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Aktueller Kommentar
Junge kaufen weniger Autos

22. Juli 2013

 

Der Anteil der unter 30-Jährigen an den Pkw-Neuzulassungen sinkt seit Jahren; heute spielt diese Bevölkerungsgruppe für den deutschen Automarkt nur noch eine kleine Rolle. Maßgeblich hierfür sind viele sozio-ökonomische und demografische Trends, die sich auch künftig fortsetzen dürften. Die Möglichkeiten der Autohersteller, diesen Trends entgegenzuwirken, sind begrenzt. Gleichwohl ist die Entwicklung für die Branche nicht existenzbedrohend.

aAktuell finden sich in den Medien vermehrt Aussagen von Unternehmen, Wissenschaftlern, Politikern oder NGOs, dass die Bedeutung des Autos für jüngere Menschen stetig sinke. Das Auto habe als Statussymbol für jene Bevölkerungsgruppe ausgedient. Stattdessen würden für diese so genannten „Digital Natives“ elektronische Geräte wie Smartphones oder Tablets sowie die Interaktion mit Gleichgesinnten in sozialen Netzwerken das eigene Fahrzeug als wichtiges oder gar wichtigstes Konsumgut ablösen.

Beim Blick auf die Statistiken zum deutschen Automarkt ist zu erkennen, dass diese Aussagen zwar einen wahren Kern haben, jedoch nicht die ganze Geschichte erzählen. So lag laut Kraftfahrt-Bundesamt der Anteil der unter 30-Jährigen an den gesamten Pkw-Neuzulassungen in Deutschland im 1. Halbjahr 2013 bei nur noch 2,7%. Dies ist der niedrigste jemals erzielte Wert und verdeutlicht die geringe Bedeutung der Bevölkerungsgruppe für den hiesigen Automarkt. Nimmt man als Bezugsgröße nur die Pkw-Neuzulassungen privater Halter, so kommen die unter 30-Jährigen immerhin auf einen Anteil von 6,5%; jedoch ist auch dies ein historischer Tiefstwert. Im Jahr 1999 erreichte die Bevölkerungsgruppe noch Anteile an den Neuzulassungen von 5,7% bzw. 9,6%. Schon damals zählte sie also nicht zu den wichtigsten Kunden der Branche.

Bei der Analyse der Entwicklung der Marktanteile von 1999 bis heute ist auffällig, dass die stärksten Rückgänge in der ersten Hälfte des Betrachtungszeitraums zu verzeichnen waren. So sank der Anteil der unter 30-Jährigen an den gesamten Pkw-Neuzulassungen in Deutschland von 1999 bis 2005 um 2,3%-Punkte, seither jedoch nur noch um 0,7%-Punkte. Dass junge Menschen weniger Autos kaufen, ist demnach kein neues Phänomen, sondern ein Trend, der sich zuletzt sogar verlangsamt hat. Die starke Verbreitung moderner elektronischer Konsumgüter kann also nicht der wesentliche Treiber für die Zurückhaltung der Jungen beim Autokauf sein. In der Tat sind hierfür viele Gründe maßgeblich:

