
"One laptop per child - Das ist unser Name und auch unsere Vision..."
19. Dezember 2008
So startet der Kurzfilm der von Nicholas Negroponte, Professor und Leiter des MIT Media Lab, gegründeten Stiftung OLPC. Was verbirgt sich hinter diesem Projekt? Die gemeinnützige Organisation hat sich zum Ziel gesetzt, jedes Kind in den Schwellen- und Entwicklungsländern mit einem kindgerechten Laptop – dem XO-1 auszustatten, der nicht mehr als 100 Dollar kosten darf. Ein sportliches, aber durchaus realisierbares Ziel, wenn man die Massen an bedürftigen Kindern sieht und sich im ökonomischen Sinne Skaleneffekte zu Nutze machen kann. Dadurch, dass Länder bzw. Regierungen Millionstückzahlen bestellen, kann der Preis gedrückt werden. Bezahlt wird der Laptop von den jeweiligen Regierungen, so dass für die Kinder und deren Eltern keine Kosten entstehen. Auf diese Weise wurden beispielsweise mehr als 400.000 Laptops über Schulen nach Südamerika ausgeliefert.
Der kleine XO-1 braucht sich nicht hinter seinen großen Konkurrenzlaptops verstecken.
Was bedeutet kindgerecht? Kinder im Alter von sechs bis zwölf Jahren brauchen einen Laptop, der robust und schulalltagstauglich ist und im besonderen Maße Druck, Nässe, Hitze und leichten Erschütterungen standhält. Die Software „Sugar“ bietet Kindern, die noch nicht lesen oder schreiben können, die Möglichkeit, durch eine Benutzeroberfläche mit selbsterklärenden Symbolen die verschiedenen Funktionen des Rechners spielerisch zu erlernen. Der 1,45 kg leichte Laptop lässt sich als E-Book genauso gut verwenden wie als modernes (soziales) Kommunikationsmittel, mit dem man netzbasiert Video- und Telefongespräche führen sowie mit Hilfe von Mesh-Netzwerken* miteinander chatten kann. Mit 2-4 Watt verbraucht der Laptop relativ wenig Energie und selbst in entlegenen Gebieten kann man ihn unkonventionell mit einer Handkurbel aufladen. Als weitere Besonderheit gibt es den Rechner in zahlreichen exotischen Fremdsprachen (z.B. Kasachisch und Mongolisch), um Sprachbarrieren zu überwinden.
Eine Initiative, die Innovation und Bildung fördert
Die Initiative verfolgt sowohl ökonomische, als auch soziale Ziele: OLPC fördert wachstumsrelevante Innovation, indem mit relativ wenig Mitteln qualitativ gute Hard- und Software in einem Laptop für Kinder zusammenkommen. Die Stiftung hat einen wachsenden Markt für relativ kleine und kostengünstige Laptops entstehen lassen. Durch den Einsatz von Open Source Software wird auch dafür gesorgt, dass die innovative Weiterentwicklung und die Software-Entwicklungsprozesse nachhaltig geöffnet bleiben. Seit 2005 steht die Software im Netz zur freien Nutzung und freiwilligen Mitentwicklung als Open-Source-Projekt zur Verfügung. Weiterhin wird in frühe Bildung investiert, damit die Jüngsten einen Zugang zum weltweiten digitalen Wissensbestand erhalten. Die Kinder bekommen mit dem erhaltenen Lernwerkzeug eine zusätzliche Möglichkeit, sowohl in Schulen als auch privat fürs Leben zu lernen. Hier wird auf sinnvolle Weise kindliches und somit flexibles und schnelles Lernen gefördert. Aber reicht das aus?
