Aktueller Kommentar
Deutsche Industrie: Stagnation im Jahr 2012

10. Februar 2012

 

Die deutsche Industrie kann auf zwei insgesamt starke Jahre mit hohen Wachstumsraten zurückblicken. 2012 wird hingegen ein deutlich schwächeres Jahr werden, in dem die Industrieproduktion insgesamt stagnieren dürfte – allerdings auf hohem Niveau. Der Abschwung ist bereits seit Mitte 2011 spürbar: die Krise in der EWU und die Verlangsamung der Weltkonjunktur beeinträchtigen auch die deutsche Industrie.

Die deutsche Industrie konnte im Jahr 2011 mit einem realen Produktionswachstum von 9% gg. Vj. erneut ein starkes Jahr vorweisen (2010: 11,5%). Damit haben die deutschen Unternehmen den durch die globale Finanz- und Wirtschaftskrise bedingten Einbruch des Jahres 2009 (-17%) wieder wett gemacht. Die stärksten Wachstumsbranchen 2011 waren die Elektrotechnik (Produktionsindex: +14%), die Automobilindustrie (+13,4%), der Maschinenbau (+13%) und die Metallerzeugung (+12%). Impulse kamen sowohl vom Inlands- als auch vom Auslandsmarkt. Insbesondere in den exportstarken Branchen Maschinenbau und Automobil, aber auch in der pharmazeutischen Industrie, überstieg die Nachfrage aus dem Ausland das Wachstum der Inlandsaufträge. In den konsumnahmen Branchen Textil- und Bekleidungsindustrie konnte 2011 jeweils ein kleines Produktionsplus erzielt werden.

Bremsspuren seit Mitte 2011

Die positive Gesamtbetrachtung darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass seit Mitte des Jahres 2011 deutliche Bremsspuren zu verzeichnen sind. Wenig überraschend ist, dass die Abkühlung in den frühzyklischen Branchen wie der chemischen Industrie, die vor allem Vor- und Zwischenprodukte produziert, frühzeitig einsetzte. Die Automobilindustrie oder die Elektrotechnik bekamen die konjunkturelle Verlangsamung hingegen erst ab Herbst zu spüren, haben aber nun deutliche Rückgänge zu verzeichnen. Auch die Kapazitätsauslastung ist im 2. Halbjahr 2011 von ihrem Hoch Mitte des Jahres bei gut 86% um 2 Prozentpunkte gesunken.

Stagnation im Jahr 2012 auf hohem Niveau möglich

Der Ausblick für das Jahr 2012 ist von hoher Unsicherheit geprägt. Zwar hat sich die Sorge der Investoren um die EWU etwas gelegt. Auch sind seit Jahresbeginn Zuwächse auf den Aktienmärkten zu verzeichnen. Die EWU-Krise ist aber längst noch nicht beigelegt. Vor allem die Notwendigkeit zur Konsolidierung der öffentlichen Haushalte drückt das Wachstum in zahlreichen EWU-Ländern. Dies ist auch bei den Aufträgen der deutschen Industrieunternehmen zu spüren. So sind die Aufträge aus den Ländern der Eurozone im Dezember um 6,8% gg. Vm. zurückgegangen (Nov. -4,8%). Dies dürfte z.B. den Maschinenbau belasten, für den Italien und Frankreich zu den fünf wichtigsten Absatzmärkten zählen. Aber auch die deutsche Automobilindustrie setzt ca. die Hälfte der Pkw-Exporte in Westeuropa ab. Das gesunde Wachstum auf dem asiatischen Markt dürfte hingegen 2012 stabilisierend wirken. Die Wirtschaft in China – ein wichtiger Absatzmarkt für Maschinen, Autos und Elektronik – wird 2012 immerhin um gut 8% zulegen. Dies ist zwar eine schwächere Dynamik als in den Jahren zuvor (2011: +9,1%; 2010: +10,3%), aber weiterhin robust und eröffnet den deutschen Produzenten von Investitions- und Konsumgütern Chancen. Davon wird auch die Elektrotechnik profitieren, die bereits 2011 in China ein beachtliches Umsatzwachstum erzielen konnte.

Erholung der Branchenkonjunktur im 2. Halbjahr

aDie leichte Entspannung in der EWU-Schuldenkrise hat auch zu einer Aufhellung der Stimmung in der deutschen Wirtschaft beigetragen. Der ifo-Index hat im Januar zum dritten Mal zugelegt; das Klima im Verarbeitenden Gewerbe stieg erst zum zweiten Mal, auf nun 104,2. Der Saldo aus positiven und negativen Meinungen bei den Geschäftsaussichten ist zwar in den meisten Industriebranchen noch leicht negativ. Die Talsohle ist aber wohl durchschritten. In der frühzyklischen Chemiebranche hat der Saldo der Geschäftserwartungen sogar schon wieder positive Werte erreicht. Dies spricht dafür, dass die Industrieproduktion nach einem schwachen ersten Halbjahr zur Jahresmitte wieder zulegen wird.

So könnte bspw. die Automobilbranche ihre Produktion 2012 auf hohem Niveau insgesamt um real rd. 1% ausweiten. Für das deutlich abgeschwächte Wachstum im Vergleich zu 2011 ist die geringere Dynamik der Autokonjunktur in wichtigen Abnehmerländern (z.B. China), aber auch in Deutschland maßgeblich. Der Maschinenbau dürfte den schwachen Jahreswechsel 2011/12 im Verlauf des Jahres 2012 allmählich wieder fast völlig ausgleichen. Die sich im Jahresverlauf verbessernde Weltkonjunktur kommt auch Stahl und Eisen zugute. Die Metallpreise dürften schon vor der Fertigung anziehen. Die Geschäftserwartungen der deutschen Elektroindustrie haben sich zum Jahresbeginn wieder deutlich aufgehellt. Ausgehend von einem negativen Überhang erwarten wir für das laufende Jahr insgesamt in der deutschen Elektroindustrie ein Null-Wachstum; die Dynamik dürfte aber auch hier im 2. Halbjahr wieder zunehmen. Die Produktion in der Chemieindustrie weist ein ähnliches Profil auf, wird aber in 2012 um ca. 2% zurückgehen.

Die Produktion in der Textilindustrie dürfte 2012 leicht nachgeben, während in der Bekleidungsindustrie  2012 strukturelle Gründe (Produktionsverlagerungen) wieder dazu führen werden, dass die inländische Fertigung spürbar schrumpft. Sehr stabil entwickelt sich – wie zumeist in der Vergangenheit – das Ernährungsgewerbe und die Pharmabranche. Hier sind für 2012 keine großen Überraschungen zu erwarten. Insgesamt prognostizieren wir, dass 2012 eine Stagnation der Industrieproduktion auf hohem Niveau möglich ist.

 

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Antje Stobbe (+49) 69 910-31847
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