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Aktueller Kommentar
Neue deutsche Rohstoffpolitik: Spät, aber nicht zu spät

24. Oktober 2011

 

Die kürzlich unterzeichnete, erste deutsche Rohstoffpartnerschaft markiert eine Zeitenwende in der deutschen Rohstoffpolitik. In den letzten Jahren hat sich der Wettbewerb auf internationaler Ebene spürbar intensiviert. Die Neuausrichtung öffnet Geschäftspotenziale und verspricht eine stabilere Rohstoffversorgung.

Dass dereinst die Mongolei die Zeitenwende in der deutschen Rohstoffpolitik symbolisiert, war vor kurzem noch keineswegs zu erwarten. Gleichwohl macht die neue Destination aus vielerlei Gründen Sinn und zeigt, wie ernst die Rohstoffthematik neuerdings am Industriestandort Deutschland wieder genommen wird.

Die deutsche Rohstoffgeschichte ist geprägt durch extreme Wechselhaftigkeit und Brüche. Schon ein kurzer Blick zurück verdeutlicht dies: Zunächst kam es vor allem im 18. und 19. Jahrhundert zum Aufbau internationaler Rohstoffengagements. Dem folgte 1945 freilich ein herber Rückschlag mit der Enteignung des deutschen Auslandsbesitzes. Danach dauerte es viele Jahre bis die heimischen Rohstoffkonzerne – angetrieben auch vom Rest der deutschen Industrie – die Strategie der Rückwärtsintegration in ausländische Bergbauaktivitäten beherzt umsetzten. Fahrt nahm die Neuausrichtung insbesondere Anfang der 1970er Jahre im Zuge der ersten Ölpreiskrise und der Club-of-Rome-Studie zu den „Grenzen des Wachstums“ auf. In der Folge kam es zu politischen Rohstoffförderprogrammen wie dem DEMINEX-Programm (für eine verbesserte Erdölversorgung), mehreren Uran-Initiativen (für die Sicherung der Kernenergieerzeugung) sowie Explorations-förderprogrammen für weitere (importabhängige) mineralische Rohstoffe.

Anfang der 1990er Jahre dann erneut eine Kehrtwende. Eine Ursache war der überraschende Niedergang eines namhaften deutschen Rohstoffkonzerns mit Fokus Industriemetalle. Hinzu kam die Einschätzung, dass sich die Situation an den Rohstoffmärkten merklich verbessert hätte. Dafür sprach erstens die Öffnung Osteuropas inklusive des Rohstoffriesens Russland; das ermöglichte stabilere und größere Liefermengen und damit ein entspanntes Rohstoffangebot. Dafür sprach zweitens aber auch die Preisentwicklung; so sackte der Ölpreis Ende der 1990er Jahre zeitweise unter 10 US-Dollar pro Fass. Für viele Entscheider schien das Ende der teuren Rohstoffabhängigkeit gekommen.

Dass gerade ein neues Kapitel in der deutschen Rohstoffgeschichte beginnt, ja, beginnen muss, hat mehrere Gründe: Nicht zuletzt wurde der Aufstieg der bevölkerungsreichen Länder Asiens und damit deren steigender Rohstoffhunger lange unterschätzt, weil als eher temporäres Phänomen eingestuft. Insbesondere China verfolgt seit spätestens Mitte des letzten Jahrzehnts eine aggressivere Rohstoffpolitik. Motiviert wurde dies durch herbe Rückschläge in internationalen Vertragsbemühungen, z.B. im Erdgas- und Ölgeschäft gegenüber Ländern wie Russland. Heute sichert das Reich der Mitte seinen Rohstoffbezug (nicht nur Energie), indem es große Vorkommen überall auf der Welt (nicht nur Afrika) kauft und damit dem Weltmarkt dauerhaft entzieht. Überdies werden für eigene, üppige Rohstoffvorkommen wie Seltene Erden extreme Preise verlangt und Lieferkontingente (wurden) festgelegt. Die scharfe Disziplinierung seitens der Welthandelsorganisation WTO Mitte 2011 wird schon wieder in Frage gestellt; dies zeigt die aktuelle (politisch motivierte) einmonatige Produktionspause. Per Saldo bedeutet all das: die Auseinandersetzung um die perspektivisch immer knapperen Ressourcen ist weltweit bereits in vollem Gange.

Dass die deutsche Politik nun engagiert reagiert, und den Unternehmen auf ihrem Weg in die neuen Rohstoffländer die erforderliche Rückendeckung gibt, ist ein gutes Zeichen. Freilich muss es bei einer Arbeitsteilung bleiben. Die Politik schafft den richtigen ordnungspolitischen Rahmen, beseitigt Stolpersteine und bietet den Rohstoffländern zukunftsträchtige Partnerschaften an. Den Unternehmen wiederum obliegt das operative Rohstoffgeschäft; von der Erschließung über den Transport bis zur Einbindung in die vielfältigen industriellen Fertigungsketten rund um Autoproduktion, Maschinenbau und Elektrotechnikerzeugnisse.

Die Mongolei, reich an Bodenschätzen wie Kupfer, Kohle, Gold und Seltene Erden ist freilich ein optimaler Startpunkt, ist sie doch eingebettet zwischen Russland und China. Das birgt einerseits große Absatzchancen. Andererseits strebt das bevölkerungsarme Land  aber auch nach mehr Unabhängigkeit gegenüber den übermächtigen Nachbarn. Das soeben unterzeichnete erste deutsche Regierungsabkommen über eine Zusammenarbeit im Rohstoff-, Industrie- und Technologiebereich bietet für beide Länder große Chancen. So könnte dank deutscher Kohleverflüssigungs- und Vergasungstechnologien die Ölabhängigkeit der Mongolei gegenüber Russland künftig merklich sinken.

Der ersten Rohstoffpartnerschaft sollten viele weitere folgen. Ohne eine intensivierte Zusammenarbeit von Wirtschaft und Politik besteht die Gefahr, dass Deutschland im sich künftig verschärfenden internationalen Wettbewerb um die relativ knapper werdenden Ressourcen auf der Strecke bleibt. Freilich ist die deutsche Rohstoffpolitik stets auch einzubetten in europäische Initiativen, da Europa nur gemeinsam gegenüber den Wachstums- und Machtzentren in Amerika und Asien bestehen kann.

 

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