Deutsche Bank Research
Aktueller Kommentar
Eine Innovationsoffensive in Aus- und Weiterbildung für eine neue Generation von Fachkräften!

19. Juni 2012

 

Anfang Juni gaben Bundesarbeitsministerin von der Leyen, Bundeswirtschaftsminister Rösler sowie der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit (BA), Frank-Jürgen Weise den Startschuss für eine gemeinsame nationale und internationale Kampagne, die mit dazu beitragen soll, dem Wirtschaftsstandort Deutschland langfristig eine ausreichende Fachkräftebasis zu sichern.

Diese Anstrengungen – auch und gerade das Anwerben von Fachkräften aus dem Ausland – sind notwendig, wenngleich nicht hinreichend. Bis ins Jahr 2025 werden nach Abschätzungen der BA ca. 6 Millionen Arbeitskräfte in Deutschland fehlen, was die Weiterentwicklung der deutschen Wirtschaft, vor allem des deutschen Mittelstands, behindern würde. Auf lange Sicht und im Angesicht der aktuell 5 1/2 Millionen jungen Menschen im Alter zwischen 14 und 25 Jahren, die im März 2012 in der Europäischen Union arbeitslos waren, steht zu hoffen, dass im Rahmen dieser Kampagne auch strategisch die Gestaltung der nächsten Generation von Aus- und Weiterbildungsangeboten angegangen wird. Denn auf lange Sicht wird ganz Europa durch Qualifikationsdefizite geprägt sein, wenn nicht mehr für bessere Aus- und Weiterbildung getan wird. So geht das Europäische Zentrum für die Förderung der Berufsbildung (CEDEFOP) davon aus, dass in den nächsten 12 Jahren über 83 Millionen Arbeitsplätze in Europa entstehen (darunter 8 Millionen in völlig neuen Bereichen, viele auf Basis von wissensintensiver Produktion). Diese werden jedoch schwieriger zu besetzen sein, da viele Menschen nicht ausreichend oder nicht passend für die neuen Anforderungen qualifiziert sind. Dies liegt auch daran, dass sich der Trend zu kompetenzintensiveren Arbeitsplätzen auf allen Ebenen fortsetzt. Viele traditionelle manuelle oder Routinetätigkeiten werden weiter an Bedeutung verlieren.

In Zeiten von intelligenteren, hybriden Produkten, bei denen anfassbare Technologien mit Dienstleistungen angereichert sind, wie im Bereich Smart Grids sowie intelligenter Haussteuerung, kommen auf Handwerker(meister), Technologieunternehmen und auch soziale Dienstleister ganz neue Herausforderungen zu: Sie müssen sich selbst und ihre Beschäftigten in ihren Fertigkeiten und Kompetenzen schneller weiterentwickeln, um den neuen Anforderungen gerecht zu werden.

Um in Zukunft zu bestehen, sollten Fachkräfte dabei auf eine gute Allgemeinbildung zurückgreifen können. Auch sollten Menschen bereit und dazu fähig sein, mit Spaß dazuzulernen. Lernen wird viele Menschen mit wechselnden Berufen und Berufungen begleiten. Dies ist eine besondere Herausforderung für die Menschen, die – wie in Spanien – heute mit dem Abschluss ihrer Schulkarriere erst einmal arbeitslos geworden sind. Sie haben heute keine Perspektive, anstatt sich durch eine Ausbildung weiter zu qualifizieren. Gerade um diesen jungen Menschen in Spanien aber auch vielen Jugendlichen hierzulande zu helfen, brauchen wir dringend eine Offensive für mehr und besser zugeschnittene Ausbildungsangebote. Denn die 15 bis 24-Jährigen Menschen sind ein Teil der neuen Generation von Fachkräften. Den anderen Teil der neuen Fachkräftegeneration stellen die vielen Älteren, die sich beruflich neu orientieren. Auch sie können mit den richtig zugeschnittenen Angeboten dazulernen, um sich nach- oder auch weiter zu qualifizieren.

Deutschland und Dänemark haben dabei viel beizutragen. Sie setzen schon heute durch kooperative, clusterorientierte Formen der dualen Ausbildung und durch die Weiterentwicklung des dualen Ausbildungssystems in Regionen und über Ländergrenzen hinaus Akzente. Sie schaffen Perspektiven für junge Menschen. Dies ist ein Ergebnis des „First European Business Forum on Vocational Training“ der Europäischen Kommission, im Rahmen dessen Deutsche Bank Research eingeladen war, den Austausch von Experten über exzellente Herangehensweisen('Best Practices') zu moderieren. Dabei zeigte sich, dass beispielsweise mehrere namhafte deutsche Technikunternehmen in Portugal zusammenarbeiten, um die neue Generation von Fachkräften mit praxisnahen Kompetenzen im Bereich Mechatronik und anderen für die Automobilindustrie wichtigen Kenntnissen voranzubringen.

Auch in Dänemark wird viel für die neue Fachkräftegeneration getan. Aus- und Weiterbildung ist dort ein Wert an sich in Unternehmen – Kooperation eine Tugend. So beschränkt ein dänischer Pumpenhersteller, um im internationalen harten Kosten- und Qualitätswettbewerb zu bestehen, seine Investitionen nicht auf seine eigenen zukünftigen Fachkräfte. Er beteiligt auch seine wichtigsten Zulieferer an diesen Ausbildungsgängen. Mit diesem „Clustermodell“ schafft er es, den Auszubildenden mehr Einblick in die zukünftige Beschäftigung zu geben, Lust auf Technik zu machen, die Fachkräftebasis in der Region zu verbreitern und vor allem international wettbewerbsfähig auch aufgrund seiner hoch qualifizierten Mitarbeiter zu sein.

