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Crowdfunding – Wenn Menschen für Ideen schwärmen

22. März 2013

 

Die Zahl der Erwerbstätigen sowie die Zahl der Selbstständigen sind in den vergangenen beiden Dekaden kräftig gestiegen. Die positive Entwicklung der Selbstständigen ist fast ausschliesslich auf die allein tätigen Selbstständigen, die sogenannten Solo-Selbstständigen zurückzuführen. Natürlich ist der Schritt in die (Solo-)Selbstständigkeit mit erheblichen Risiken verbunden, denn neben dem notwendigen Startkapital sind auch Einkommen für den laufenden Lebensunterhalt sowie die finanzielle Vorsorge für den Ruhestand erforderlich. Viele Ideen und Projekte der Selbstständigen stehen und fallen daher mit der Finanzierung in den frühen Phasen. Genau hier greift das Prinzip des Crowdfunding.

Neben klassischen Finanzierungsquellen wie Krediten, Venture Capital oder Fördergeldern bieten Crowdfunding-Plattformen eine alternative oder eine ergänzende Finanzierungsart für Jungunternehmen, Frei- und Kreativschaffende (z.B. Künstler, Autoren, Musiker, Journalisten, Designer etc.) oder private Kreditnehmer. Für Start-Ups eignen sich die Plattformen beispielsweise, um über Mikroinvestments ihren Markteintritt vorzubereiten, der Jungautor finanziert sein Erstlingswerk und der Filmemacher kommt auf diesem Wege zu seinem ersten Kinostreifen – alles freiwillig gefördert durch „den Schwarm“. Die Projektkategorien, für die Gelder eingesammelt werden, reichen von Film, Musik und Gaming über Design, Journalismus und Mode bis hin zu web-basierten Technologien oder neuen Produkten für den Einzelhandel.

Im Grunde kann jeder finanzielle Mittel für sein Projekt über einen (öffentlichen) Internetaufruf einwerben. Die Spielregeln des Crowdfunding sind relativ einfach: Zuerst stellt sich der Initiator mit seinem Projekt oder seiner Idee z.B. in Form eines Videos vor und ergänzt sein Vorhaben um schriftliche Erläuterungen. Das Projekt soll möglichst eine breite Zielgruppe inspirieren, so dass über Netzwerkeffekte das kollektive “Geldeinsammeln” ausgelöst wird. Weiterhin folgt die Definition des Fundraising-Ziels, also wie viel Geld für das Projekt eingesammelt werden soll. Zusätzlich wird ein Stichtag bestimmt, bis zu dem die finanziellen Mittel eingesammelt werden sollen. Die Anbindung an soziale Netzwerke, Foren, Blogs und Pinnwände erlaubt eine virale und vor allem kostengünstige Vermarktung des Projekts ohne weitere intermediäre Dienste. Wird das Fundraising-Ziel nicht in der vorgegebenen Zeit und Höhe erreicht, greift das „Alles-oder-Nichts-Prinzip“, d.h. alle Beteiligten bekommen ihre Einlagen zurück.

Die Geldgeber im Crowdfundingprozess sind keine klassischen Investoren, weil sie keine Anteile an dem geplanten Projekt halten, sondern alternativ kompensiert werden. Die Gegenleistungen sind häufig immaterieller Natur oder werden in Form von Sachleistungen (Bücher, Musik-CDs, Kinokarten, Namensnennung im Filmabspann, Mitwirken in einem Video, Privatkonzerte etc.) angeboten, deren Wert sich nach der Höhe der Beteiligungssumme richtet. Die Entlohnung des Schwarms mit Sachwerten bietet auch die Möglichkeit, kreative Förderer interaktiv in die Wertschöpfungsprozesse einzubinden. Über zusätzliche Feedback- oder Abstimmungstools können Ideenwettbewerbe angeboten werden. Hier kann die Crowd mit Ideen zu Design, Blaupausen oder Namensgebungen unterstützen. Dadurch erfährt das Crowdfunding auch eine Art Open Innovation bzw. Crowdsourcing-Komponente.

aIm vergangenen Jahr haben in Deutschland fünf Plattformen fast EUR 2 Mio. über die Crowd eingesammelt. Das Finanzierungsvolumen vervierfachte sich im Vergleich zum Jahr 2011. Insgesamt konnten 2012 über 40% der insgesamt 1.150 Projekte erfolgreich über Crowdfunding finanziert werden.

