Deutsche Bank Research
Aktueller Kommentar
Neue Impulse für den deutschen Fachkräftemarkt

22. Mai 2012

 

Der Fachkräftemarkt in Deutschland ist leergefegt. Aber Entspannung zeichnet sich ab. Mit der neuen Blue Card erhalten Kräfte aus Nicht-EU-Ländern erleichterten Zugang. Zudem expandiert die Zuwanderung aus Südeuropa. Davon profitiert nicht allein die deutsche Wirtschaft.

Für die besonders auf Fachkräfte angewiesene deutsche Wirtschaft gab es kürzlich zwei gute Nachrichten. Zum einen billigte der Bundesrat das Gesetz über die neue Blue Card. Damit besteht ab Sommer für Fachkräfte aus Nicht-EU-Ländern erleichterter Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt. Zum anderen meldete das Statistische Bundesamt verstärkte Zuwanderung nach Deutschland, insbesondere auch aus den von der Staatsschuldenkrise betroffenen südeuropäischen Euro-Ländern. Die weitere Öffnung des Arbeitsmarktes gegenüber Drittländern und verstärkte EU-Binnenwanderung können das Risiko vermindern, dass die deutsche Wirtschaft durch einen Mangel an Fachkräften aus der Wachstumsspur gerät.

Fachkräfte sind in Deutschland knapp – derzeit vor allem wegen des guten Laufs der Wirtschaft. Immer mehr macht sich aber auch der demografische Wandel bemerkbar. Rund 130.000 Ingenieure und IT-Spezialisten fehlten der deutschen Wirtschaft zu Frühjahrsbeginn nach Angaben von Branchenverbänden. Auch bei Ärzten besteht insbesondere in Krankenhäusern erheblicher nicht gedeckter Bedarf. Zwar sind Art und Umfang der derzeitigen Fachkräftelücke umstritten. Manche Beobachter sehen hier mehr ein konjunkturelles als ein strukturelles Problem. Offenkundig ist aber, dass sich die Lücke in Zukunft ausweiten wird. Das ist bereits in der demografisch bedingten Verknappung des Angebots angelegt. In den nächsten Jahren dürften z.B. alljährlich fast 40.000 Ingenieure (ohne IT) in den Ruhestand wechseln. Die Zahl der Hochschulabsolventen kann damit immer weniger Schritt halten. Wenn in der kommenden Dekade die geburtenstarken Jahrgänge aus dem Erwerbsleben ausscheiden, wird das heimische Kräfteangebot weiter einknicken. Hinzu kommt: Wenn Deutschland weiterhin in der zunehmend von aufstrebenden Schwellenländern geprägten ersten Liga der Weltwirtschaft mitspielen will, muss es zukünftig mehr denn je mit Innovationen punkten. Entsprechend groß wird der Bedarf an Wissenschaftlern, Ingenieuren, Technikern und anderen gut qualifizierten Kräften sein. Ebenso liegt auf der Hand, dass in der alternden Gesellschaft die Nachfrage nach Ärzten und Pflegepersonal zunehmen wird.

Hier ist die von der EU initiierte Blaue Karte ein Schritt in die richtige Richtung. Sie eröffnet im Wesentlichen qualifizierten Zuwanderern ein dreijähriges Aufenthalts- und Arbeitsrecht. Voraussetzung für den Zuzug ist der Nachweis einer Arbeitsstelle mit einem Jahreseinkommen von EUR 44.000. Bislang waren EUR 66.000 erforderlich. Zuwanderer, die 33 Monate beschäftigt waren und in dieser Zeit Rentenbeiträge geleistet haben, können künftig eine unbefristete Niederlassungserlaubnis beanspruchen. Zudem wird die Gehaltsgrenze für Hochqualifizierte, die sofort ein Daueraufenthaltsrecht erhalten, auf EUR 48.000 gesenkt. Bereits im vergangenen Jahr hat die Bundesregierung für einige Ingenieursparten und Ärzte die Vorrangprüfung abgeschafft. Arbeitgeber, die entsprechend qualifizierte Personen aus Nicht-EU-Ländern einstellen wollen, müssen seither nicht mehr nachweisen, dass sie am heimischen Markt keine geeigneten Bewerber gefunden haben.

Die Zugangserleichterungen bieten die Perspektive für eine bessere Balance von Angebot und Nachfrage auf dem Fachkräftemarkt. Freilich sollte sich Deutschland darüber hinaus im globalen Wettbewerb um Hochqualifizierte gut positionieren. Deutschland ist in diesen Wettbewerb erst relativ spät eingestiegen. Und es tritt mit Nachteilen wie einer erheblichen Sprachbarriere und einer hohen Steuer- und Abgabenlast an. Die Zuwanderung aus Nicht-EU-Ländern dürfte deswegen erst allmählich Bedeutung gewinnen. Zu Recht hat der Gesetzgeber daher jetzt auch die Arbeits- und Aufenthaltsmöglichkeiten ausländischer Absolventen deutscher Hochschulen verbessert, denn diese Hochqualifizierten leben ja bereits hier. Darüber hinaus wäre es aber sinnvoll, das komplizierte und in Teilen weiterhin zu restriktive Zuwanderungsrecht durch ein modernes Punktesystem zu ersetzen. Kernkriterien wie Qualifikation und Sprachkenntnisse würden dann über die Vergabe einer dauerhaften Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis entscheiden.