  • Eine wichtige Rolle spielt die demografische Entwicklung. So ist der Anteil der unter 30-Jährigen an der deutschen Gesamtbevölkerung zwischen 1999 und 2010 um etwa 2,5%-Punkte gesunken. Allerdings ist der Rückgang ausschließlich auf den geringeren Anteil der unter 20-Jährigen zurückzuführen, die nur zu einem kleinen Teil als Autokäufer in Frage kommen.
  • Darüber hinaus sind die Kosten der Autonutzung sowie die Preise für neue Pkw in den letzten Jahren fast stetig gestiegen. Der durchschnittliche Neuwagenpreis in Deutschland nahm zwischen 1999 und 2012 um 40% zu. Viele jüngere Menschen können oder wollen sich daher kein (neues) Auto leisten.
  • Hinzu kommt, dass der Anteil der Studierenden an den jeweiligen Jahrgängen in den letzten Jahren zugenommen hat. Da Studenten aber zumeist über kein geregeltes Einkommen verfügen, ist ein Auto auch für weniger Menschen aus den betreffenden Altersgruppen erschwinglich.
  • aEin weiterer demografischer Faktor, der sich hemmend auf den Autokauf auswirken kann, besteht darin, dass in Deutschland im Durchschnitt immer später Familien gegründet werden. Einige Menschen schaffen sich aber erst dann ein (neues) Auto an, wenn Kinder auf die Welt kommen.
  • Ferner ist von Bedeutung, dass der Anteil der städtischen Bevölkerung seit Jahren steigt. Gerade junge Menschen zieht es in die Städte, weil sie dort studieren möchten oder attraktive Arbeitgeber finden. Da in Städten der ÖPNV besser ausgebaut ist als auf dem Land, sinkt die Notwendigkeit, ein eigenes Fahrzeug zu besitzen. Zudem sind Parkplätze in der Stadt knapp und daher häufig teuer. Außerdem steigt der Anteil der Single-Haushalte, für die ein eigenes Auto u.a. aufgrund der hohen Fixkosten weniger lohnenswert ist.
  • Parallel zu diesen Trends – wenn nicht sogar als Reaktion darauf – nimmt das Angebot im Bereich Car Sharing oder sonstiger Systeme zu, bei denen man ein Auto zwar fast jederzeit nutzen kann, es aber nicht besitzen muss. So können die hohen Fixkosten eines eigenen Autos vermieden werden. Gewisse Einbußen in puncto Flexibilität nehmen viele Kunden von Car Sharing-Angeboten dabei offenbar in Kauf.

Trend wird sich fortsetzen

In den nächsten Jahren dürfte der Anteil jüngerer Menschen an den Pkw-Neuzulassungen weiter sinken. Viele der oben skizzierten Trends setzen sich mehr oder weniger stark fort. Der Kohorteneffekt wird dabei eine zentrale Rolle spielen. Denn der Anteil der 20- bis 30-Jährigen an der Gesamtbevölkerung geht in den nächsten Jahren deutlich zurück.

Während die Automobilindustrie dieser rein demografischen Entwicklung wenig entgegensetzen kann, dürfte sie versuchen, auf die anderen wirtschaftlichen und sozio-ökonomischen Trends zu reagieren. Schon heute zeichnet sich ab, dass die Autohersteller z.B. zusammen mit Autovermietern, Kfz-Händlern oder branchenfremden Unternehmen integrierte Mobilitätskonzepte entwickeln, bei denen die Kunden das Auto neben anderen Verkehrsträgern im Bedarfsfall nutzen, aber eben kein Eigentum daran haben; jüngere Menschen dürften die wichtigste Zielgruppe für entsprechende Angebote bleiben.

Gemessen an den gesamten Pkw-Verkäufen werden solche Konzepte vorerst eine Nische bleiben. Längerfristig sind integrierte Mobilitätskonzepte, wenn sie denn von immer mehr Menschen angenommen werden, aus Sicht der Automobilhersteller jedoch ein zweischneidiges Schwert. Denn wer einmal gelernt hat, ohne eigenes Auto gut zu leben, wird dies eventuell auch im höheren Alter nicht ändern. Dies würde sich negativ auf das gesamte Käuferpotenzial auswirken. So muss die Branche einerseits auf die oben genannten Trends mit wirtschaftlich tragfähigen Angeboten reagieren. Andererseits ist es aus ihrer Sicht sinnvoll, den Kunden solcher Mobilitätskonzepte die Vorzüge eines selbst genutzten Pkw vor Augen zu führen, damit diese sich später doch noch für ein eigenes Auto entscheiden.

Für die Autohersteller ist auf absehbare Zeit beruhigend, dass bei den meisten jungen Menschen in den aufstrebenden Volkswirtschaften ein eigenes Auto noch immer weit oben auf der Wunschliste steht – trotz schon heute existierender Engpässe bei der Straßeninfrastruktur und lokaler Probleme mit der Luftqualität. Wer das junge Käuferpotenzial in diesen Ländern abschöpfen möchte, muss freilich preislich attraktive Autos anbieten.

 

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