Bei steigenden Qualitätsanforderungen von Kunden an Produkte und Dienstleistungen und bei stetig sinkenden Preisen für diese Produkte, können Unternehmen nur wettbewerbsfähig arbeiten, wenn die Mitarbeiter mitdenken und ihre Arbeit gut verrichten. Um diese dazu zu befähigen, müssen Unternehmen auch im Angebot von Aus- und Weiterbildung innovativ werden. Denn die neue Generation von Fachkräften wünscht sich auch neue Formen des Lernens. Darauf deuten aktuelle Ergebnisse des Instituts für Arbeit und Qualifikation hin. Die Innovation des dualen Studiums, in dem die Lernenden parallel einen beruflichen Abschluss im dualen Ausbildungssystem und einen akademischen an der Hochschule erwerben, ist erfolgreich. Die Anzahl dualer Studiengänge ist von 2005 bis ins Jahr 2011 um über 70% auf 929 gewachsen. Über 61.000 Studierende nutzten diese Möglichkeit, um sich integriert und gleichzeitig modular auszubilden. Für die heutige Generation der Studierenden zählt also der Praxisbezug. Und nicht nur für sie – auch für ihre zukünftigen Arbeitgeber: In einer Betriebsbefragung des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) gaben 45% der Unternehmen an, alle dual Studierenden nach Abschluss des Studiums in ihren Betrieb zu übernehmen.

Auf diesen Erfolgen sollte man aufbauen. Die Bundesregierung und die Landesregierungen sollten zusammen mit den aus- und weiterbildungsaktiven Unternehmen und den Sozialpartnern in Deutschland darüber nachdenken, Aus- und Weiterbildung als einen eigenständigen Wertschöpfungszweig weiterzuentwickeln. Dies sollte auch in Zusammenarbeit mit europäischen Partnern geschehen. In Anbetracht der Veränderung vieler Produkte und des sich verstärkenden Wettbewerbs auf Basis niedriger Kosten und hoher Qualität braucht es in Zukunft andere Formen der Aus- und Weiterbildung, um Jüngere wie Ältere von Technik zu begeistern. Es braucht modulare Formen des Lernens, bei denen die Menschen in verschiedene Bereiche hineinschnuppern und gleichzeitig durch abgestimmte Lernformen ihre Basiskompetenzen und spezialisiertes Wissen festigen und erweitern können. Es braucht aber auch strategische Formen der kooperativen Gestaltung und Finanzierung von Aus- und Weiterbildung, wie sie in Dänemark und von deutschen Herstellern in Portugal praktiziert werden. Hier bieten sogenannte „Impact Investment Funds“ die Möglichkeit, langfristig in Kompetenzen mit kurzfristigen Wirkungen zu investieren: Perspektiven und Kompetenzen statt Arbeitslosigkeit für junge Menschen lautet die Lösung. Solche Lösungen sollte man auch mit Partnern in europäischen Ländern, wie Spanien und Portugal, zusammen ausbauen, um durch gemeinsame Ausbildungsangebote gute Lösungen vor allem für diese und kommende Generationen von Fachkräften zu schaffen.

Zeitgemäße Aus- und Weiterbildungsangebote haben das Potenzial, als eine der Dienstleistungen des 21. Jahrhunderts zu einem der Exportschlager für Deutschland und einige andere Länder Europas zu werden. Menschen mit ihren Ideen und ihrer Aktivität sind ein Schatz Deutschlands und auch Europas. Diesen muss Europa dringend nutzen, wenn die soziale Marktwirtschaft weiter gedeihen soll. Perspektiven zur beruflichen Entwicklung, Chancen auf die Erwirtschaftung des Lebensunterhalts oder beruflichen Erfolg durch Ideen und Kompetenzen sind eines der Fundamente eines funktionierenden Zusammenlebens einer Gesellschaft. Es ist die richtige Antwort auf die Krise, dies zu fördern. Von daher ist zu wünschen, dass mehr getan wird, um die Fachkräfteoffensive durch eine Innovations- und Wachstumsoffensive in der Aus-und Weiterbildung zu ergänzen.

 

Weitere Links:

Bräuninger, Dieter (2012): Neue Impulse für den deutschen Fachkräftemarkt. Aktueller Kommentar vom 22.05.2012. Deutsche Bank Research.

Cedefop (Europäisches Zentrum für die Förderung der Berufsbildung) (2012): Qualifikationen: eine Herausforderung für Europa. Kurzbericht März 2012.

Krone, Sirikit/Mill Ulrich (2012): Dual studieren im Blick: Das ausbildungsintegrierende Studium aus der Perspektive der Studierenden. IAQ Report 2012/03. Universität Duisburg-Essen.

Rollwagen, Ingo (2012): Chancen für „Bildung Made in Germany“ - Globaler Wettlauf um Fachkräfte. In: W&B 03/04.2012. Deutsche Berufsbildung: Exportschlager oder Ausverkauf?, S. 10-15.

Zum European business forum on vocational training, 07/06/2012 - 08/06/2012. In: http://eutrainingforum.teamwork.fr/en/programme.

 

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