OLPC hat jede Menge Gegenwind
Es gibt auch kritische Stimmen: Zum einen konnten die Produktionskosten bisher nicht auf 100 Dollar reduziert werden. Hardwareanbieter versagen Negroponte teilweise die Unterstützung, weil sie zuviel Konkurrenz im Niedrigpreissektor befürchten. Einige der Eltern in Schwellen- und Entwicklungsländern sind zudem vorsichtig bei neuen Technologien, die sie selbst nicht beherrschen und ihren Kindern nicht nahe bringen können. Darüber hinaus wird kritisch hinterfragt, was mit jenen Kindern passiert, die nicht zur Schule gehen. Bekommen sie die gleiche Chance? Man könnte alternativ mit den finanziellen Mitteln, die von den Regierungen für das Laptop-Projekt aufgewendet werden, auch die Zahl der Schulen und gut ausgebildeten Lehrkräfte vergrößern und dafür sorgen, dass jedes Kind zumindest primäre Schulbildung erhält. Mit dem Aushändigen der Hard- und Software ist es nicht getan. Zusätzlich muss gut ausgebildetes Personal das Projekt vor Ort betreuen – auch für Kinder in unwegsamen Gebieten. Mitte dieses Jahres konnte es Microsoft zudem erreichen, dass neben Linux auch das Betriebssystem Windows auf den Laptops der Kinder angeboten wird. Die Kooperation mit Microsoft hat dafür gesorgt, dass einzelne führende Mitarbeiter in der OLPC-Stiftung ihr Amt niederlegten mit der Erklärung, dass dies nicht mit dem Gedankengut der nicht proprietären Open-Source-Welt übereinstimme.
Eine einfache Spendenaktion…
Letztes Jahr im Herbst wurde die Vertriebsausrichtung erstmals umgestellt. In den USA führte man die Spendenaktion „Give 1, Get 1 (G1G1)“ ein. Schwellen- und Entwicklungsländer werden zwar bevorzugt behandelt, aber man möchte Industriestaaten nicht per se ausschließen, d.h. ab diesem Zeitpunkt konnten nicht nur, wie ursprünglich angedacht, ganze Länder den Laptop nachfragen, sondern auch Individualkonsumenten in westlichen Ländern. Dadurch, dass man einen XO-1 käuflich erwirbt, spendet man gleichzeitig einen zweiten Laptop für ein mittelloses Kind.
Seit Mitte November 2008 sind zwei Laptops über dieselbe Spendenaktion auch auf dem europäischen Markt für einen Preis von ca. 380 Euro erhältlich. OLPC wird von den Vereinten Nationen unterstützt, die sich als zweites von acht Millennium-Zielen die globale Bereitstellung von Grundschulausbildung bis 2015 gesetzt hat (http://www.un.org/millenniumgoals/pdf/mdg2007.pdf). Die Mission ist eine Möglichkeit die digitale Kluft, den so genannten „digital divide“, zwischen den Industrienationen und den Schwellen- und Entwicklungsländern zu reduzieren. Eine neue Version des Laptops, der „XO-2“ ist für 2010 geplant.
…führt zur (digitalen) Annäherung der ersten und dritten Welt
Die Initiative „One laptop per child“ ist unserer Meinung nach ein wichtiger Beitrag, um die Bildungschancen für Millionen Kinder in wirtschaftlich unterentwickelten Ländern relativ schnell und nachhaltig zu verbessern. Hierfür muss aber noch mehr getan werden: Zum einen müssen die Kosten für die Baureihe XO weit unter die Grenze von 100 Dollar gesenkt sowie der offene Innovationsprozess weiter in Gang gehalten werden. Zum anderen muss gewährleistet sein, dass es nicht bei der einmaligen Übergabe der Laptops bleibt, sondern betreuendes und gut ausgebildetes Personal die einzelnen Projekte begleitet. Ziel und Strategie der Stiftung muss sein, jedem armen Kind die gleiche Chance zu geben, damit die Lebensbedingungen in Schwellen- und Entwicklungsländern verbessert werden können. Auch wenn mit diesem Projekt Neuland beschritten wird, ergibt sich hierdurch die Möglichkeit, mit einer innovativen Idee eines kleinen, handlich für Kinderhände gefertigten Laptops die dritte und erste Welt anzunähern. Damit wird die Vision zur Wirklichkeit. Trotz kritischer Stimmen sollte das Projekt unserer Einschätzung nach weiter unterstützt werden, denn OLPC hat Potenzial und sorgt für Veränderungen.
* (engl. mesh „Masche“, „Netz“)
Quelle: http://www.laptop.org, One laptop per child, Cambrigde, USA
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