Das Finanzierungsvolumen der Crowdfunding-Plattformen in Deutschland ist im Vergleich zu den Kreditvolumina klassischer Banken verschwindend gering. Laut Statistik der deutschen Bundesbank verzeichneten die deutschen Banken im vergangenen Jahr ein Kreditvolumen für Unternehmen und Selbstständige von insgesamt EUR 1,4 Bill. Allerdings zeigt die Statistik auch, dass das Kreditvolumen insbesondere für Selbstständige im Zeitraum von 2005 bis zum aktuellen Rand um fast 5% gesunken ist. Demgegenüber sind die Kredite für Unternehmen im gleichen Zeitraum um ca. 25% gestiegen.

Viele (Solo-)Selbstständige, Frei- und Kreativschaffende haben Schwierigkeiten, ihre Projekte zu finanzieren. Künftige Mittelzuflüsse – und damit die Basis für Kreditrückzahlungen – sind schwer abzuschätzen. Daneben verfügen viele der Selbstständigen meist über keine (hinreichenden) Sicherheiten oder regelmäßige Einkommensströme. Eine klassische Finanzierung über Finanzinstitute wird dadurch zur Herausforderung. 

Neben dem Angebot klassischer Bankkredite bieten sich noch Formen der Beteiligungsfinanzierung mittels Venture Capital Fonds an. Allerdings sind die Aktivitäten solcher Fonds insbesondere in den wichtigen Frühfinanzierungsphasen von Projekten und Ideen in Deutschland (auch) eher überschaubar und seit 2008 kontinuierlich gesunken. Die Finanzkrise hat den Markt für Wagniskapital in Deutschland in den vergangenen Jahren relativ stark gebremst. Die Investitionen, die durch Venture Capital finanziert wurden, sind im Jahr 2011 im Vergleich zum Jahr 2008 um 38% auf knapp EUR 687 Mio. geschrumpft. Venture Capital Gesellschaften haben ihr Finanzierungsengagement in der Frühphase deutlich reduziert und ihren Fokus stärker auf Unternehmensbeteiligungen in Wachstumsphasen gelenkt.

aPrivatinvestoren, insbesondere Business Angels, engagieren sich dahingegen grundsätzlich in frühen Unternehmensphasen. Die zentralen Kriterien für eine Business-Angel-Finanzierung sind die Beteiligung einer Privatperson mit eigenen Mitteln am Eigenkapital des Unternehmens sowie eine darüber hinausgehende strategische Unterstützung in Form von Netzwerken und Mentoringprogrammen. Allerdings zeigt auch die Anzahl der Business Angels in Deutschland (noch) deutliches Ausbaupotenzial. Gemäß des Business Angels Netzwerk Deutschland (BAND) wird die Zahl der aktiven Business Angels in Deutschland auf ca. 5.000 Personen geschätzt; sie verfügen über eine jährliche Investitionssumme zwischen EUR 200 und 300 Mio.

Vor dem Hintergrund der begrenzten klassischen Finanzierungsangebote bestehen durchaus Chancen, dass Crowdfunding-Plattformen gerade für Frei- und Kreativschaffende mit eher niedrigem Finanzierungsbedarf an Attraktivität gewinnen. Die Anschub- oder Kombinationsfinanzierung über Crowdfunding könnte sich somit als Nischenangebot künftig stärker etablieren und auch größere Dimensionen erreichen.

Aus der Sicht (potenzieller) Gründer und Selbstständiger ist die unzureichende Versorgung mit Finanzierungsmitteln ein zentrales (volkswirtschaftliches) Problem und kann gerade bei finanzschwachen Gründern zu frühen Projektabbrüchen führen. Auch der Mangel an Expansions- bzw. Wachstumsfinanzierungen führt unter Umständen zu Schließungen bestehender Projekte und Unternehmen. Aus volkswirtschaftlicher, vor allem aus wachstumspolitischer Sicht sind die Anstrengungen der Crowdfunding-Plattformen daher zu begrüßen. Die Finanzierungsidee steckt aber noch in den Kinderschuhen; sie wird sich aber in den nächsten Jahren sicherlich in Zusammenarbeit mit dem Schwarm weiterentwickeln.

 

Mehr Fakten und Zahlen:

 

Crowdfunding: An alternative source of funding with potential.

 

 

 

 

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