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Aktueller Kommentar
Pay Wars – Der Angriff der Internetgiganten

11. Februar 2013

 

Seit vielen Monaten wird branchenübergreifend und kontrovers die Frage diskutiert, mit welchen web-basierten Bezahltechnologien wir zukünftig an den Ladenkassen bezahlen werden. Nicht nur Akteure aus dem Finanzsektor suchen unter Hochdruck nach einer Antwort.

Neben den klassischen Finanzinstituten und etablierten Kreditkartenanbietern werfen auch Telekommunikationsunternehmen sowie Internetdienste wie Google, PayPal oder Apple ihren Hut in den Ring. Der Markt für mobile Bezahlverfahren ist hart umkämpft. Den klassischen Finanzinstituten könnte ein schmerzhafter Verdrängungswettbewerb drohen, wenn sich einige Wettbewerber, allen voran die Nicht-Banken, vermehrt zu strategischen Allianzen mit Durchschlagskraft verbünden. Aufgrund der rasant steigenden Adaptionsgeschwindigkeit mobiler Endgeräte werden sich zeitnah mobile und web-basierte Zahlungstechnologien (international) durchsetzen. Allein in Deutschland nutzen mittlerweile mehr als 30 Millionen Bürger ein Smartphone – Tendenz steigend.

aDigitale Mobilität mit internetfähigen Endgeräten ist die nächste logische Evolutionsstufe im World Wide Web – Smartphones, Tablet-PCs und neuerdings auch Phablets (Kombination aus Phone und Tablet) erobern die Massenmärkte und werden nicht nur den Handel, sondern auch Finanzdienstleistungen, insbesondere die (mobilen) Bezahlsysteme in den nächsten Jahren (international) fundamental verändern. Die mobilen Endgeräte schlagen folgenreiche Brücken zwischen dem stationären und dem digitalen Kanal sowie der Werbung. Die Option, orts- und zeitunabhängig Informationen abzufragen, Produkte oder Dienstleistungen zu konsumieren und elektronisch zu bezahlen, fordert dringend auch eine Reaktion des klassischen Bankensektors. Insbesondere der Markt für digitale und mobile Zahlungsverkehrslösungen befindet sich im Umbruch, aber auch das Einlagen- und Kreditgeschäft steht vor (digitalen) Herausforderungen, wie Peer-to-Peer- (P2P) Plattformen und in einem (noch) geringerem Ausmaß in den Markt eintretende Crowdfunding- und Crowdinvesting-Anbieter belegen.

Deutlich erkennbar ist auch der Trend zu bargeldlosen Transaktionen. Gemäß einer Stichprobe der Bank für den internationalen Zahlungsausgleich für 22 Länder hat die Zahl der bargeldlosen Transaktionen zwischen 2001 und 2010 um rund 7% pro Jahr zugenommen. Für den Bereich mobiler Zahlungen prognostizieren viele Analysen starkes Wachstum. Ungeachtet des besonders starken Wachstums in den Schwellenländern entfallen nach wie vor fast 70% der bargeldlosen Transaktionen auf den US-amerikanischen und europäischen Markt. Auch die Veränderung der Konsumgewohnheiten, z.B. der Trend hin zum E-und M-Commerce, erhöht die Akzeptanz bargeldloser Bezahlverfahren.

Neben den zunehmenden administrativen und regulativen Auflagen, die sich durch die globale Finanz- und Staatsschuldenkrise weiter verschärfen werden, kämpfen die Finanzinstitute gegen steigende Vertrauensverluste und Reputationsrisiken. Es droht ihnen zudem eine sinkende Innovationskraft, während die Adaptionsgeschwindigkeit web-basierter Technologien branchenübergreifend weiter ansteigt. Etablierte Banken sind gezwungen, ihre Geschäftsstrategie an den digitalen Strukturwandel anzupassen. Es ist nicht auszuschließen, dass potenzielle Netzakteure wie Google, Apple, Amazon, PayPal oder Facebook ihr bisheriges Dienstleistungsangebot ausweiten, um z.B. in den Markt für standardisierte Finanzdienstleistungen einzutreten. Den Netzakteuren gelingt es außergewöhnlich gut, das sich wandelnde Konsum- und Mediennutzungsverhalten insbesondere der netzaffinen Menschen in ihre Angebote zu integrieren. Vor allem verfügen sie zum Teil über ausreichend liquide Mittel, um im Markt für web-basierte Technologien zu experimentieren. Scheitert ein Projekt, wird bereits ein weiteres aus der Pipeline gezogen und finanziert. Für die klassischen Banken stellt sich daher die Frage, ob sie dabei eine eher aktive oder passive Rolle spielen (werden).

Die neuen Wettbewerber stellen somit ernst zu nehmende Konkurrenten dar, auch im (zukünftigen) Markt für standardisierte Finanzdienstleistungen. Um einen drohenden Verdrängungswettbewerb abzuwehren, sind Banken gut beraten, den digitalen Strukturwandel in ihren jeweiligen Geschäftsprozessen zu berücksichtigen, um adäquate, vor allem aber vom Konsumenten gewünschte, sichere und bequeme mobile Finanzdienstleistungen, (am besten alles aus einer Hand) anzubieten. Klassische Finanzinstitute haben aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung im Umgang mit Sicherheits- und Datenschutzaspekten gerade hier einen komparativen Vorteil, den sie für strategische Weichenstellungen im Wettbewerb um mobile Zahlungsverkehrslösungen nutzen sollten.

In jedem Fall haben klassische Finanzinstitute (noch) mehrere Optionen auf den digitalen Strukturwandel zu reagieren. Die Herausforderungen bestehen vor allem darin, die bewährte, klassische Expertise mit neuen, dem digitalen Zeitalter angepassten Markterfordernissen zusammenzubringen, wie es z.B. im kontrovers diskutieren Spannungsfeld zwischen Sicherheit von Daten und Informationen auf der einen und den steigenden Anforderungen hinsichtlich Convenience und Effizienz auf der anderen Seite deutlich wird. Multi-Technologie- sowie Multichannel-Strategien könnten sich in den derzeit dynamischen Innovationsphasen, die gekennzeichnet sind durch sinkende Produktlebenszyklen und steigende Komplexität, durchaus als nutzenstiftend erweisen. Als weitere Option bietet es sich auch an, strategische Allianzen mit etablierten und neuen Wettbewerbern einzugehen.

Die Entscheidung, welche Strategie priorisiert wird, sollte allerdings zeitnah fallen, weil jede Art von Handlung organisatorische sowie firmenphilosophische (kulturelle) Herausforderungen mit sich bringt, die nicht von heute auf morgen zu lösen sind. Ob es zu einer weiteren Episode mit dem Titel „Pay Wars – die Rückkehr der klassischen Finanzinstitute“ kommen wird, bleibt daher abzuwarten. Denn der Verteilungskampf um die begehrten Marktanteile im Bereich mobiler und web-basierter Bezahlsysteme hat erst begonnen.

 

Mehr Infos:

Die Zukunft des (mobilen) Zahlungsverkehrs.

 

 

 

 

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