
30. April 2012
Die zweitgrößte Volkswirtschaft des afrikanischen Kontinents hat bis zum Jahr 2020 Großes vor. Innerhalb der nächsten acht Jahre will Nigeria zum Club der zwanzig größten Volkswirtschaften der Welt aufsteigen. Zudem hat die Ratingagentur Fitch Nigeria kürzlich mit Ländern wie Indonesien, Aserbaidschan oder Russland verglichen, die innerhalb von acht Jahren zu Investment-Grade-Ländern geworden sind.
Ob es sich hierbei eher um Visionen oder um realistische Zukunftsprognosen handelt, hängt entscheidend vom zukünftigen Ölpreis, aber auch vom Reformeifer der nigerianischen Regierung ab.
Die derzeitigen Wachstumsraten bringen Nigeria dem angestrebten Ziel Schritt für Schritt näher. Nach einem Wachstum von 7,4% im vergangenen Jahr, wird die nigerianische Wirtschaft auch in diesem Jahr wieder real um rund 7% expandieren. Die Hauptwachstumstreiber sind weiterhin die Landwirtschaft und der Groß- und Einzelhandel. Obwohl der direkte Einfluss der Ölindustrie auf Nigerias Wachstum gering ist, so darf der indirekte Einfluss nicht unterschätzt werden. Öl- und Gasexporte machen rund 90% aller Exporte aus und bringen 77% aller Staatseinnahmen. Ein prognostizierter Ölpreis von rund 115 USD pro Barrel Öl sollte sich im laufenden Jahr aber ebenfalls positiv auf das nigerianische Wachstum auswirken.
Ölstabilisierungsfonds wächst zu langsam
Nachdem die Ersparnisse im Ölstabilisierungsfonds Ende 2010 fast vollständig aufgebraucht waren, belaufen sie sich derzeit auf immer noch magere 3,6 Milliarden USD. Da Nigeria nach wie vor von den Öl- und Gaspreisen sehr abhängig ist, ist das weitere Auffüllen dieses Sicherheitspuffers wichtig, um bei einem neuerlichen Ölpreisschock gegensteuern zu können. Die geplante Überführung der Ersparnisse in einen neuen Staatsfonds (sovereign wealth fund) wird voraussichtlich frühestens im Mai erfolgen.
Die Tatsache, dass die Währungsreserven trotz sprudelnder Öleinnahmen nur minimal wachsen, wirft weiterhin Fragen hinsichtlich einer möglichen Überbewertung des Naira auf. Die letzte Änderung des Wechselkursbandes von 150 NGN/USD auf 155 NGN/USD fand im vergangenen November statt. Die Schwankungsbreite von +/- 3% wurde beibehalten, wobei die Währung bis Jahresende eher am schwächeren Endes des Bandes notieren wird.
Prominente Finanzministerin auf Konsolidierungskurs
Die Ernennung der international anerkannten Volkswirtin Ngozi Okonjo-Iweala als nigerianische Finanzministerin ist sehr positiv zu werten. Sie hat sich seit ihrem Amtsantritt im Frühling letzten Jahres einen strikten fiskalischen Konsolidierungskurs auf die Fahnen geschrieben. Statt der kompletten Streichung der Benzinsubventionierung gelang ihr Anfang des Jahres wegen landesweiter Proteste und Streiks zwar nur eine Halbierung der Subventionen. Doch ihr gesamtstaatliches Defizitziel von 3% des BIP für dieses Jahr bleibt weiterhin in Reichweite. Der niedrige Schuldenstand von rund 18% des BIP lässt Nigeria gerade im Lichte der europäischen Schuldenkrise positiv dastehen. Die anstehende Revision der Berechnung des Bruttoinlandsproduktes, bei der das Basisjahr von 1990 auf 2008 geändert werden soll, könnte ähnlich wie in Ghana im Jahr 2010 zu einem erheblichen Anstieg des Bruttoinlandsproduktes führen. Dies hätte eine weitere Reduktion der Schulden- und Defizitquoten zur Folge.
