
11. April 2012
Erdgas fristet als Kraftstoff im Straßenverkehr bislang noch ein Nischendasein. Dabei bietet der Energieträger viele Vorteile. Die variablen Kosten sind für den Autofahrer deutlich geringer als bei Benzinern oder Diesel-Pkw. Auch die CO2- und Schadstoffemissionen fallen niedriger aus. Bislang ist aber das Angebot an Erdgasautos limitiert. Ferner ist der Preisaufschlag für viele Kunden noch zu hoch. Das Tankstellennetz müsste weiter ausgebaut werden. Die Probleme sind aber grundsätzlich beherrschbar. Unter dem Strich besitzen Erdgasautos gute Voraussetzungen, ihren Marktanteil in den kommenden Jahren auszubauen.
In den letzten Wochen erreichten die Preise für Benzin und Diesel in Deutschland neue Rekordstände. Im Kern stecken hinter der Preisentwicklung an der Zapfsäule die hohen Ölpreise auf dem Weltmarkt; diese sind eine Folge der steigenden Nachfrage nach Öl, die auf ein nur noch begrenzt erweiterbares Angebot trifft. Dass der Straßenverkehr durch solche Preisschübe besonders verteuert wird, ist wenig überraschend, denn er ist wie kaum eine andere Branche vom Erdöl abhängig. So werden über 99% der 2011 in Deutschland verkauften Pkw mit Benzin oder Diesel angetrieben. In vielen großen Automärkten – etwa in den USA oder China – ist die Situation kaum anders.
Ein Ausweg aus der Kostenfalle führt kurzfristig vor allem über effizientere Verbrennungsmotoren; hier wurden in den letzten Jahren – auch aufgrund staatlicher Regulierung – spürbare Fortschritte erzielt. Die Hybridisierung der Autos zielt ebenfalls darauf ab, den Verbrauch und die Abhängigkeit von fossilen Kraftstoffen zu reduzieren. In der mittleren bis längeren Frist werden große Hoffnungen auf die Elektromobilität oder Wasserstoff gesetzt. Dagegen findet Erdgas als alternativer Kraftstoff im Straßenverkehr in der öffentlichen Wahrnehmung bislang nur wenig Beachtung. Dies ist überraschend, denn Erdgas bietet viele Vorteile sowohl gegenüber Benzin und Diesel als auch gegenüber den Hoffnungsträgern der Zukunft (Elektromobilität, Wasserstoff).
Aus Sicht des Autofahrers zählen die gegenüber Benzinern um rd. 50% geringeren variablen Kosten zu den Vorteilen von Erdgas. Diese resultieren (nicht nur in Deutschland) aus der steuerlichen Begünstigung von Erdgas sowie aus dem höheren Energiegehalt von einem Kilogramm Erdgas gegenüber einem Liter Benzin oder Diesel. Den niedrigen variablen Kosten stehen zwar höhere Anschaffungskosten für Erdgasfahrzeuge gegenüber. Die Aufpreise sind jedoch deutlich geringer als bei Elektroautos. Für Vielfahrer können sich Erdgasautos schon nach wenigen Jahren rechnen. Die Reichweite von Erdgasautos ist zwar noch geringer als bei Diesel-Pkw, aber sie beträgt heute bereits mehrere hundert Kilometer. Angesichts eines inzwischen recht dichten Tankstellennetzes und kurzer Tankzeiten dürfte die Reichweite für sehr viele Nutzer kein K.O.-Kriterium sein; auch dies ist ein wesentlicher Vorteil gegenüber Elektroautos.
Aus ökologischer Sicht besitzen Erdgasfahrzeuge den Vorteil der im Vergleich zu Benzinern um etwa 25% niedrigeren CO2-Emissionen pro Kilometer Fahrleistung; bei Zumischung von Biomethan aus nachhaltigen Quellen fällt die CO2-Bilanz noch besser aus. Dies ist angesichts ambitionierter CO2-Flottenziele auch für die Autohersteller attraktiv, zumal sie – anders als bei der Elektromobilität – auf die bewährte Technologie des Verbrennungsmotors zurückgreifen können. Von weiteren Effizienzverbesserungen bei Ottomotoren profitieren grundsätzlich auch Erdgasautos. Ferner sind die Schadstoff- und Lärmemissionen niedriger als bei Benzinern oder Diesel-Pkw.
Für eine stärkere Nutzung von Erdgasfahrzeugen spricht darüber hinaus, dass die Versorgungssituation auf dem globalen Gasmarkt entspannter ist als auf dem Ölmarkt. Dies liegt nicht zuletzt an der zunehmenden Erschließung unkonventioneller Gasvorkommen etwa in den USA. Die statische Reichweite liegt bei Erdgas deutlich höher als bei Erdöl, d.h. beim aktuellen Verbrauch reichen die globalen Erdgasreserven länger als die Ölreserven. In der längeren Frist dürften zwar die Preise für beide Energieträger steigen, bei Gas könnte die durchschnittliche Preissteigerung aber geringer ausfallen als bei Öl. Letztlich würde eine stärkere Nutzung von Erdgas im Straßenverkehr dessen Abhängigkeit vom Öl reduzieren, wenngleich auch Erdgas ein endlicher fossiler Kraftstoff ist, der in Deutschland größtenteils importiert werden muss.
Probleme von Erdgas nennenswert, aber durchaus beherrschbar
Angesichts der Vorteile von Erdgas als Kraftstoff ist es verwunderlich, dass 2011 gerade mal 0,2% aller Pkw-Neuzulassungen in Deutschland Erdgasautos waren. Dafür gibt es Gründe: So ist das Angebot an Erdgasfahrzeugen bislang noch überschaubar. Eine Umrüstung von Benzinern ist zwar prinzipiell möglich, aber häufig nicht lohnenswert. Für viele Kunden ist der Preisaufschlag zu hoch oder das Tankstellennetz (auch im Ausland) noch nicht dicht genug. Ein Unsicherheitsfaktor resultiert daraus, dass die Steuerbegünstigung für Erdgas nur bis einschließlich 2018 gilt. Dies dürfte einige Privatkunden schon heute vom Kauf eines Erdgasautos abhalten. Nicht zuletzt haben viele Autofahrer mit Blick auf Erdgas als Kraftstoff nach wie vor Sicherheitsbedenken.
Die genannten Probleme von Erdgas sind signifikant, können aber abgemildert werden. So wollen viele Autohersteller ihr Angebot an Erdgasautos erweitern; größere Stückzahlen würden dann den Preisaufschlag für die Autos verringern. Rollen mehr Erdgasfahrzeuge auf den Straßen, rentieren sich wiederum Investitionen in die Tankstelleninfrastruktur. Mittel- bis längerfristig kann der Anteil von Methan auf Basis erneuerbarer Energien erhöht werden (Biomethan, Windgas). Die Politik müsste möglichst bald eine Anschlussregelung für die befristete Steuerbegünstigung finden. Eine schrittweise Reduktion der Begünstigung über mehrere Jahre könnte eine Option sein. Die niedrigen CO2-Emissionen wären sogar ein Argument für eine gewisse dauerhafte steuerliche Besserstellung von Erdgas gegenüber Benzin oder Diesel, zumal sich die Politik zum Ziel gesetzt hat, den Anteil von Erdgasfahrzeugen zu erhöhen. Alle Beteiligten müssten die Vorzüge von Erdgas als Kraftstoff noch offensiver kommunizieren. Unter diesen Voraussetzungen könnten Erdgasfahrzeuge in den nächsten Jahren allmählich ihre Nischenposition verlassen.
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