Vorerst kann Deutschland auch auf Zuwanderung aus den südeuropäischen Partnerländern setzen. Hier deuten die aktuellen Daten des Statistischen Bundesamtes auf eine Trendwende als Folge der Staatsschuldenkrise hin. So ist die Zuwanderung aus den von der Krise stark betroffenen Ländern im vergangenen Jahr sprunghaft gestiegen. 90% und gut 50% betrug das Plus bei den Einwandererzahlen aus Griechenland bzw. Spanien. Das ist beachtlich, auch wenn die absoluten Zahlen von rd. 16.800 bzw. 11.600 Zuwanderern weit unter den Werten während der großen Einwanderung in den 1960er Jahren liegen. Zu den aktuellen Daten passen Meldungen des Goethe-Instituts, das 2011 Rekordzahlen bei den Teilnehmern von Deutschkursen und Prüfungen verzeichnete. Dabei war der Zuwachs in den südeuropäischen Ländern besonders ausgeprägt. Das lässt auf vermehrtes Interesse an einer Erwerbstätigkeit in Deutschland schließen.

Damit beginnen marktwirtschaftliche Ausgleichkräfte zu wirken, die zum Abbau der Spannungen im Eurogebiet beitragen können*. Während in Spanien und Griechenland die Arbeitslosenquote weit über 20% liegt und in beiden Ländern sogar mehr als die Hälfte der jüngeren Erwerbspersonen unter 25 Jahren arbeitslos ist, schwächt sich in Deutschland die lebhafte Nachfrage nach Arbeitskräften nur allmählich ab. Hier liegt die Arbeitslosenquote stabil bei geringen 5,6% und bei den Jüngeren bei 7,9%.

Die Zuwanderung gerade auch junger Südeuropäer kann helfen, Engpässe auf dem Arbeitsmarkt in Deutschland zu vermeiden. Das fördert die Wachstumskräfte hier. Anhaltendes Wirtschaftswachstum in Deutschland liegt indes auch im Interesse der südeuropäischen Länder. Diese können prinzipiell umso mehr Waren und Dienste hierher exportieren, je mehr die deutsche Wirtschaft wächst. Zudem können die Länder damit rechnen, dass ihre in Deutschland beschäftigten Bürger Geld in die Heimat überweisen – etwa um Verwandte zu unterstützen – und so die gedrückte Nachfrage vor Ort stärken. Vor allem aber nützt die Mobilität den Auswanderern. Sie entrinnen der hohen Arbeitslosigkeit und vorerst ungewissen Zukunftsperspektiven. Sie sichern sich nicht allein Arbeit und Einkommen, sondern verhindern auch eine Entwertung ihrer Qualifikation. Das zeigt: Das Eurogebiet braucht Binnenwanderung, weil hier flexible Wechselkurse als Instrument zum Ausgleich unterschiedlicher Pfade preislicher Wettbewerbsfähigkeit der Volkswirtschaften fehlen und die Löhne auf stark regulierten Arbeitsmärkten, insbesondere auch in Spanien und Griechenland, nur allmählich hinreichend reagieren dürften.

Wer die Abwanderung als brain drain zum Schaden der südeuropäischen Länder kritisiert, geht fehl. Solche Sorgen wurden auch im Zusammenhang mit dem EU-Beitritt der mittelosteuropäischen Länder geäußert. Die Entwicklung etwa in Polen belegt aber, dass dies unbegründet war. Ähnlich wäre heute nichts gewonnen, wenn die Südeuropäer immobil blieben. Im Gegenteil. Ohne Abwanderungen gäbe es vorerst wohl kaum Entlastung bei der Arbeitslosigkeit – mit entsprechenden Konsequenzen für die ohnehin angespannten öffentlichen Kassen in Südeuropa. Angesichts der hohen Arbeitslosigkeit und der großen Anpassungsaufgaben ist für längere Zeit auch nicht zu sehen, dass Fachkräftemangel dort ein Thema wird. Freilich darf die Abwanderung kein Ersatz für notwendige Strukturreformen sein, wenn sich die wirtschaftlichen Perspektiven in Südeuropa nachhaltig verbessern sollen. 

*Siehe dazu Bräuninger, Dieter und Christine Majowski (2011). Arbeitskräftemobilität in der Eurozone. Deutsche Bank Research. EU-Monitor 85.

 

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