Bankensektorkrise überwunden
Die Bankenkrise, die dem Finanzzentrum Westafrikas im Jahr 2009 schwer zugesetzt hat, ist größtenteils ausgestanden. Fünf der acht Banken, die im Jahr 2009 mit Kapitalspritzen und Liquiditätshilfen der Zentralbank gerettet wurden, haben Fusions- bzw. Rekapitalisierungsabkommen mit anderen Banken bzw. Finanzdienstleistern unterzeichnet. Die restlichen drei Banken wurden verstaatlicht und werden nun von der „Bad Bank“ AMCON, die im Juli 2010 gegründet wurde, geführt. Zusätzlich hat AMCON mit dem Kauf fauler Kredite in der Höhe von USD 20 Milliarden maßgeblich zur Bereinigung der Bankbilanzen beigetragen. So verzeichnet der nigerianische Bankensektor nach einer halbjährigen Schrumpfungsphase seit Juli letzten Jahres wieder positives Kreditwachstum, was dem privaten Sektor zusätzliche Wachstumsimpulse verleiht.
Platz eins der afrikanischen Ölproduzenten
Mit einer Produktion von rund 2,4 Millionen Barrel pro Tag bleibt Nigeria unter den Top 15 der weltweiten Ölproduzenten. Das im Jahr 2008 angestoßene Reformgesetz namens „Petroleum Industry Bill“, das mehr Transparenz und Zurechenbarkeit in den Öl- und Gassektor bringen sollte, wird gerade erneut revidiert und kann somit frühestens in der zweiten Jahreshälfte in Kraft treten. Die internationalen Ölkonzerne müssen also weiterhin mit einigen Unsicherheiten bezüglich des Arbeitsumfelds im Öl- und Gassektor leben, was Investitionsentscheidungen verzögern dürfte. Zudem verursachen Sabotage und Öldiebstahl weiterhin erhebliche Produktionseinbrüche.
Auch in der Landwirtschaft, die immer noch fast die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts ausmacht, sind weitreichende Reformen geplant. Hauptziel ist die Abkehr von Subsistenzwirtschaft hin zu moderner Landwirtschaft. Der Hauptfokus der Reform liegt daher auf Produktivitätssteigerung mittels Schaffung von Wertschöpfungsketten von Düngemitteln bis zur Lebensmittelverarbeitung, mittels Verbesserung der Bewässerung und Optimierung von Transportnetzwerken.
Mittelklasse als Wachstumstreiber
Mit einem Pro-Kopf Einkommen von rund 1600 USD ist Nigeria ein Niedrigeinkommensland. Allerdings zählen laut einer Schätzung der Afrikanischen Entwicklungsbank mittlerweile 10% der nigerianischen Bevölkerung zur Mittelklasse. Bei einer Gesamtbevölkerung von 160 Millionen Menschen bedeutet dies einen potenzieller Absatzmarkt für Konsumgüter von rund 16 Millionen Konsumenten. Außerdem sorgt die kürzliche Verdreifachung des Mindestlohnes zudem für höhere Kaufkraft in der breiten Bevölkerung, was der Telekommunikationsbranche und dem Einzelhandel zugutekommen sollte. Beispielsweise stieg die Zahl der Handynutzer im Februar auf 58% der Gesamtbevölkerung und hat sich somit seit 2007 mehr als verdoppelt.
Generell bleibt aber abzuwarten, ob und wann das enorme wirtschaftliche Potenzial Nigerias als Rohstoffproduzent mit großem Konsumentenmarkt ausgeschöpft werden kann. Von Platz 40 in der Rangfolge der größten Volkswirtschaften bis zu Platz 20 ist bis zum Jahr 2020 noch ein gutes Stück Weg und Reformarbeit zurückzulegen.
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Siehe auch:
Präsentation: Subsaharan-Africa: The continent of the 21st century? (nur in englisch verfügbar)
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14.06.2013