
7. Mai 2012
Das Internet bietet den Menschen multimediale Kommunikationsformen, interaktive Prozesse der Kollaboration und Partizipation sowie soziale Plattformen, um Inhalte zu teilen oder sich für diverse Themen gemeinsam zu organisieren. In den letzten Jahren hat sich das Netz von einer eher passiven Entertainmentplattform auch zu einer ernsthaften, wirtschaftlich und politisch aktiven Plattform entwickelt. Das Internet ist reifer geworden. Zunehmende Transparenz im Netz sorgt dafür, dass sich sinnstiftende Themen je nach Resonanz aufschaukeln, sich in Windeseile viral streuen und dadurch hohe Relevanz bekommen können.
Politik und Wirtschaft werden zunehmend gezwungen, sich mit den neuen Paradigmen im Netz (z.B. Öffnungsprozesse in Wertschöpfungsnetze) und mit einem besser informierten Bürger konstruktiv auseinanderzusetzen. Alle Akteure können davon profitieren und dazulernen. Es entstehen experimentelle Organisationsformen sowie moderne Arbeitsweisen, die den Menschen mehr interaktive Mitgestaltung ermöglichen. Die Menschen im Netz stimulieren z.B. im Bereich Open Innovation oder Open Government durch externes Wissen und neue Ideen Innovations- und Wertschöpfungsprozesse. Eine dieser durch Öffnungsprozesse etablierten modernen Arbeits- und Organisationsformen stellen sogenannte Wikis dar.
Die Grundidee bei Wikis (Hawaiisch für „schnell“) ist der orts- und zeitunabhängige, gemeinsame Austausch von Fähig- und Fertigkeiten bzw. von Erfahrungen und Wissen im Netz. Wikis sind ein typisches Beispiel für das Prinzip des user-generated content. Sie zielen auf die Transformation von Nutzern zu Autoren und auf die Aufnahme bestehenden Wissens zum Generieren neuen Wissens ab. Das wohl bekannteste Wiki – die freie Enzyklopädie Wikipedia – wird jeden Tag von Millionen Menschen benutzt. Die „Wikipedianer“ haben in Selbstorganisation seit 2001 bis Anfang 2012 ca. 1,4 Mio. deutsche und knapp 4 Mio. englische Artikel veröffentlicht. Aber auch andere Sprachen und sogar Dialekte werden bedient, sodass die Wissens-Allmende im Alltag vieler Menschen kaum mehr wegzudenken ist. Ein anderes bekanntes (deutsches) Wiki deckt z.B. akribisch Plagiatsvorwürfe erschlichener Dissertationen auf.
Die Wiki-Technologie wurde 1995 als Werkzeug zur kollaborativen Wissensgenerierung und -verwaltung im Softwarebereich entwickelt und hat sich bis heute zu einem beliebten Werkzeug zur Informationsverarbeitung etabliert. Die Neuheit besteht in der freien und direkten Editierbarkeit von Textinhalt und -struktur der Beiträge jedes Nutzers durch jeden anderen. Wikis sind einfach zu bedienen, weil durch das Wählen der „Bearbeiten“-Option auf einer Wiki-Seite jeder Besucher selbst zum Autor werden kann und direkt über seinen Browser Inhalte verändern, ergänzen, verbreiten oder mit Verknüpfungen versehen kann. Wikis zeichnen sich durch bestimmte Charakteristika aus. Sie sind kollaborativ, weil sie im Wesentlichen auf der Zusammenarbeit einer Gruppe von Nutzern beruhen; transparent, weil die Aktivitäten jedes Nutzers für jeden anderen Nutzer nachvollziehbar sind, und sie sind ergebnisoffen, weil kein Wiki einen endgültigen Status erreicht, sondern durch die möglichen Verknüpfungen permanent offen für Weiterbearbeitungen bleibt.
Immer mehr Menschen nutzen die Vorteile von Wikis. Im europäischen Vergleich liegt beispielsweise Norwegen vorn. 70% der norwegischen Bevölkerung nutzten das Instrument, gefolgt von Luxemburg (67%) und Finnland (63%). Deutschland reiht sich mit 58% unter die Top 5 in Europa ein und liegt somit weit oberhalb des EU-Durchschnitts von 39%.
Wikis können die Innovationskraft eines Unternehmens oder einer Institution erhöhen und werden vermehrt für interne (Prozessbeschreibungen, Projektplanungen) aber auch externe Projekte (Open Innovation, Open Government) eingesetzt. Sie bieten im digitalen Zeitalter mit den Öffnungsprozessen in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft eine moderne Arbeitsweise, die einer vernetzten und dynamischen Wirtschaftswelt gerecht werden. Bisher kamen bei abteilungs- oder firmenübergreifender Zusammenarbeit bestimmte Firmenlaufwerke, externe Speichermedien und E-Mail-Konten zum Einsatz. Diese Art von Koordination gemeinsamer Projekte ist mühsam und eher ineffizient. Es herrscht Unklarheit hinsichtlich der Ablage, der Aktualität unterschiedlicher Versionen und somit der Gültigkeit sowie der Wiederauffindbarkeit von Dokumenten.
Mit Wikis gehören veraltete und unterschiedliche Dateiversionen, unauffindbare Dateien und E-Mails zur Koordinierung der Vergangenheit an, weil sich individuelle Beiträge bedienerfreundlich miteinander verknüpfen lassen und jeder Berechtigte gleichzeitig auf das Wiki zugreifen kann. Dadurch bekommen gespeicherte Dokumente eine klare, aktuelle Struktur, und Arbeitsabläufe werden optimiert.
Allerdings brauchen sowohl Öffnungsprozesse als auch die Arbeit mit Wikis adäquate Strategien, Koordinatoren und Verantwortliche. Die (dezentrale) Generierung von Wissen und Ideen findet im Internet zwar optimale Entfaltungsmöglichkeiten, weil die Beteiligten unvoreingenommen und unkonventionell an Problemlösungen herangehen und dadurch quergedachte Lösungsalternativen in den Innovationsprozess einbringen. Aber gute Ideen aus der Crowd (Netzwelt) werden in hierarchischen Strukturen umgesetzt, damit das Wissen oder die Innovationen auch nutzbar gemacht werden können. Hierfür müssen die Ideen und Wissensbestände durch verantwortliche Experten auf Relevanz gefiltert und in die nötigen Strukturen des Unternehmens transformiert werden.
Die interaktive Zusammenarbeit auf Wikis stellt die Unternehmen folglich vor neue Herausforderungen. Das gilt sowohl für die interne als auch für die externe Verwendung von Wikis. Beispielsweise sollte jeder Beteiligte einen direkten Nutzen für seine individuelle Arbeit sehen. Darüber hinaus braucht das Management vor allem erweiterte Interaktionskompetenzen, um das Zusammenarbeiten in virtuellen Räumen angemessen zu pflegen und zu betreuen.
Das Arbeiten an gemeinsamen Projekten verbindet. Dadurch entstehen neue Organisationskulturen, die sich vermehrt im Alltag der Menschen etablieren werden. Ein Ergebnis dieser modernen Organisationskultur zeigt sich bereits in den diversen erfolgreichen Öffnungsphänomenen im Internet sowie dem steigenden Einsatz von Wikis. Die Menschen erfahren auf experimentelle Weise neue Wege der Wissensgenerierung und lernen dabei, dass der Umgang mit Wissen immer prozessorientiert und unabgeschlossen ist.
*Mehr Infos:
Dapp, Thomas:
Die digitale Gesellschaft: Neue Wege zu mehr Transparenz, Beteiligung und Innovation.
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