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Open Innovation - Unternehmen öffnet euch!

10. November 2011

 

Verkürzte Produktlebenszyklen, sich schnell ändernde Konsumpräferenzen, globaler Wettbewerbsdruck sowie der digitale Strukturwandel zwingen die Unternehmen, kontinuierlich ihre Produkte und Dienstleistungen zu verbessern. Open Innovation, d.h. die interaktive Einbindung externer Akteure, ist eine Möglichkeit, Innovationsprozesse teilweise zu externalisieren, um dadurch Innovationspotenziale zu heben.

Ob Lebensmittel, Pflegeprodukte, Maschinenbaukonstruktionen oder Software, interaktive Wertschöpfung wird sowohl in Forschung und Entwicklung als auch in Marketing- oder Vertriebsprozessen vieler Konzerne erfolgreich umgesetzt. Vermehrt ziehen kleine und mittlere Unternehmen nach, erhöhen dadurch ihren Ideenfluss und intensivieren die Kundenbindung. Das Bedürfnis der Menschen, sich im globalen Mitmach-Web freiwillig zu engagieren, stellt dabei einen elementaren Treiber dar.

Die Öffnung des Wertschöpfungsnetzes für externe Wissensträger, z.B. Kunden, Zulieferer, Wissenschaftler, Hobbybastler oder Geschäftspartner, ermöglicht den Unternehmen, näher am Markt und somit näher an der Nachfrageseite zu agieren. Externes Know-how einzuholen ist erst einmal keine Neuheit, greift das Unternehmen allerdings zusätzlich zu den Ideen auch auf die Lösungsansätze externer Akteure zurück, kann die interaktive Wertschöpfung zwischen Konsument und Produzent das Absatzrisiko neuer Produkte oder Dienstleistungen merklich reduzieren. Bei einer hohen Anzahl an Internet-Nutzern (und potenziellen Problemlösungen) entfaltet sich die Ideengenerierung auf virtuellen Plattformen optimal. Die Ideensuche kann somit in einem ersten Schritt über das Web geschehen und im zweiten Schritt können sogenannten Lead User* (Trendsetter) in einem physischen Innovationsworkshop die eingereichten Ideen evaluieren.

Die Einbindung externer Ideen ermöglicht unvoreingenommene, nicht mit der ursprünglichen Entwicklungsstrategie des Unternehmens vertraute Problemlösungen zu finden. Externe Ideenlieferanten haben die nötige Distanz, um unkonventionell an Probleme heranzugehen. Der Innovationsprozess erfährt dadurch mehr intuitives Verhalten und Dynamik. Die Vielzahl an teils quergedachten Lösungsvorschlägen erweitert entsprechend den Problemlösungspool. Natürlich sorgt nicht jede eingereichte Idee für Absatzsprünge, aber unbelastete Lösungsvorschläge können bestehende Denkroutinen durchbrechen. Dies kann die F&E einer neuen Oberflächenbeschichtung ebenso erleichtern und beschleunigen, wie die Suche nach einem neuen Produktdesign. Einsparungen bei Such- und Transaktionskosten können zwar positiv zu Buche schlagen, dabei ist jedoch zu beachten, dass bei der teilweisen Externalisierung von Innovationsprozessen zusätzliche Kosten entstehen, z.B. durch die Pflege der virtuellen Austauschplattform, für neue Anreizmechanismen oder die Bewertung bzw. Implementierung von Ideen.

Aufgrund der Systemkomplexität stellt die interaktive Wertschöpfung die Unternehmen vor neue Herausforderungen. Ohne Strategie gehen die Vorteile des Öffnungsprozesses schnell verloren. Das Management muss sich neue Kompetenzen aneignen, um beispielsweise die virtuelle Plattform angemessen zu pflegen und zu betreuen. Dazu zählt auch die Fähigkeit, den Umfang sowie die Suche der Problemlösung auf der virtuellen Plattform so detailliert wie möglich zu beschreiben, damit externe Wissensakteure selektiv, gemäß ihrer Fähig- und Fertigkeiten adäquate Lösungen anbieten können. Heuristiken zur Bewertung der Vorschläge sind ebenso notwendig, wie der professionelle Umgang mit (schroffer) Kritik. Manche interne Kompetenz kann dabei durch externe Ideenlieferanten in Frage gestellt werden. Open Innovation ist gerade zu Beginn des Wertschöpfungsprozesses ein ergänzendes, kein ersetzendes Instrument.

Die Zurückhaltung mancher Unternehmen, aktiv in die interaktive Wertschöpfung einzutauchen, liegt u.a. im Umgang mit immateriellen Schutzrechten begründet. Natürlich funktioniert Open Innovation auch innerhalb klassischer Schutzrechte, wird aber bei offenen Schutz- und Lizenzierungsmodellen leistungsfähiger. Weitere Open Innovation hemmende Faktoren sind auch die Angst vor Kontrollverlust, Sabotage und Spionage (Hacking).

Grundsätzlich eignen sich zahlreiche Branchen für die interaktive Wertschöpfung mit externen Wissensträgern. Besonders aber bei Branchen mit kurzen technischen Produktlebenszyklen kann die Prozessöffnung erfolgsversprechend sein. Laut OECD setzen vermehrt Telekommunikation, Elektronik, Pharmaindustrie, Chemie und Fahrzeugindustrie offene Innovationsmodelle ein. Aber auch der Konsumgütermarkt eignet sich in besonderem Maße, da sich Kunden leicht mit den Produkten und Dienstleistungen identifizieren können. Für jene Unternehmen, die Standardprodukte vertreiben, aber Nischenmärkte erschließen möchten, sind Instrumente aus dem Bereich Open Innovation eine gute Chance, sollte es ihnen gelingen, externe Wissensträger des Nischenmarktes, insbesondere Lead User, in den Wertschöpfungsprozess mit einzubinden.

Zukünftig wird sich die Philosophie von Open Innovation in vielen Branchen wiederfinden. Der web- und technologiebasierte Instrumenteneinsatz bietet viel Ausbau- und Experimentierpotenzial. Der technologische Fortschritt wird bestehende Infrastrukturen weiter modernisieren, die digitale Kompetenz der Menschen wird zunehmen und neue Beteiligungs- und Kollaborationsformen werden sich herausbilden. Hierbei ist die Öffnung von Innovationsprozessen nicht ausschließlich auf die Wirtschaftswelt beschränkt. Auch in öffentlichen Verwaltungseinrichtungen und politischen Institutionen zeigt sich vermehrt Öffnungsbereitschaft. Echte Interaktion zwischen Verwaltungseinrichtungen und aktiven Bürgern (Open Government) bietet grundsätzlich vergleichbares Potenzial wie Open Innovation. Öffnungsprozesse sind kein Innovationsgarant, bieten aber sicherlich neue Wege, die Herausforderungen des digitalen Zeitalters anzugehen.

 

*Mehr Infos:

Dapp, Thomas:

Die digitale Gesellschaft: Neue Wege zu mehr Transparenz, Beteiligung und Innovation.

 

 

 

 

 

 

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