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China – Nicht der erhoffte weiße Ritter

16. September 2011

 

In den vergangenen Tagen befassten sich Medienberichte immer wieder mit der Rolle Chinas in der europäischen Schuldenkrise. In unseren Augen sind allzu große Hoffnungen jedoch fehl am Platz. Mit einem geschätzten Betrag von EUR 730 Mrd. im nächsten Jahr ist der Refinanzierungsbedarf der GIIPS-Länder sehr hoch. Selbst wenn China bereit wäre seine Investitionen im Euroraum zu erhöhen so wäre für 2012 mit einem Betrag von rund EUR 150 Mrd. zu rechnen. Risikoaversion und potentielle Widerstände in China lassen eine massive Ausweitung chinesischer Investitionen in der Eurozone kurzfristig und ohne zusätzliche Bedingungen unwahrscheinlich erscheinen.

aWas sind Chinas mögliche Motive?

Die Eurozone ist Chinas wichtigster Handelspartner. Rund 20% der gesamten chinesischen Exporte gehen in die Region, geringfügig höher als der US Anteil. Daher hat China ein begründetes Interesse an einer stabilen Eurozone, nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass der Exportsektor (und damit verbundene Investitionen) einen bedeutenden Anteil am Wachstum und an der Beschäftigung in China haben. Schätzungen gehen davon aus, dass das chinesische Exportwachstum im Falle einer Verlangsamung des Wirtschaftswachstums in den USA und der EU um 1%-Punkt um rund 6-7%-Punkte fallen dürfte, und dass das chinesische Wirtschaftswachstum um rund 1%-Punkt zurückgehen würde.* Darüber hinaus ist China bereits im Euro investiert. Es wird vermutet, dass rund 20-25% der chinesischen Währungsreserven oder EUR 480-600 Mrd. bereits in Euro-Anlagen gehalten werden. Der größte Teil davon dürfte in hoch-gerateten Staatspapieren wie deutschen Bundesanleihen angelegt sein. Zusätzlich haben chinesische Investoren (inklusive Hongkong) im Januar 2011 bei der ersten Emission eines EFSF-Bonds 6% des emittierten Volumens gekauft. Der Bestand chinesischer Direktinvestitionen in der Eurozone belief sich Ende 2010 auf EUR 7 Mrd oder rund 3% des Gesamtbestands chinesischer Direktinvestitionen. Schlussendlich spielt der Fortbestand des Euro eine wichtige Rolle in der Verwirklichung der von China angestrebten tripolaren Weltwährungsordnung, in der USD, Euro und chinesischer Yuan nebeneinander existieren.

Wie hoch müsste der chinesische Beistand ausfallen?

Iam nächsten Jahr dürfte sich der Refinanzierungsbedarf der gesamten Eurozone auf rund 17,5% des geschätzten BIP bzw. EUR 1,7 Bill. belaufen.** Mit 25% davon hätte Frankreich den größten Anteil, gefolgt von Italien mit einem Anteil in Höhe von 23%. Spanien, Griechenland, Portugal und Irland zusammen kommen auf weitere 20% oder rund EUR 340 Mrd. Insgesamt benötigen die fünf GIIPS-Länder neue Mittel in Höhe von rund EUR 730 Mrd. im Jahr 2012. Zum Vergleich: Deutschland hat für dasselbe Jahr einen erwarteten Refinanzierungsbedarf von rund EUR 325 Mrd. bzw. rund 19% des BIP.

Wie viel könnte China beisteuern?

In vielen Medienberichten wurde der Eindruck erweckt, dass China aufgrund seiner riesigen Devisenreserven in Geld schwimme. Das ist aber nur bedingt richtig, da diese Reserven zum allergrößten Teil in längerlaufenden Staatsanleihen investiert wurden: Schätzungen deuten auf eine Verteilung von 60-65% in USD, 20-25% in Euro und dem Rest in anderen Währungen hin. Der Anteil liquider, kurzfristiger Anlagen dürfte sehr gering sein. Theoretisch können auch längerlaufende Anlagen aufgelöst werden. Allerdings dürfte dies aufgrund der Höhe der für die GIIPS-Länder benötigten Beträge negative Konsequenzen für den Markt für US-Staatsanleihen haben, außer China entscheidet sich zum Verkauf von Bundesanleihen und Staatsanleihen anderer Kernländer der Eurozone. Deswegen halten wir eine leichte Beschleunigung der Diversifizierung der chinesischen Devisenreserven für ein realistischeres Szenario. Wenn wir davon ausgehen, dass China im kommenden Jahr rund USD 650 Mrd. (EUR 500 Mrd.) an zusätzlichen Devisenreserven akkumuliert und den Anteil an Euro-Anlagen auf 30-35% steigert, dann stünden ungefähr USD 195-228 Mrd. (EUR 150-175 Mrd.) – oder 20-24% des Finanzierungsbedarfs der GIIPS-Länder zur Verfügung.

Die Hoffnung auf den weißen Ritter aus China

Selbst wenn China willens wäre, mehr Staatsanleihen der GIIPS-Länder zu kaufen würde dies nicht ausreichen, die Schuldenkrise mit einem Streich zu erledigen. Darüber hinaus sind Zweifel angebracht, ob China bereit ist, weitere und vor allem höhere Risiken einzugehen. Auch der chinesischen Staatsfonds China Investment Corporation (CIC), der über ein globales Portfolio von USD 135 Mrd. verfügt, dürfte zögerlich sein, da sein „zugrundeliegendes Investitionsziel darin besteht, langfristige, nachhaltige und hohe Erträge zu akzeptablen Risiken zu erwirtschaften.“*** Zudem dürfte sich die Zustimmung der chinesischen Öffentlichkeit zu einer raschen Ausweitung des Engagements im Euroraum in Grenzen halten. Eine oft vertretene Meinung in China ist, dass die Länder, die jetzt vor Problemen stehen in der Vergangenheit über ihre Verhältnisse gelebt hätten und sich nun mithilfe der Ersparnisse Chinas sanieren möchten, das sich selbst einem großen Entwicklungsbedarf gegenübersieht.

*Ma, Jun and Wenjie Lu (2011). Downgrading China growth. Deutsche Bank Global Markets Research, 17 August 2011
**Der Finanzierungsbedarf berechnet sich als Summe der geschätzten öffentlichen Budgetsalden in 2012, der ausstehenden kurzfristigen Schuldverschreibungen und der Tilgungszahlungen in 2012.
***CIC, Annual Report 2010, p. 27.

 

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