandidaten, sondern auch die kritischen Fragen der Bürger. Bis zur nächsten Bundestagswahl – voraussichtlich im Jahr 2013 – sollten auch die Bürger ihre Gehversuche hinter sich gebracht haben. Vielleicht sind wir dann dem vor einigen Jahren beschworenen Leitbild der „E-Democracy“ näher gekommen und die Bürger ergreifen die Chance auf politischen Dialog auch im Internet.

 

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